Abschied nehmen

Frauen altern anders als Männer. Schneller, möchte man vorschnell rufen, aber die Sache verhält sich anders. Was wir Wechseljahre nennen, ist tatsächlich eine Art Kippschalter, mit dem Frauen von jung zu alt wechseln, allein wegen der Möglichkeit und darauf folgenden Unmöglichkeit, Kinder zu bekommen. Die Wechseljahre sind ein gefürchtetes Alter. Sie beenden einen Zustand, den Frauen als Erwachsensein kennenlernen. Wer seine Tage bekommt, gehört dazu, ist kein Mädchen mehr, sondern eine potentielle Mutter und Ehefrau. Wer seine Tage nicht mehr bekommt, ist alt.

Ulrike Draesner hat sich in ihrem aktuellen Buch diesem Alter angenähert, sehr mutig, weil aus eigenster Erfahrung: „Eine Frau wird älter“ ist ein autobiographisches Buch, wenn auch keine Autobiographie. Und es enthält schon im Titel einen wichtigen Hinweis: „älter“ schreibt Draesner, nicht „alt“, und das ist auch schon der Knackpunkt, den wir in unserer Wechseljahr-Panik gerne vergessen.

Von Panik zu schreiben, ist angemessen, auch wenn viele Frauen, und wie mir scheint, immer mehr sich mit offenen Augen dieser Angst stellen. Die Wechseljahre sind nach wie vor ein Tabu und damit auch ein Geheimnis, das selbst Frauen nicht anzurühren wagen – zumindest, solange sie noch jung genug sind.

Und dann erwischt es eine, und „es“ ist nicht mehr abzuschütteln. So ungefähr muss sich der Tod anfühlen. Schön ist das nicht. Das Gefühl, als „ältere“ Frau fortan wie ein Zombie unterwegs zu sein, mag hier seinen Ursprung haben. Aber es gibt einen Ausweg, und den nennt Ulrike Draesner auch gleich im Untertitel des Buches: „Ein Aufbruch“.

Ein unerschrockenes Buch ist es geworden, wie Sandra Kegel in der FAZ schreibt, allerdings auch ein unausgegorenes. Vielleicht muss es das sogar sein, die Wechseljahre sind ein Auf und Ab zwischen verrückt spielenden Hormonen, zwischen merkwürdigen „Beschwerden“, körperlichen Ausnahmezuständen wie plötzliche Hitzeanfälle, Schlaflosigkeit, Haarausfall und ebenso merkwürdige Stimmungsschwankungen, die zwischen Weinerlichkeit und vollkommen unerwarteten Wutausbrüchen schlingern. Wer möchte da einen ausgewogenen Text erwarten? „Bei keiner (ist es) die gleiche Geschichte“, lesen wir auf Seite 132. Und das ist so wahr wie nix, denn zeitweise fühle ich mich gespiegelt, in dem was ich lese, zeitweise reibe ich mir die Augen (und hoffe dringend, dass es bei mir denn bitte soweit nicht kommt). Und vielleicht muss das um so mehr so sein, wenn man sich autobiographisch an ein Thema wagt, das nach wie vor ein Tabuthema ist. Man, und in diesem Fall wirklich nur Frau, Frau, Frau, bekommt nur einen Teil zu fassen, es spielen die eigenen Lebensumstände eine Rolle, die eigenen Erfahrungen, Fantasien, Ängste, Hoffnungen.

Insofern lesen wir, wie wenn wir in ein Kaleidoskop schauen: Aspekte des eigenen Alterns sind in Kapitel unterteilt. Mal spalten sie sich auf in Erfahrungen anderer Frauen, mal werden sie aus der Perspektive der pubertierenden Tochter kommentiert (sehr schön), mal aus der der alten Mutter. Eine Trennung spielt hinein. Eine häufige Erfahrung, die jedoch der Geschichte selbst eine Schlagseite verpasst. Denn ab hier, und durch das Buch hinweg, schreibt Draesner aus der Defensive.

