Trost beim Lesen

Anfang des Monats, am 8. Juni ist Gerlind Reinshagen 93jährig in Berlin gestorben. Ich hatte sie anlässlich ihrer letzen Buchpremiere im Herbst 2018 zum ersten Mal gesehen, war hingerissen und dachte noch, sie mache Scherze, weil sie von ihrem vermutlich letzten Buch sprach („Atem anhalten“ ist bei Suhrkamp erschienen).

Nicht, dass sie robust gewirkt hätte. Sie war da schon zart und sehr klein, aber ihre Augen so wach und ihre Gedanken so klar, an Sterblichkeit konnte ich so gar nicht denken. Nun habe ich mir ein Buch von ihr gekauft „Zwölf Nächte“, das eine Freundin als das dichteste aus ihrem Werk bezeichnete und gleichzeitig als einen großen Text, der sich nicht zu einer bestimmten Gattung zuordnen läßt. Jeder Satz darin ist so eigen und stößt mir beim Lesen von innen sacht gegen den Kopf. Diese Sprache, und diese Geschichten, die mich erschrecken und auch immer wieder trösten.

„Die Meinung ist gängig unter den Leuten: ist die Leidenschaft tot, ist sie tot, ist sie tot. Was für ein Nonsens! Die meine stirbt und erwacht, stirbt und erwacht – wird niedergeknüppelt von der Person und wieder aufgerichtet vom Bild – ganz wie in den echten Liebesgeschichten.“ (Gerling Reinshagen, Zwölf Nächte, Frankfurt/M. 1989)

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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