Toxische Freund*innen

Was mich an diesem Begriff schon immer stutzig macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der aufs Gegenüber gezeigt wird. Hier betrachten wir den Splitter im Auge des Bruders oder der Schwester, ohne den Balken im eigenen zu bemerken. Und dennoch gibt es natürlich Dinge, die Freundschaften vergiften. Aber sind wirklich immer nur die anderen schuld?

Was zum Beispiel passiert, ist ja, dass wir älter werden. Wir leben unsere Leben, erfahren Neues oder bleiben mal irgendwo stecken. Wir haben Erfolg oder gerade nicht. Wir verlieben uns, wir werden krank, bekommen Depressionen oder Angst vor Entscheidungen. Wir fahren irgendwo hin, verlieren was, lernen neue Menschen kennen, werden beklaut oder beschenkt. Alles natürlich in bunter Reihenfolge, wo meine Freundin jubelt, ist mir gerade nur zum Heulen zu Mute – und umgekehrt.

Die Grundidee der Freundschaft – so wie ich sie verstehe – ist es, die verschiedenen Wege miteinander zu gehen. Das ist oft schwierig, weil man de facto ja immer nur kurze Zeiten miteinander hat. Viel wird telefoniert, geschrieben, mit Fotos illustriert, der Kontakt ähnelt in etwa einem Stand-by-Modus. Man redet und schon ist man in der gemeinsamen Welt. Aber eben. Wer mit dem gleichen Eifer das gleiche Fach studiert hat, geht in den nächsten 25 Jahre vermutlich in verschiedene Richtungen. Kein Wunder also, wenn nahe Menschen im Laufe des Lebens verloren gehen. Die sind natürlich nicht als „toxisch“ verschlagwortet. Das sind eher die, die blass und blasser werden und irgendwann verloren gehen.

„Toxische“ Beziehungen sind dagegen oft enge Beziehungen, die Reibungspunkte haben. Denn was bei Ehepartner*innen nicht unbedingt passt, passt bei Freundschaften auch nicht automatisch. Ich weiß oft um die Macken meiner Lieben, aber es gibt Momente, da kann ich nicht mehr entspannt darüber hinweglächeln. Dann geht es mir selbst gerade mies oder eine Laus krabbelt lang und breit über meine Leber, die Freundin oder der Freund sind mir schlagartig unsympathisch, und waren, wie mir scheint, schon immer doof. Meist verschwindet die Frage und das Gefühl des plötzlichen Fremdseins recht bald wieder. Wir haben uns missverstanden, wir waren selbst in schlechte Laune gewickelt oder auf dem linken Fuß unterwegs.

Was aber, wenn solche Momente mit entsprechenden Zweifeln häufiger werden? Was mir zuerst immer hilft ist, mir klar zu machen, dass dieses Fremdheitsgefühl die pure Wahrheit ist. Wir kennen unser Freund*innen nur bis zu einem bestimmten Punkt. Es wird immer Überraschungen geben. Dinge, die wir uns nie hätten vorstellen können (natürlich auch im Guten). Und die Zusammenstöße oder Missverständnisse weisen genau darauf hin. Und helfen, Freundschaften, so lange sie auch schon halten, nicht zu sehr zu beweihräuchern.

Aber dann gibt es Wiederholungen. Ein Streit flammt immer wieder auf. Eine unterschiedliche Meinung kann nicht einfach stehen bleiben, sondern muss erbittert erneut und erneut ausgefochten werden. Wir ärgern uns über Unpünktlichkeiten, Unzuverlässigkeiten, Nachlässigkeiten, spitze Bemerkungen, dumme Sprüche, dämliche Geschenke. Was tun?

Ich erlebe immer wieder, dass ich in solchen Momenten wirklich denke, ich sei mit einem Monster befreundet, und hätte es leider gerade erst gemerkt. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Schrecken sich wieder verflüchtigt, sobald wir offen miteinander reden und Missverständnisse, plötzlichen Neid oder Frust teilen und dann wieder vergessen.

Wahr ist aber auch, dass aus Freund*innen Gegner*innen wachsen. Corona und der politische Rechtsruck unserer Gesellschaft hat solche Schieflagen in privaten Kontexten durchaus befördert.

Was tun?

Im Grunde bin ich immer für Gespräche. Weil ich eine Freundschaft, selbst wenn sie sich ihrem Ende zuneigt, als zu kostbar empfinde, um einfach den Kontakt abzubrechen. Dabei würde ich auch immer dafür plädieren, sich selbst ins Kreuzfeuer zu nehmen, nicht das Gegenüber. Nicht, weil mein Gegenüber nie Fehler macht, sondern weil ich die einzige Person bin, die – aus meiner Perspektive – damit umgehen kann: Dazu gehört ja auch Nachfragen oder die Bitte, dieses oder jenes nicht mehr zu sagen oder zu tun. Momentan merke ich, dass ich dabei an Grenzen komme. Dass ich die Bereitschaft und die Geduld verliere, solche Gespräche zu führen. Dass mir Freunschaften egal werden. Weil ich vermute, keine Kraft mehr zu haben, Streitigkeiten, spitze Wörter oder (aus meiner Perspektive) verquere Ansichten anzuhören.

Ich hoffe, ich bin damit noch nicht am Ende angekommen. Toxisch, so viel ist mir jedoch klar, möchte ich auch die schwierigsten Freundschaften nicht nennen.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 4. Januar 2025

      Ich habe von Freundschaften geschrieben, nicht von Partnerschaften, Kolleg*innen oder anderen beruflichen Beziehungen, aus denen man nicht so schnell heraus kann, und die in oft existentielle Engpässe führen können. Meine Freund*innen können mich nicht töten, auch wenn eine Trennung viel Verlust bedeutet.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 4. Januar 2025

      Vielleicht wäre mein Satz: „Wenn es toxisch wird, sind es keine Freund*innen mehr“. Denn es geht ja um Menschen, die einen oft jahrzehntelang begleiten, mit denen man durch „dick und dünn“ gegangen ist, die einem gar das Leben in entsetzlichen Momenten regelrecht gerettet haben, mit denen aber irgendetwas fundamental in eine Schieflage gerät. Und dann geht es um das, was ich versuche herauszufinden: Kann ich diese Menschen weiter akzeptieren, weil wir die gemeinsame Geschichte haben, und weil ich sie ja freundschaftlich liebe? Oder eben nicht?

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      • Avatar von Grinsekatz

        Grinsekatz 4. Januar 2025

        Es kommt dann, glaube ich, auf die Art der Schieflage an. Wenn es menschenverachtend wird, liegt für mich das Ende einer Freundschaft nahe. Dazu kommt auch die Art der gemeinsamen Geschichte, im Grunde bin ich schon ein loyaler Mensch. Jemand, der in einem bestimmten Lebensbereich aus der Spur zu laufen droht und mit dem mich darüber hinaus eine lange, gemeinsame Geschichte verbindet, den lasse ich so schnell nicht fallen.

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