Das ist stimmig und verwirrend zugleich. Denn wo ich Klärung eigener Fragen erwarte, bekomme ich andere Erfahrungen präsentiert, die mich – zunächst zumindest – mehr verunsichern als erhellen. Und obwohl das ein Spiel im Spiel ist, denn über die Wechseljahre lässt sich möglicherweise nur autobiografisch schreiben, bleibe ich ratlos zurück. Ich möchte gerne mehr, mehr andere Fälle, die meinen gleichen. Ich möchte die ganze Palette. Und die ist hier einfach nicht zu haben.

Für mich als Leserin ergeben sich an dieser Stelle Längen. Mir wird die Sache zu persönlich, und obwohl ich verstehe, dass ich mit dem Auserzählen solcher privater Begebenheiten dazu aufgefordert werde, nach ähnlichen Situationen im eigenen Leben zu suchen, mag ich nicht. Ich habe das Gefühl, dass sämtlich Kapitel nach hinten ausfransen. Dass, was konzis beginnt, in noch einer und noch einer Geschichte verloren geht.

Dennoch ist „Eine Frau wird älter“ ein wichtiges Buch. Und ein ungeheuer sympathisches obendrein. Ich habe viel gelacht, und mich Männern gegenüber weit weniger unterlegen gefühlt, als das gemeinhin beim Thema „Wechseljahre“ der Fall ist: Ein enormer Verdienst! Was mich besonders berührt hat, die Erkenntnis, die ich als Kind so dringend und bitter erlebt habe, und die auf alte Menschen – egal welchen Geschlechts – wartet: Auf das Alter reduziert zu werden, ist demütigend. Und den Gegenentwurf, den Draesner anbietet, für mich das wichtigste Wort des Jahres 2018: Selbstermächtigung.

Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter. Ein Aufbruch. Penguin Verlag 2018. Ich danke Random House herzlich für das Rezensionsexemplar!

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. Herzkoma 26. Dezember 2018

    Na ja, das klingt alles etwa einseitig. Jede Lebensstufe hat ihre Vor- und Nachteile und manche Frau fängt erst richtig an zu leben nach den Wechseljahren. Und zum Leben gehören doch alle: Jung und Alt, Jünger und Älter. Irgendwann sind wir eingeschränkt in der Beweglichkeit, körperlicher und geistiger Art und zuletzt liegen wir unter der Erde und klappern mit blanken Knochen unseren Unmut oder eben nicht: Denn man kann das Leben auch bejahen in allen seinen Entwicklungsstufen. Das Leben ist sowieso nur ein Traum und durch die Illusion der Zeit hervorgerufen. Gemessen an der Ewigkeit leben wir nur eine Stunde: Wir sind Eintagsfliegen. Wir waren eine Ewigkeit lang tot und werden wieder eine Ewigkeit tot sein. Warum und wozu sich Sorgen machen? Nimm es wie es kommt, denn es kommt doch wie es kommen soll. Noch ein Buch mehr, das eher Panik schürt, als zu beruhigen. Schade ums Papier .. LG PP

    Sie können meine Meinung gerne löschen, wenn der Verlag dies möchte. Schließlich bekommen sie ja von ihm auch eine Gegengabe für ihr Geschreibsel und dürfen so gar nicht wirklikch objektiv im subjektiven Sinne schreiben .. 😉

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    • Stephanie Jaeckel 26. Dezember 2018

      Ganz deutlich und vorab: In Deutschland herrscht Pressefreiheit. Auf allen Kanälen. Wenn ich ein Buch zur Rezension bekomme (und das ist beim Bloggen die einzige Gegengabe, bei der Zeit bekomme ich zusätzlich ein Honorar), kann ich es nach Herzenslust verreißen. Das ist der Deal. Kein Abnicken, sondern die eigene Meinung. Außerdem: von fünf möglichen Sternen habe ich drei vergeben, nicht gerade die pure Zustimmung.

