Das Unbewusste guckt mit

Das ist ja eigentlich der größte blinde Fleck in meiner Zunft, nicht daran zu denken, dass alles Gesehene auch unbewusst wahrgenommen, gefühlt und gedeutet wird. Wenn ich als Kunsthistorikerin ein Bild betrachte und beschreibe, kann ich zwar nach allen Regeln vorgehen und sorgfältig alles, was ich sehe nennen, zueinander in Beziehung setzen, deuten (oder auch daran scheitern), aber mein Unbewusstes wird längst die Sache auf den Punkt gebracht haben, ohne dass ich die leiseste Ahnung habe. Denn natürlich gibt es Bilder, vor denen dieses Unbewusste zum Beispiel Angst hat. Oder solche, die Ekel erregen oder Lust sogar. Und wer schreibt sowas? Wir sind immer alleine vor Bildern in dem Sinn, in dem jede*r etwas anderes sieht – sehen kann.

Dennoch ist gerade das wiederum das große Verbindende: Weil wir vor Bildern nicht einverstanden sein müssen. Was uns jedoch verloren geht, ist diese Kultur der Bildbetrachtung. Oder – nein, ich weiß nicht wirklich, ob sie verloren geht, weil ich nicht weiß, ob es sie je gegeben hat. Was ich merke: Kaum ein Mensch ist in der Lage, Bilder zu beschreiben. Ich erinnere mich selbst nur sehr vage daran, es ein einziges Mal im Deutsch-Unterricht gelernt zu haben. Nicht viel für ein so kniffeliges Tun. Im Studium war Bildbeschreibung natürlich Pflicht. Aber auch nur noch bei den älteren Professoren (nein, keine Frauen). Es ist ja eigentlich ein ziemlich großer Spass – wer erinnert sich nicht gerne an das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und von wegen „Kinderspiel“. Es ist ein so großes Vergnügen, Dinge zu erkennen und zu benennen. Und wer an die „Kippbilder“ denkt, in denen man zwei unterschiedliche Dinge erkennen kann, ist auch wieder nah am Unbewussten, was uns Dinge erkennen lässt und andere eben gerade nicht. Vielleicht ist der kommende Herbst eine Zeit, sich das eine oder andere Bild anzuschauen und – am besten mit Freund*innen – mal zu beschreiben. Aber erst kommt noch mal der Sommer zurück: 27°C! Die schreien geradezu nach Badesachen und „ab zum Wannsee“!

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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