Verlust

Weil wir (auch) in der Kunst die größten Dinge schaffen, die uns möglich sind, wiegt der Verlust (oder auch nur der teilweise Verlust) einer Kathedrale schwer. Dass vermutlich niemand bei dem Brand von Notre Dame sterben musste, ist ein wahnsinniges Glück, wenn man bedenkt, was dort jeden Tag los ist. Aber die Zerstörung ist endgültig. Natürlich kann man alles wieder rekonstruieren (ich würde mich wahrscheinlich wundern, was vom Kölner Dom alles nicht „echt“ – nicht mal aus dem 19. Jahrhundert – ist). Und auch früher sind – nein, gerade früher sind – etliche Kirchen abgebrannt und wieder neu aufgebaut worden. Doch gerade an einem Gebäude, an dem so viele Generationen ihr Bestes gegeben haben, wird spürbar, dass nicht nur altes Holz in Flammen aufgeht. Ein so altes Gebäude ist ein gemeinsames Projekt über Jahrhunderte hinweg. Stets von neuem haben sich Menschen dafür entschieden, diese Kirche nicht aufzugeben, abzureißen, zu vergessen. Insofern geht auch ein Stück sichtbarer Zeit verloren. Es ist so, als würde ein Anker gelichtet. Und wir treiben weiter.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. juergen61 4. Mai 2019

    Hallo Stephanie,
    habe gerade deinen Blog entdeckt, sehr schön ! Und natürlich ist der Brand eine Katastrophe …doch ich persönlich würde nicht nur rekonstruieren …nur das nötigste vielleicht und dann innen mit neuen Akzenten, zeitgenössischen Gemälden etc. dem Dom ein aktuelles Gesicht geben…den Brand nicht übertünchen sondern positiv nutzen und die Kirche in unsere zeit überführen…Lieber Gruss, Jürgen

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    • Stephanie Jaeckel 4. Mai 2019

      Lieber Jürgen, damit sprichst Du einen Punkt an, der bei allen Restaurierungen eine Rolle spielt: Wir in Berlin haben ja gerade ein altes abgerissenes Schloss wieder aufgebaut bekommen und tja, jetzt ist immer noch nicht klar, was da wie überhaupt rein soll. Ein anderes Berliner Beispiel ist der Martin-Gropius-Bau, wo eine von Dir vorgeschlagene vorsichtige Restaurierung unternommen wurde: hier sind kaputte Stellen weiterhin sichtbar und es gibt auch eine Kunstinstallation, die statt der alten Ausstattung dauerhaft angebracht wurde. Bei einem so alten Dom wäre ich vorsichtig, was die Überführung in unsere Zeit angeht. Eine Restauration, die Schäden sichtbar bleiben lässt, ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber weil ja wenig vom eigentlichen Bestand beschädigt wurde, wäre ich mit neuen Kunstwerken vorsichtig. In so einem alten Gebäude tickt die Zeit anders. Jetzt mit einem Schlag zu erneuern, fände ich schwierig.

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