      Und dann: Frau Draesner hat ein Buch über sich geschrieben. Sie ist mittlerweile 56, es geht ihr gut, manchmal wahrscheinlich sogar sehr gut. Ich sehe auf keiner einzigen Seite ihres Buches eine Panik-Mache. Alt werden ist für alle Menschen eine Tatsache, die sie mehr oder weniger gut meistern. Für Frauen gibt es dieses Extra: hormonelle Umstellung in der Mitte des Lebens, die einer zweiten Pubertät gleicht. Eine komische, und für viele eine schwierige Zeit. Eben auch und gerade, weil diese Zeit in unserer Gesellschaft so sehr tabuisiert wird. Was für Sie noch irgendwann ist (auf dem Foto sehen sie noch sehr jung aus), ist für Frau Draesner und auch für mich jetzt. Ich spüre erste Anzeichen von Schwäche, von Müdigkeit, von Erschöpfung und glauben Sie mir, das ist so, aber es ist nicht schön, wenn es einen trifft. Für junge Menschen mag es stimmen, dass es wenig Sinn macht, sich schon Sorgen zu machen. Aber wer das Alter erreicht hat, muss, ob er oder sie will, mit dem Unangenehmen fertig werden. Es hilft, von anderen aus diesem Schlamassel zu hören oder zu lesen.

      Und noch einmal ganz deutlich zuletzt: Meine Texte sind kein Geschreibsel. Mit Respekt.

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      • Herzkoma 26. Dezember 2018

        Ich kenn Damen, die sind über 80 und jünger als mancher 20jährige, aber die haben auch früh was für ihren Körper getan. Manche haben Krankheiten wie Krebs in Ihrem Alter oder dem Alter der Autorin: Da trifft das Wort „Schlamassel“ wirklich zu. Wer sich über völlig normale Alterungsprozesse aufregt, der weiß nicht, was Aufregung bedeutet. Das Leben bietet soviel Grausamkeiten, dass jeder eigentlich froh sein sollte, wenn er überhaupt die Wechseljahre erreicht und manche werden schon tot geboren. Selbstmitleid und Jammern ist einer gestandenen Frau nicht würdig. Aber wie ich schon andeutete: Das ist wieder so ein Lücke, wo man drüber ein Buch schreiben kann und es auch tut. Und es reiht sich ein in die Masse unseliger Ratgeberbücher, die keiner wirklich braucht, aber die sich gut verkaufen, aufgrund der Borniertheit der Massen .. LG PP 😉

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        • Stephanie Jaeckel 26. Dezember 2018

          Sie haben das Buch offensichtlich nicht gelesen. Einigen wir uns darauf, dass Sie gerne über Sachen abkotzen, die Sie nicht kennen. Über 80jährige sind übrigens auch immer noch FRAUEN und nicht Damen. Über diesen Unterschied lohnt es sich dringend nachzudenken. Und auch, wenn man schon früh was auch immer für seinen Körper tut, kann es einen fies erwischen. „Normales“ Altern ist ein Zumutung. So oder so. Ich wäre dankbar, wenn Sie keine weiteren Kommentare schreiben und meine Seite auch nicht mehr besuchen.

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          • Herzkoma 26. Dezember 2018

            Sie haben Recht und ich entschuldige mich hier mit diesem Kommentar. Und eigentlich schreiben Sie kristallklar und auf hoher Ebene. Sie sind kein „Schreiberling“, sondern beherrschen Ihr Metier auf einmalige Weise.

            Mea Culpa, aber ich bin wohl ein Mensch, der gern Unruhe stiftet .. Gelobe aber Besserung.

            Der Teufel in mir versucht mich leider immer wieder. Das Leseverbot habe ich mehr als verdient. Wird wohl nicht alles falsch sein, was ich sagte. Aber ich hätts – als Amazon-Rezensent – auch anderenorts bringen können. Leben Sie wohl, meine Verehrte und schauen Sie in den Spiegel, wenn sie sich wieder müde und ausgelaugt fühlen,

            sehen Sie sich als Gesamtbild und erkennen Sie Ihre wahre Schönheit, Ihre Aura, Ihre Ausstrahlung:

            Müdigkeit und Depression kommen nur daher, dass man sich nicht wirklich in der Gesamtheit erkennt. Man kennt jede Falte an Auge und Hals und sieht mehr auf die Nebensächlichkeiten, als auf das Gesamtbild.

