Kochen

Heute fand ich mich gleich nach dem Aufwachen in einen inneren Dialog übers Kochen verstrickt (keine Ahnung, was ich geträumt habe, noch weniger Ahnung, wann dieser Dialog anfing). Wie wichtig mir Kochen im Alltag ist, dass ich zum großen Glück da kein traditionelles Rollenbild in meiner Familie vorfand, aber wie mir das erst mit der Zeit überhaupt wichtig wurde. Der Reihe nach:

Meine Mutter konnte kaum kochen. Und auch ihre Mutter hatte sich in ihrem Leben (sie war tatsächlich berufstätig – und sogar, für eine Kleinstadt fast schon eine Sensation – im der benachbarten Großstadt, in Köln) vom Herd weitgehend – und tatsächlich erfolgreich – ferngehalten. Die Legende geht, dass das erste Essen, das meine Mutter meinem Vater vorsetzte, ein Haufen Nudeln war, die ihr aus dem Topf gequollen waren. Für Soße war in der Panik – wieso wird aus einer Handvoll Nudeln plötzlich ein Berg? – keine Zeit gewesen. Ihre Mutter wiederum soll täglich zu spät in die Küche gerannt sein, um den Kindern wenigstens irgendwas auf den Mittagstisch zu stellen. Wenn bei uns jemand kochte, war es mein Vater. Allerdings nur am Wochenende.

In der Schule war ich hochnäsig gegenüber den Mitschülerinnen, die sich fürs Kochenlernen entschieden hatten. Ich wählte als zweite Fremdsprache (Latein zählte irgendwie nicht als Sprache…) Französisch. Und obwohl meine Mutter nicht gerne kochte, durfte ich nicht in die Küche. Ihre Angst vor Unordnung war einfach zu groß. Auch während meiner Au-Pair-Zeit habe ich wenig gelernt, ich war nur ein sehr knappes halbes Jahr weg und durfte lediglich für die Kinder etwas zubereiten. Dennoch fielen hier meine ersten „eigenen“ Rezepte ab.

Im Studium lernte ich dann nebenher kochen. Das Mensaessen war mir meist zu salzig, außerdem lagen die Gebäude meines Hauptfaches ziemlich weit entfernt vom Campus, so dass es meist beim mittäglichen Butterbrot blieb (ach ja, in meiner ersten Zeit in Bonn hatte ich einfach zu wenig Geld).

Aber so richtig wichtig wurde mir das Zubereiten von Essen eigentlich erst, als ich (meist ältere) Frauen kennenlernte, die wie nebenher zu kochen schienen. Die in selbstverständlichen und präzisen Handgriffen die Zutaten vorbereiteten, alles ohne Hektik, aber zügig in die Töpfe und Pfannen brachten, die nötige Zeit im Kopf und in den Händen hatten, und nebenher diskutieren, lachen und auch noch spülen und den Tisch decken konnten. Das fand ich erwachsen. Und ziemlich cool. Vor allem, weil das fertige Essen gut bis sehr gut war.

Ich entwickelte keinen Ehrgeiz, blieb aber dran. Schließlich wollte ich einmal am Tag ein zubereitetes Essen und auch mein Geld blieb knapp, so dass ich selbst nach dem Studium das tägliche Mittagessen nicht zahlen konnte. Ich koche abends, und fast immer noch gerne, weil ich hier vom Kopf zurück in die Hände finde. Die Verwandlung von Zutaten in ein Gericht ist bis heute eine Überraschung, auch wenn ich mittlerweile viele Tricks kenne, und zum Glück meistens auch essbare Ergebnisse auf dem Tisch landen.

In die Welt kommen – das war das tägliche Kochen für mich. Keineswegs eine typische Frauenrolle oder eine Dienstleistung an Mann und Familie. Insofern habe ich Glück (sogar großes Glück) gehabt. Eine besonders gute Köchin bin ich nicht geworden, dafür aber solide und vor allem schnell. Und auch, wenn ich meist nur für mich alleine oder für zwei koche, kann ich Mengen gut abschätzen und vor allem die Zeit, die nötig ist, pünktlich fertig zu werden.

