Etwas sehen

Wer dieser Tage von großem Sonnenschein in die Berliner Schau von Bellini und Mantegna Gemälden kommt, wird fürs Allererste nicht viel sehen, denn die Bilder hängen – aus restauratorischen Gründen – im Halbdunkeln. Mein erster Reflex war tatsächlich auch, auf dem Absatz kehrt zu machen, um wieder hinaus ins Helle zu eilen. Noch bin ich offensichtlich so wintermüde, dass mir Licht wichtiger ist, als große Kunst.

Das habe ich mir dann aber doch verkniffen. Um mich zu akklimatisieren, bin ich erst mal eine große Runde gelaufen, eine alte Macke, einfach um zu sehen, wie die Ausstellung aufgebaut ist und zu gucken, wie lang der Parcours wird. Bei einer solchen ersten Runde sehe ich oft mehr die Besucherinnen und Besucher, als die Bilder. Es ist die Anordnung im Raum, wie sie da stehen, langsam von einem Bild zum anderen gehen, sich unterhalten, staunen, fotografieren, kurz, ein Schnuppern der Atmosphäre, denn keine Ausstellung ist diesbezüglich wie die andere.

Die Bellini/Mantegna-Schau war erstaunlich entspannt. Ich hatte mir einen unangenehm größeren Andrang vorgestellt, allerdings kamen, als ich schon wieder draußen in der Sonne saß, noch einige Bus-Gruppen, mir konnte das nur recht sein.

Der eigentliche Punkt des schnellen Starts ist allerdings ein anderer: Ich möchte mich, so gut es geht, von der Dramaturgie der Hängung frei machen, indem ich nicht von Anfang an folge, sondern erst mal das Ganze anschaue. Denn so richtig und notwendig es ist, jede Ausstellung zu kuratieren, also eine Ordnung hinein zu bringen, desto notwendiger ist es für mich, gegen den Strom zu schwimmen. Nicht aus purer Lust, einfach mal dagegen zu sein, sondern in der Hoffnung, eigene Entdeckungen zu machen. Früher wurde meist gerade mal chronologisch gehängt, man fing also mit dem Frühwerk an und landete irgendwann beim – womöglich noch unvollendeten – letzen Bild. Heute wird oft thematisch gehängt, was meist spannend ist, aber notwendigerweise Akzente setzt, die ich in einem ersten Überblick übersehen will.

Ja, und dann ist mir doch die Kinnlade runtergeklappt. Ich bin überhaupt nicht mit italienischer Malerei vertraut, obwohl ich wieder erstaunt war, wie viele Bilder gerade aus dieser Schau zu den Meilensteinen der europäischen Kunstgeschichte gehören. Zum ersten Mal überhaupt jedoch wurde mir klar, welch innovative Kraft Mantegnas Bilder haben. Wir sehen alte Kunst ja immer aus deren Zukunft, also mit dem Blick nach hinten. Was den grandiosen Nachteil hat, dass wir alle möglichen Bildideen die später kamen, schon kennen. Das ist ein gehöriges Manko, das man möglicherweise erst mit viel Erfahrung halbwegs kompensieren kann.

Mantegna hatte einen enormen Blick für Menschen. Wer bedenkt, dass er noch aus der Tradition der Heiligenbilder auf Goldgrund war (ebenso wie Bellini), mag allein schon auf die Knie gehen, wie lebendig, ernst und groß er seine Zeitgenossen in heilige Szenen gesetzt hat. Er hat wahrlich Bilder geschaffen, die für unsere Augen, die mehr an Schnappschüsse gewohnt sind, in ihrer Statik und Größe erst wieder erkannt werden müssen. Schön übrigens – und eine tiefe Verneigung vor den Kurator/innen – welchen Radius diese Schau umspannt: eine Anbetung der Heiligen Drei Könige von Mantegna, die sonst nur im Getty-Museum in Los Angeles zu sehen ist, war dabei. Bei aller höchst berechtigter Kritik an solchen Transporten: was für eine Freude, dieses so besondere Bild unerwartet in Berlin wiederzusehen.