            Ich sags ungern, weil ich vielleicht als Charmeur dann gelte in Ihren Augen, aber Sie sind wunderschön.

            Der Selbstzweifel kommt nur aus dem falschen Bild, das man von sich trägt.

            Zweifeln Sie nicht an sich, denn Sie sind darüber erhaben. Sie sind heute begehrlicher als mit 20 Jahren. Sie sind eine richtige Frau,
            die jeder Mann sich nur wünscht, zum Gespräch, zur Freundschaft, auch zum Sex.

            Das Leben bietet ab den Wechseljahren völlig neue Möglichkeiten. Es ist ein Anfang, kein Ende, so mein Glaube.

            Aber ich bin ja jung und dumm .. ❤

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  2. muetzenfalterin 26. Dezember 2018

    Vielen Dank für diese Besprechung. Ich hatte eine Besprechung auf Fixpoetry von einer geschätzten Kollegin gelesen und danach beschlossen, das Buch vielleicht doch nicht lesen zu wollen, du hast mich wieder neugierig gemacht, Ich werde es dann wohl doch irgendwann einmal lesen. Kennst du eigentlich „happy aging“ auch?
    Frohe Restweihnachten!

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    • Stephanie Jaeckel 27. Dezember 2018

      Das Buch ist tatsächlich nicht so stark wie die vorausgegangenen. Möglicherweise hängt das an der Schwierigkeit, über Wechseljahre anders als biografisch zu schreiben, wenn es nicht ratgeberisch daher kommen soll. Es wirkt alles etwas durcheinander, obwohl jedes Kapitel durchaus einer Dramaturgie folgt. Und, was Ulrike Draesner auch schreibt: Jede Frau macht andere Erfahrungen. So dass sich dann doch wieder vieles nicht vergleichen lässt. Aber ihr Blick ist klar, und das hilft. Eben auch für größere Zusammenhänge. – „Happy aging“ kenne ich nicht. Da werde ich gleich mal nachsehen. Danke für den Tipp.

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  3. wechselweib 27. Dezember 2018

    Vielleicht kennst du sie schon, ich möchte an dieser Stelle Christiane Northrup empfehlen. Ich habe von ihr Göttinnen altern nicht“ und „Die Weisheit der Wechseljahre“ gelesen. Die ist mittlerweile 70 glaube ich und Frauenärztin und schildert an zahlreichen Beispielen, dass die Wechseljahre eine Zeit des Wandels sind. Der Neugeburt. Sie hat mich sehr inspiriert, weil sie diese Zeit als eine Zeit voller Chancen sieht, um eine andere Kraft des Weiblichen zu entdecken, wo man laut ihr keine Kinder gebären kann, aber sich selbst. Auch ihrer Entdeckung, dass man frisch verliebt weniger Beschwerden hat und in der Zeit der Lebensmitte die Kraft der eigenen Sexualität ganz anders entdeckt kann ich voll zustimmen. Insofern: Towanda! (Das ist der Schlachtruf aus dem Frauenfilm „Grüne Tomaten“, mit dem meine alte Studienfreundin und ich uns immer Power zusprechen). 💃

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  4. meggiemeg 2. Januar 2019

    Da ich eine kleine Bücherei leite, wo die Leser primär Kinder und deren Mütter, aber die Mitarbeiter allesamt im Alter 50+ sind, habe ich das Buch auf die „Kaufliste“ gesetzt. Wir Mitarbeiterinnen werden das Buch gewiss alle lesen, doch bin ich sicher, dass auch darüber hinaus einige jüngere Frauen sich vom Titel angesprochen fühlen. Ich habe mir die Leseprobe heruntergeladen und sie verspricht nicht nur Lesegenuss, sondern auch ein paar neue spannende Gedanken zu dem Thema, das uns ja nun alle angeht, so wir denn Frauen sind. Danke für die Besprechung!

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