Das bewegt mich besonders, wenn ich obdachlose Menschen sehe. Dass sie oft dazu verdammt sind, Zeit einfach nur zu überbrücken. Natürlich sind die Nächte krass bei Wind und Wetter, die Angst vor Überfällen, der Krach, der Dreck, die Einsamkeit. Tagsüber dauern die kleinsten Dinge die längste Zeit: Körperpflege (wenn überhaupt) zu organisieren, Essen, Kleidung. Aber dann.
Am Samstag war in Köln ein Sauwetter. Obdachlose kamen also in den Hauptbahnhof. Aber da war natürlich auch die Polizei. Rumsitzen geht da nicht. Also immer schön im Kreis laufen oder einfach am Ort aufrecht stehen.
Ich hatte die zwei Euro für einen Kaffee. Ich konnte mich also in ein – wenn auch hässliches – Café setzen, lesen, warten. Und am Nachbartisch die Freude eines Jungen verfolgen, der ein Star Wars Laserschwert von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Und lesen.
Neben mir, aber durch eine Glasscheibe getrennt, stand ein Mann. Erst dachte ich, er wartet auf jemanden. Nach einer halben Stunde dämmerte mir, dass er da einfach nur stand. Zwei Plastiktüten in den Händen, einen kleinen Rucksack auf dem Rücken. Er grüßte zwei Polizisten, da schaute ich gerade aus meiner Lektüre auf, die einen randalierenden Rollstuhlfahrer aus einem Rewe abschleppten.
Ich habe anderthalb Stunden gelesen. Der Mann hat anderthalb Stunden neben mir gestanden. Zwei Welten.

Xeniana 26. März 2023
Ich finde das auch immer schwer auszuhalten.
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piri 26. März 2023
Ja, auch Rollstuhlfahrer randalieren! Viel mehr Respekt, als vor dem, habe ich vor dem Mann, der tapfer seine Würde stand.
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Lo 26. März 2023
Sehr gut beschrieben: unterschiedliche Welten..
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monsieurquirit 26. März 2023
Ich werde manchmal demütig, wenn ich sehe, mit wieviel Aufwand, Kraft und vielleicht auch Willen diese Menschen sich abmühen, um zu leben
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Stephanie Jaeckel 26. März 2023
Ich werde diese anderthalb Stunden sicher nicht so schnell vergessen.
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