Das größte Vergnügen bestand allerdings tatsächlich im eigentlichen Twist dieser Ausstellung, nämlich im Vergleich der beiden Meister. Wo Mantegna der Mann der Form ist, streng im Ausdruck, dafür ungeheuer flexibel in der Anordnung, ist Bellini – und Achtung! das ist natürlich arg verkürzt – derjenige, der einen Zauber und Glanz in seine Bilder bringt, einen zarten Schmelz, der spätere Heiligenverkitschung schon andeutet, aber noch frisch und leicht auf den Figuren liegt. Die Figuren und auch die Landschaften strahlen aus seinen Gemälden, wer ein trübes Herz hatte, mag sich vor seinen Bildern getröstet gefühlt haben. Die in aufgeschnappten Gesprächen geäußerten Vorlieben: „Ich mag Mantegna mehr als Bellini“ und vice versa, mag ich nicht teilen. Wiewohl ich sicher bin, welches Bild ich mir übers Sofa hängen würde…

P.S. Mein Foto mit Reflexionen aus dem Eingangsbereich (damit sich keine/r wundert, woher plötzlich dieses neonfarbene Türkis im Bild kommt) ist ein Detail aus Mantegnas „Darbringen im Tempel“, ca. 1453, aus den Staatlichen Museen zu Berlin. Gefallen haben mir die Frauen-, Männer- und Kinderhände, die uns Mantegna hier auf kleinem Raum präsentiert.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

  1. Lena Riess 1. Mai 2019

    Eine interessante Vorgehensweise für einen Ausstellungsbesuch. Werde ich mir merken. Überlege selbst, ob ich mich nach München in die Alte Pinakotek machen soll: »UTRECHT, CARAVAGGIO UND EUROPA«. Es zeigt den Einfluss Caavaggios auf die Utrechter Maler um 1600. Der Artikel motiviert, sich einfach ein Bayernticket zu besorgen.

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  2. Maren Wulf 1. Mai 2019

    Deine Skizze über das Sehen liest sich ganz wunderbar, Stephanie, danke! Ich schließe die meisten Ausstellungsbesuche damit ab, noch einmal in aller Ruhe durch die Räume zu gehen, Lieblingswerke im Herzen zu verankern, das Ganze auf mich wirken zu lassen. Auf die Idee, das mal vorher zu tun, bin ich verrückterweise noch nie gekommen. Und ich nehme mir vor, künftig viel stärker darauf zu achten, was zur Zeit der Entstehung „state of the art“ war – und vor allem, was nicht. Danke auch für diese Sensibilisierung. Und welches Bild würdest du dir nun über’s Sofa hängen?

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    • Stephanie Jaeckel 1. Mai 2019

      Ein Spätwerk von Mantegna, die „Anbetung der Könige“, das Bild, das im Getty Museum hängt, und mich dort schon umgehauen hat. Es ist übrigens interessant, mir scheint einmal mehr, dass ich nicht unbedingt das Bild nehmen würde, das mir am besten gefallen hat – ?!

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        • Stephanie Jaeckel 1. Mai 2019

          Ja, nein, ja, nein… – „gefallen“ ist mir auf eine Art verdächtig. Denn was gefällt, hat oft mit der Tagesform, der jeweiligen Stimmung zu tun, da bin ich sehr vorsichtig und wäge ab oder ziehe das an Vernunft zur Rate, was ich zur Verfügung habe. Natürlich gefällt mir die „Anbetung der Könige“ – mir ein Bild ins Zimmer zu hängen, das ich nicht mag, ginge dann doch zu weit. Aber, nein, ich kann es nicht richtig beschreiben, jedenfalls nicht heute Abend. Vielleicht suche ich etwas, das mich nicht zu sehr berührt, wahrscheinlich käme mir so ein Bild in den eigenen Vier Wänden zu nah. Doch das ist jetzt gerade noch etwas viel Spekulation…

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          • Maren Wulf 2. Mai 2019

            Ein interessanter Gedanke, den du im zweitletzten Satz äußerst… Ich muss daran denken, wie sehr mich früher die Werke von A. Paul Weber berührten. Aufgehängt hätte ich mir keines davon.

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