Nicht unbedingt eine Reiselektüre,

aber durchaus ein gutes Buch: Else Buschheuers „Hier noch wer zu retten? Über die Liebe, den Tod und das Helfen“. Nicht unbedingt ein einfaches Buch. Am Anfang habe ich mich nur im Kreis gedreht. „Das meint die doch jetzt nicht ernst“, habe ich mich gleich mehrfach gefragt. „Wie kann man denn so naiv sein, aber gleichzeitig so reflektiert?“ Ha, und: „Das möchte ich mir auch alles mal leisten können!“ Denn wo die Autorin – ich weiß gar nicht, ob ich jetzt Sabine, Else oder Frau Buschheuer sagen soll (das gehört zum Schwindel vom im Kreis drehen) – so sagenhaft beim Helfen scheitert oder auf allen möglichen Wegen und Umwegen nach Klärung sucht, könnte ich nicht mal einen Fuß setzen: Sterbenden in Kalkutta beistehen zum Beispiel. Ein Luxusprojekt für mich. Oder Leute bei mir aufnehmen, die mir dann eine sauteure Tür zerschmettern. Ich hab nur ein Zimmer, also nix zum Fremde aufnehmen, oder nur unter erschwerten Bedingungen. Tatsächlich liegt da erst mal für mich der Hase im Pfeffer. Ich habe offensichtlich kein „Helfersyndrom“ und kann diesen Wunsch nur staunend betrachten, nicht nachvollziehen. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch Gedanken oder Wünsche, die ich von mir kenne. Ganz banal bei dem Wunsch angefangen, ein guter Mensch zu sein. Oder: geliebt zu werden. Oder: stark zu sein. Oder die Frage, und hier werde ich besonders hellhörig: Wie kann ich in einer Beziehung frei sein?

Ich fing noch in Berlin an, das Buch zu lesen. Am Anfang dachte ich, es seien eher launige Kapitel aus dem Leben einer besonders experimentierfreudigen Frau, die keinem festen Plan folgen, sondern immer wieder an einem neuen Punkt, oder aus einer anderen Perspektive ansetzen. Das stimmt sogar, wobei das „Launige“ sich dann doch mehr und mehr als Ernst entpuppt. Ich bin überrascht, wie selbstverständlich Else Buschheuer alle Angebote ausprobiert, sei es, um ihre kaputten Augen zu heilen, sei es, um ihr so anstrengendes Helfenwollen, und, wie nach einiger Zeit auch klar wird, ihre ostdeutsche Kindheit und, wichtiger noch, den Suizid ihres letzten Ehemannes zu begreifen und damit rumzukommen. Sie macht vor Geisterheilern nicht halt, vor merkwürdigen Therapieangeboten – unter anderem in Kreuzberger Hinterhöfen (die ich zumindest von außen kenne) – Workshops, etc. Schön finde ich, wie sie diese Versuche schildert. Vieles, von dem ich von vorneherein gesagt hätte „das ist doch Quatsch“, beschreibt sie am Ende auch so. Anderes lässt sie einfach als Erfahrung stehen (und ich frage mich noch einmal, ob ich einfach zu wenig Geld habe, um so neugierig oder unvoreingenommen zu sein).

Ungefähr in der Mitte des Buches verliere ich den Faden. Ich kann dieses Helfenwollen nicht nachvollziehen – bzw. weiß nicht, ob ich mich nicht doch zu schämen anfangen soll, weil ich das alles nicht empfinde. Gleichzeitig verliere ich mich selbst auf der Reise quer durch Amerika. Ich verliere meine Verankerung, schwebe kopflos umher, und auch, wenn ich von allem begeistert und überrascht bin, fühle ich mich heikel. Ich leide mit den Dementen, den Alten, Sterbenden und Obdachlosen, von denen Else Buschheuer erzählt, ich leide auch mit ihr, vor allem mit ihrer Angst, das Augenlicht zu verlieren. Es gibt einen Moment, wo ich das Buch am liebsten irgendwo liegenlassen möchte.

