Migräne (Fortsetzung)

In den schlimmsten Stunden waren die Schmerzen so groß, dass ich dachte, nicht mehr zu leben. Obwohl ich wusste, dass man an Migräne nicht stirbt. Als ich noch sehr jung war, habe ich mich spätestens dann immer wieder gefragt: Wozu? Wozu? Wozu? Dass ich keine Antwort fand, mag nicht verwundern. Aber in diesen schlimmsten Stunden habe ich eine Erfahrung gemacht, die man gut auch ohne Schmerzen machen kann, die aber besonders eindrücklich ist, wenn man eingesperrt ist von/in (?) seinem Körper: Es gibt keine Zeit, wie sie uns unsere Uhren vorgaukeln. Und wichtiger noch: Es gibt überhaupt keine Normalität.

Beide Erkenntnisse habe ich zunächst bloß als Indizien für meine Unzulänglichkeit gehalten. Ich bin nicht normal. Hahaha. Aber auch, wenn ich als alte Häsin mittlerweile weiter bin: Die Erkenntnisse sind beängstigend. Denn woran orientieren, wenn die Normalität einmal weggebrochen ist? Ich stehe viel nackter unter dem Himmel, wenn ich mich nicht auf einen schmerzfreien, „normal“ funktionierenden Körper verlassen kann. Und ich meine damit nicht, einen Antrag auf Behinderung stellen zu wollen, wie das mittlerweile für Migräniker/innen angedacht wird.

Ein Körper, der immer wieder sein Funktionieren versagt, ist eine alltägliche Herausforderung. Denn nicht nur die Attacken sind auszuhalten, sondern auch die Angst davor. Ein solcher Körper beschert einem wahrlich biblische Momente (und niemand fragt, ob man die haben will). Das völlige Stillstehen von Zeit bei extremen Schmerzen ist dabei übrigens ein faszinierendes Extra, auf dass ich zumindest in den jeweiligen Stunden über Stunden gerne verzichtet hätte. Nachträglich erkenne ich hier etwas, was mich paradoxerweise fester in der Welt verankert als fast alles andere. Denn ich war schon mal in diesem Nirwana zwischen Existenz und völliger Leblosigkeit, die möglicherweise dem Sterben vorangeht. Ich habe ein Terrain betreten, auf das sich niemand freiwillig begibt. Und ich habe es bislang jedes Mal wieder verlassen können.

Es gibt keine Zeit. Das zumindest sollte mich trösten, wenn ich vor lauter Stress nicht mehr weiß wohin mit mir. Doch ja, im Ernst. Aber ich bleibe immer noch ratlos vor diesem – wie mir scheint – gesellschaftlichen Problem, dass Schmerzen gefälligst unsichtbar bleiben sollen. Nicht, dass ich bei einer Migräne auch nur eine Fliege im Raum ertragen könnte, ich meine, ein Publikum will ich nie und nimmer. Aber dass Schmerzen tabu sind – kaum übrigens dass wir Worte dafür haben – das empört mich immer mehr. Ist denn „Normalität“ nur ohne Schmerzen zu haben?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. smilane 1. August 2019

    das beschreibst du treffsicher. Dieses sterben wollen, das kenne ich. Ebenso die Angst vor den Schmerzen und den nächsten Migräneanfall. Für mich und sicherlich spreche ich da für alle Migränepatienten, ist es eine enorme Einschränkung der Lebensqualität. Ich lerne gerade, nichts mehr zu planen. Ich entwickel Ideen für meine Freizeit (Ausflüge, Unternehmungen,…) aber planen lassen sie sich nicht mehr. Zu oft kam ein Anfall dazwischen und dann bin nicht nur ich enttäuscht, sondern auch diejenigen die mit wollten….. oft verzichten sie dann auch…. was widerum mir ein schlechtes Gewissen macht, die Migräne in mir länger festsetzt……. ein Kreislauf….
    liebe Grüße

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