An einen Freund

Ein junger Autor ist ein Novize, nicht unbedingt ein junger Mann. Er ist neugierig, fahrig, manchmal nervös vor weißem Papier, spitzohrig. Lesen kann er. Auch laut. Denn Texte sind seine Lieder, deren Melodien er folgt, mit leisem Atem und zarter Zunge. Was denn? Ein Genießer!? Muss er nicht hartnäckig sein, mit Schwielen an den inneren Stirnwänden und Tränensäcken unter den müden Augen? Ein junger Autor ist alles und nichts, gerade mal ein Hauch, wer sich umdreht wird vielleicht Baustadtrat oder Rentner. Von jungen Autorinnen ganz zu schweigen, denn er ist sie und sie ist vielleicht überhaupt kein Mensch auf dieser Erde, es braucht Lässigkeit, Präzision und einen weiten Blick und noch dies und das – lege er sich einmal in Decken gewickelt ins weiße Zimmer und träume 30 Stunden einen Satz (nicht unbedingt den ersten). Er darf vor allem keinen Lieblingsbuchstaben haben. 

Als Novize läuft er nachts gegen die Wand. Und es ist oft Nacht. Er möchte alles richtig machen oder schlimmer noch, anders. Er zählt viel. Weil, was ist Erzählen anderes als über die Klippen springen, die Luft anhalten, fertig los! Er beschaut seine Finger, er streicht über das Papier. Wie schön und ohne Zukunft. Was könnte er wem abschauen? Haben denn Bäume je Bücher geschrieben? Und wie sitzt er richtig im Zug, als junger Dichter, oder im Park auf der Bank bei den Rosen? Braucht es Notizen? Skizzen vielleicht. Oder sammelt man Material wie leere Dosen nirgendwo hin, nur um Lärm zu machen. Alles, was du gesehen hast, es reicht nicht. Du musst zählen, balancieren, unermüdlich von dir absehen, blind werden. Jeden Tag dein Leben ändern, mindestens. Niemals vergleichen. Dennoch abschauen. Niemals wollen, aber festen Willen zeigen, Sehnsucht (die schmiegsame Schwester der Neugier) und Geduld, fest und lange genug zu schweigen. 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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