Überraschung

Ich dachte wirklich nicht, dass es mich packt. Das neue Benimmbuch von Alexander von Schönburg (ich schreibe neu, weil es schon mindestens einen Ratgeber von ihm gibt) lag in der AGB unter Neuerscheinungen, und weil ich einen ziemlich wütenden Verriss gelesen hatte, griff ich zu.

Der Verriss bezog sich auf den Autor. Oder genauer gesagt auf das „von“ in seinem Namen. Tatsächlich gehört Alexander von Schönburg einer alten Adelsfamilie an. Vom ehemaligen Reichtum ist, soweit ich das verstanden habe, längst nichts mehr übrig, dafür hagelt es nach wie vor Einladungen in Schlösser und Paläste, Gala-Leser/innen würden wahrscheinlich vor Neid umfallen. Nein. Damit hatte der wütende Rezensent keineswegs daneben gegriffen, oder an falscher Stelle kritisiert. Denn das Buch ist genau aus dieser Perspektive geschrieben, aus der eines jungen Manns alten Adels.

Und das ist auch schon die – für mich – positive Überraschung. Denn, liebe Leute, hier weiß einer wirklich, wovon er schreibt. Mag sein, dass es überheblich klingt, wenn er rät, statt vielen Autos eben nur eins zu fahren (das war der Kritikpunkt meines Kollegen), und damit ins Leere greift, zumindest bei Leuten, die noch nie ein Auto besessen haben und auch nie eins besitzen werden (was ja mittlerweile eher so klingt wie „Ätsch!“ – aber doch auch was mit fehlenden Tantiemen zu tun hat). Aber, ehrlich, was habe ich gelacht! Denn mag es auch snobby klingen, in solchen Sätzen liegen kiloweise Selbstironie. Der Adel ist nun mal der Adel. Und gerade in Deutschland wird ja nach wie vor ein Gewese drum gemacht. Der Adel ist aber auch der und die Hüter/innen unserer europäischen Kultur, und zwar (bitte jetzt fest festhalten) über Jahrtausende hinweg. Niemand ist qualifizierter, etwas über Benimm und Anstand zu schreiben, als Menschen, die nach den überbrachten, „altmodischen“ wie von Schönburg selbst auf dem Titel drucken lässt, aber nach wie vor zeitlosen Anstandsregeln erzogen wurden. Und, weitere Überraschung: nichts ist so anstrengend und am Ende disziplinierend, wie nach diesen Regeln zu leben.

Meine zusätzliche Überraschung: Als Arbeiterkind habe ich eine große Affinität zum Guten Benehmen. Mir ist das schon bei der SPD aufgefallen: Eine alte Arbeiter/innen-Partei, bei der auf Regeln und Anstand enorm großen Wert gelegt wird, was den Umgang untereinander angeht. Was hat mir das gefallen! Und tatsächlich: Es gibt einen ausgeprägten Ehrbegriff und Arbeiter/innen, einen Stolz, der sich aus Demut speist und Selbstbewusstsein. Vielleicht liegen hier die Proleten und die Snobs näher beieinander, als man vor der Hand denken mag. Ob man Noblesse lernen kann? Ich für meinen Teil zweifle daran – zumindest in meinem Alter. Aber das heißt natürlich nicht, gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Ein sehr wunderschöner Punkt aus dem Buch, der fürs Bloggen nicht unwesentlich ist, hier zum Schluss und damit auch zum Ende dieses Jahres:

„Wie schützt man seine Privatsphäre? Gar nicht. Man hat sich gefälligst im

 Privatleben exakt so zu benehmen, als ob tausend Augen auf einen gerichtet 

seien (…). Das nennt man Leben aus einem Guss.“

Allen einen guten Rutsch!

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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