Kochen ist Teil meines Lebens geworden. Ein wichtiger Teil. Wenn ich nicht mehr kochen könnte, würde mir tatsächlich etwas fehlen. Gerade in harten Stresszeiten. Denn in der Küche komme ich immer wieder runter. Und beim Schnippeln, Garen oder Spülen sind mir schon beste Ideen in den Kopf geschossen. Und wenn die Lust mal unterirdisch ist, bleibt die Küche halt kalt. Wie damals, bei meiner Oma.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 12

  1. meggiemeg 7. Januar 2019

    Kochen ist in unserer Familie ein überaus wichtiges Thema, obwohl meine Mutter, ein ehemaliges Heimkind, nur kochte, weil sie musste, weil sie sparsam war und weil sie gesund leben wollte. Das sind auch heute noch mit 82 Jahren ihre Beweggründe. Lust war es eher nicht.
    Der Vater dagegen kochte gerne, viel, mit Genuss und immer am Wochenende. Was habe ich es gehasst, am Sonntag aufzuwachen mit dem Geruch von angebratenem Schweinebraten / Sauerbraten / Speck / … in der Nase! Wer bei ihm nicht aufaß, hatte was falsch gemacht. Übers Kochen und Essen zu reden war für ihn das gelungene Tischgespräch. Er war wohlbeleibt und hat das 45. Lebensjahr nicht überlebt.
    Uns drei Kindern hat er die übermächtige Lust am Kochen und am Essen vermacht. Wenn wir drei Geschwister beieinander sitzen, dann geht es sehr oft ums Kochen und ums Essen. Die Mutter sitzt dann mit einem Schulterzucken daneben. Doch hat sie uns die Sparsamkeit mitgegeben und den Blick auf gesunde und jahreszeitlich passende Zutaten.
    Das Kochen und das Essen prägen uns offenbar früh. Doch ist das nach meiner Beobachtung nicht festgemeißelt, sondern eher eine Basis, von der aus wir uns fortentwickeln. Mir hat das immer viel Spaß gemacht. Ende offen.

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    • Stephanie Jaeckel 7. Januar 2019

      Kochen, essen, das übt sich in den Familien ein – und ist ja auch ein soziales Band. Später kocht man mit Freund/innen, Nachbar/innen, für den Liebsten, für die eigenen Kinder. Oder wird auch immer wieder gerne eingeladen. Über Essen zu sprechen kann ein guter Anfang für ein Gespräch mit Fremden sein. Neue Gerichte sind immer wieder spannend. Ja, da sind alle Enden offen und die Horizonte weit. Aloa!

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  2. Marion 7. Januar 2019

    Meine Mutter hat auch überhaupt nicht gern gekocht. Sie hat dann halt mittags was gemacht, weil die Kinder ja was zu essen brauchen, aber Freude sieht anders aus. Gekocht hat, wie bei dir, nur mein Vater am Wochenende.
    Kochen gelernt habe ich erst, als ich in einer WG mit drei Vegetariern gelebt habe und damals die Auswahl vegetarischer Fertiggerichte noch sehr begrenzt war. Mein erster selbstständiger Versuch war eine Gemüse-Lasagne, bei der ich das Gemüse vorher nicht aufgetaut hatte und die Bechamel aus der Tüte kam.
    Mittlerweile ist Kochen ein wichtiger Teil meines Alltags und fehlt mir auch, wenn ich längere Zeit unterwegs bin und nicht selber kochen kann. Zwar fällt es mir nach langen Arbeitstagen manchmal schwer, mich dazu aufzuraffen, aber wenn ich erstmal dabei bin, macht es fast immer Spaß.

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  3. frauhemingistunterwegs 7. Januar 2019

    Verrückt.. Eine nicht kochende Mutter ist für mich völlig unvorstellbar, die Grundlagen habe ich von ihr gelernt und auch den Spaß daran. Die Rezepte natürlich traditionell und gutbürgerlich. Aber zum letzten Muttertag habe ich ihr einen gemeinsamen thailändischen Kochkurs geschenkt. Unser Sohn hat das Interesse fürs Kochen übernommen. Die Tochter hält es mit den New Yorkern: Avoid cooking like you avoid Times Square.

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