Paradox im Krieg

Wir gehen arbeiten, einkaufen, nach Hause, der Frühling fährt mit vorsichtigen Fingern über die Gärten und Wiesen, Coronainfektionen steigen und werden gefühlt trotzdem weniger, Alltag halt. Gleichzeitig sind die Medienkanäle voll von Kriegsnachrichten, wer Freund*innen oder Verwandte in der Ukraine hat, bekommt direkte Nachrichten, wir sind wütend über die Russen oder bekommen nur noch das kalte Grausen. Und genau an dem Punkt entsteht ein Paradox: Uns geht es wie immer, dort, im Krieg ist gleichzeitig der aus der Normalität kaum denkbare Ernstfall. Aber genau von dort kommt die Hoffnung. Katja Petrowskaja hat dieses Phänomen in einem Bericht für „Die Zeit“ gerade beschrieben. Ich denke: Natürlich können und müssen wir aus Deutschland helfen. Aber die eigentlich Stärke, der Mut, kommt paradoxerweise von der anderen Seite. Der folgende Absatz ist ein Zitat Katjas aus dem Zeit-Artikel:

Meine Freunde melden sich aus den Luftschutzkellern, aus verbarrikadierten Wohnungen, aus U-Bahn-Stationen verschiedener Bezirke: „Hallo! Hallo! – Am Leben!“ – „Bei uns war alles still.“ – „Vögel, die Vögel singen!“ – „Ich habe mich noch nie so über Sonnenlicht gefreut.“ – „Bei uns miaut es und schnarcht es!“ – „Meldung aus dem Nordosten: Bei uns taut es. Das Wetter ist sonnig.“ Wie kurze Funksprüche per Facebook. Manchmal posten Menschen nur ein Herz oder eine Umarmung. Alle versuchen einander aufzumuntern, zu scherzen. Die Solidarität unter den Menschen ist sagenhaft, wie in einem Epos. Niemals zuvor habe ich so viel Liebe, Zusammenhalt und Stärke gesehen. Ich schaue auf die Facebook-Seite meines Bezirks – „Festung Russaniwka“, einer Halbinsel im Dnipro, auf der hunderttausend Menschen leben. Ein unendlicher Strom von Nachrichten. Da meldet sich eine Tierärztin: Sie geht von Keller zu Keller, um kostenlos Tiere zu versorgen. Ich freue mich, meine Stimmung schwankt die ganze Zeit, aber diese Menschen in Kiew muntern mich auf.“

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. Edith 4. März 2022

    Auch ich habe es in FB so gelesen – Bei uns Ruhe, der Kater räkelt sich, wir gehen in die Praxis arbeiten. Unser Land braucht gesunde Menschen… usw.
    Und das ist gut so! Sich selbst den größten Mut zusprechen und ihn dann zu schreiben für andere, damit sie sich daran auch festhalten können.
    Ich freue mich, dass wir die gleiche Meinung auch hier wieder teilen.
    Einen feinen Abend dir – von mir.

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