Schutzengel?

Seit einiger Zeit beobachte ich eine Renaissance von Schutzengeln, niedlicher kleiner Figuren, die man sich in die Tasche stecken oder an den Rückspiegel im Auto hängen kann, um sich beschützt zu fühlen, oder vielleicht auch, um sich selbst zu motivieren, anderen ein Schutzengel zu sein und zumindest vorsichtig zu fahren. Ich bin überrascht, weil die kleinen Wesen mich so gar nicht an das erinnern, was ich mir im Religionsunterricht unter Schutzengeln vorstellte: mächtige, strahlende Gestalten, die eher ernst denn freundlich gucken, schließlich hieß es, dass sie einen harten Job haben, tagsüber und nachts. Weniger wie kleine Wichtel, sondern eher wie gutartige Spione, meinetwegen auch mit Lederjacke, stellte ich sie mir vor – dass ich einen ganz für mich alleine haben sollte, konnte ich mir ob des Arbeitsaufwandes nicht vorstellen. Irgendwie dachte ich immer, die wechseln sich ab.

Neulich fragte mich jemand unvermittelt, ob ich an Schutzengel glaube. Erstmal war ich sprachlos. Lange hatte ich mir über Engel keine Gedanken gemacht. Obwohl es mir in mehreren brenzligen Situationen so vorgekommen war, dass da jemand die Hand über mich hält oder im letzten Moment eingreift, so dass ich nochmal davon komme. Ich konnte die Frage nicht beantworten. Überlegte mir aber später, dass ich wenn, einen ziemlich frustrierten Schutzengel haben muss. Nicht, dass er nichts zu tun hätte. Wer als Radfahrerin in einer Großstadt wohnt, hat täglichen Bedarf. Aber wer so hemdsärmelig wie ich durchs Leben stapft, dreht sich gewöhnlich nicht um und ruft „danke“.

Schade eigentlich. Denn „danke“ ist keineswegs bloß eine Höflichkeit, sondern drückt eine Zufriedenheit mit sich selbst aus. „Danke, mir geht es gut.“ Wenn ich das sage, bin ich meist gelassen, es mag nicht alles topp sein, aber es ist in Ordnung, so wie es ist. Insofern ist ein Schutzengel eventuell gar nicht dieser Lebensretter, den ich mir als Kind vorgestellt habe. Sondern eine Erinnerung daran, dass es „danke, bisher immer noch alles gut gegangen ist“. Insofern mögen die kleinen Wichtel tatsächlich ihre Aufgabe erfüllen. Und ja, meinetwegen tut es auch ein heiliges Schäflein: Danke übrigens! Den Tag heute habe ich einmal mehr gut über die Bühne gebracht…

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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