Der Reisehund

Man sieht ihn nie. Aber er ist immer da. Und wenn man GUP-py glauben darf, sitzt er in unseren Herzen. Der Reisehund. Wer zum Beispiel glaubte, von sich aus Lust auf Urlaub oder überhaupt Fernweh zu haben, hat die Sache noch gar nicht gewittert: Denn klar, es ist der Reisehund selbst, der an der Leine zerrt und uns nach draußen zieht.

Irritation ist – zumindest seit der Moderne – ein Zentrum der Kunst. Was wäre wenn? Und was wäre, wenn alles ganz anders…? GUP-py, in der Natur ein kleiner Süsswasserfisch, hier jedoch ein Künstlerinnen-Name, arbeitet seit Jahren an diesem anderen Blick auf die Welt. Videos, Rauminstallationen, Fotos und ein Buch kreisen immer wieder um die Frage, ob wir uns so sicher sein können, dass alles so ist, wie wir gemeinhin denken. Die Mittel, die sie einsetzt, sind sparsam. Schwarz-weiße Wandbilder legen sich wie Computerskizzen über die Wirklichkeit eines Raumes und öffnen ihn für unseren Imagination. Nur der Reisehund steht als Koffer mit Luftlöchern hier und da als Objekt am Boden, jedoch seinerseits immer bereit, wieder zu verschwinden. Minimale Abweichungen, eine andere Anordnung der Punkte, eine schiefe Linie, eine Unterbrechung der Symmetrie schärfen unseren Blick und laden quasi als Bruchkanten zwischen Fiktion und Realität dazu ein, eigene Gedanken zu entwickeln.

Die eigentliche Frage bleibt dabei: Was ist der Mensch? Oder konkreter: Was mache ich Mensch eigentlich, während ich denke, einen Alltag zu haben oder in Urlaub zu fahren? Dabei ist das Ganze witziger, als dieser kleine Raumausschnitt ahnen läßt. Denn hinter der kargen Anordnung lauert ein sehr trockener Humor. Dem Reisehund in uns ist tatsächlich längst nicht mit Verstand oder Ernst beizukommen. Das Tier ist ungebremst, es schlägt Kapriolen, und foppt uns hier und da, denn – und wer kennt das nicht, kaum ist die Reise beendet und der Hund im Körbchen, geht die Reise schon wieder los. Ich mag am allerliebsten die kurzen Videos, die uns mit weit ausschwingender Musik von El Fulminador (aka Andrés Castellano) in schnellen Trick-Animationen durch die Hunde-Mensch-Welt führt. Zu sehen noch an diesem Wochenende bei Axel Obiger in der Brunnenstraße 29.

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

  1. menuchaprojekt 29. Mai 2019

    Es könnte aber nicht nur der Tragekoffer für ein Hund sein, sondern eine dieser unzähligen Modetaschen aus Papier, die man beim Shoppen bekommt. Dann wäre es die Sucht zu shoppen, die in uns wohnt und die uns zieht (manipuliert) wohin wir vielleicht gar nicht wollten.

    Gefällt 1 Person

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