Ich lese weiter, ab S. 187 habe ich plötzlich Boden unter den Füßen. Else Buschheuer beschreibt, wie sie zwei Geflüchtete aufnimmt, diesmal sind es zwei Jungs, die einander auf der Flucht kennen gelernt haben und zum Paar geworden sind. Ich kann die Schwierigkeiten nachvollziehen, die alle drei haben. Else, die helfen will (und das auch tut), die Jungs, die endlich Freiheit schmecken und bloß noch genießen wollen (statt sich anzustrengen, Deutsch zu lernen, was sie dann aber doch noch tun, sich anzupassen). Beide Seiten fühlen sich benutzt, die Jungs, weil sie sich als exotisches Beiwerk benutzt fühlen, Else als Helferin, die ihre Unabhängigkeit aufgibt und viele Rechnungen bezahlt. Das erste Aha-Erlebnis habe ich, als Else Buschheuer beschreibt, wie sie versucht, in ihrem Leben vieles anders zu machen, um dann zu verstehen, dass das noch keine Freiheit bedeutet, sondern bloß eine Art Gegenanpassung oder Gegenabhängigkeit. Hier fühle ich mich selbst angesprochen und verstanden. Was ich hier auch endlich verstehe: Die Scham vieler im Osten geborener Menschen, die dort als Kinder und Jugendliche alles geglaubt haben, was in der Schule erzählt wurde. Dieses Eingeständnis, nicht kritisch gewesen zu sein, obwohl das zu diesem frühen Zeitpunkt ja noch gar nicht möglich – oder vielleicht nur mit sehr kritischen Eltern möglich – gewesen war. „Alles was ich für richtig gehalten hatte, schien plötzlich falsch. Und andersherum.“ Ich kapiere.

Gut zu sein, lese ich weiter, bedeutet, offen zu sein. Keine bestimmten Handlungen auszuführen. Gut sein kann gefährlich werden, denn wer offen ist, muss vertrauen und kann missbraucht werden. Für das eigene Wohlergehen zu leben, ist nicht nur unbefriedigend auf die Dauer, sondern auch die Verweigerung, ein Mensch zu werden. Eine andere Aussage, diesmal von Lacan, überrascht und tröstet mich: „Die Wahrheit lässt sich nur halb sagen“. Wahrhaftig sein, geht nicht, sich Vergeuden ist wichtig (und kreativ), Scheitern ist oft nur durch die bürgerliche Brille gesehen schlimm. Dann doch eine überraschende, verwirrende Aussage in dem Interview mit Hugo Schmale, dass unser (bewusstes) Ich von der Gesellschaft, der Umwelt (etc.) geprägt ist, während satte 90% im Unbewussten dümpeln, uns aber im Wesentlichen ausmachen. Na, aber hallo! Ein Schlag vor die Stirn, aber für mich auch ein Augenöffner, was meine Verwirrung hier in Amerika angeht. Weil ich genau darauf vertrauen kann, nicht unbedingt auf die intellektuellen Erklärungsangebote, nach denen ich schnappe. Schönste Überschrift (in dem an Überschriften, und damit auch an Kapiteln nicht armen Buch): „Lieben statt Labern“. Hier lese ich auch, was meine größte Angst ist, nämlich die, davor, verlassen zu werden. Und wie ich davon weg kommen: Immer wieder Neues probieren. Und aufhören, ein unechtes Verhalten an den Tag zu legen, weil ich sonst nicht sichtbar werde, auch wenn ich versuche, höflich oder freundlich zu bleiben.

Else Buschheuer übt in Folge das Nicht-Helfen, bleibt aber Ehrenamtliche in einer Küche für Obdachlose. Sie findet eine gute Balance zwischen Geben und Nehmen, auch weil sie einen Tangokurs besucht. In Bewegung bleiben, das ist ein Fazit, was am Ende bestens zu meiner Reise passt. Sich auf Nichtwissen einlassen, auf Leere. Aber auch auf ein Du. Als notwendigen Spiegel zum Ich.

Else Buschheuer: Hier noch wer zu retten? Über die Liebe, den Tod und das Helfen. Heyne 2019. Ich danke Random House für das Belegexemplar.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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