Ein Jahr Genossin

Ein Jahr, das es für mich in sich hatte. Denn Politik ist mir nach wie vor fremd. Ich habe Berührungsängste und werde immer weiter damit konfrontiert, keinen Überblick zu haben, nirgends. Jedes Thema schlägt bislang in ein tiefes Feld von Ahnungslosigkeit ein. Noch kann ich bloß Anwesenheit bieten, wo andere Ideen haben, Diskussionen führen und sich engagieren. Ab und zu mache ich auch Sachen, die mir eigentlich zu viel sind, so dicke Freizeit habe ich nicht, um mich mit Problemen größer als Hochhäuser zu beschäftigen. Im Ernst. War es das, was ich erwartet habe?

Im Grunde schon. Denn ich ahnte, dass Politik – auch an der Basis – anstrengender ist, als gedacht. Frisst Zeit, kostet Nerven, verlangt Geduld. Bietet aber auch eine Menge neuer Gesichter, darunter kluge Köpfe, sympathische Personen allen Alters, ganz neue Perspektiven, mehr Einblicke in große und kleine Zusammenhänge. Es öffnen sich immer wieder Möglichkeiten, Haltung zu zeigen – oder vielleicht erst einmal zu probieren. Über Dinge nachzudenken. Gibt es zum Beispiel Gerechtigkeit? Kann Solidarität helfen? Warum ist es um die Gleichstellung von Frauen nach wie vor so schlecht bestellt?

Ich lerne noch einmal neu, zu diskutieren, ich merke, dass fast alle Lösungen auf fast allen Ebenen unendlich kompliziert sind, bin davon oft wie erschlagen, entmutigt. Ich überlege jetzt eher, ob ich was tun kann, statt mich aufzuregen. An der Stelle hat sich dann doch was verändert, weil ich mich nicht mehr so ohnmächtig fühle. Manchmal gibt es auch Nachrichten, die richtig glücklich machen, heute zum Beispiel:

Die bislang überzogenen Krankenversicherungs-Mindestbeiträge für Selbständige sind gekippt. Das von Krankenkassen bisher veranschlagte – fiktive – Monatseinkommen von 2284 Euro, aus dem sich der ebenfalls monatliche  Beitrag von etwa 400 Euro ergab, ist um die Hälfte gesenkt, und in letzter Minute noch auf den Mindestbemessungssatz von 1038,33 Euro festgelegt worden. Damit liegt der Beitrag jetzt auf bezahlbaren 160 Euro. Hurra!

Kommt spät, und gehört zu den Dingen, bei denen ich mich immer gefragt habe, wie es zu einer so weit an der Realität vorbei rauschenden Regelung kommen konnte. Ist aber jetzt Kaffee von gestern, und auch, wenn ich daran in keinster Weise beteiligt war, freue ich mich, weil damit vieles für viele Leute besser wird.

Olof Palme ist übrigens auch manchmal bei unseren Sitzungen – d.h. bei denen, die im Saal 1.38 stattfinden. Das Foto hat mich umgehauen, obwohl ich Palme weder dringend sympathisch noch dringend schön finde. Eher beeindruckend fremd. Gemacht hat es der Fotograf Joseph Heinrich Darchinger im Jahr 1981.

 

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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