Erwarte das Unerwartete!

Gesellschaftliche Probleme haben oft so viele Aspekte, dass man gar nicht weiß, wo mit den Verbesserungen anfangen. Eine wesentliche – und bislang, wenn auch nicht grundsätzlich, so doch immer wieder unterschätzte – Rolle spielen dabei die öffentlichen Räume in Städten.

Jeden Sommer aufs Neue kommen die Freibäder auf die Titelseiten der Berliner Tageszeitungen: Es gibt zu wenige, sie sind oft zu teuer, und dabei extrem wichtig für die Menschen, die in Berlin leben. Tempelhofer Feld und andere Parks dito, und seit ein paar Jahren auch und endlich – wenn auch nicht bloß als Sommerthema – : unsere Stadtbibliotheken.

Wer hätte das gedacht? In meiner Jugend waren Stadtbibliotheken die schnarchigen Bücherdepots, wo man – ja, was eigentlich? Für die Uni ging ich nur in die Institutsbibliotheken plus Staatsbibliothek, in Stadtbibliotheken verschlug es mich höchstens für Hörbücher oder „guilty pleasures“, Romane, die ich nie und nimmer gekauft hätte, vielleicht auch mal für ein Kochbuch oder einen Reiseführer.

Als ich nach Kreuzberg zog, lernte ich die Amerika Gedenkbibliothek kennen. Und so langsam begriff ich, was eine Stadtbibliothek sein kann. Allem voran ein Ort, wo man Menschen treffen kann, sei es, weil man sich dort verabredet, sei es, weil man einfach auf Leute trifft und mit ihnen ins Gespräch kommt.

Als Wissenschaftlerin war ich angetan von dem enormen Bücherschatz, der hier lagert und für die Berliner/innen zugänglich gemacht wird. Fachbücher und Fachzeitschriften sind in ebenso großer Anzahl greifbar, wie Literatur aus allen möglichen Ländern, viel Original-Texte, aber natürlich auch Übersetzungen. Privat freue ich mich über eine wirklich gut sortierte Abteilung für klassische Musik (andere Genres kann ich nicht beurteilen), es gibt eine ebenso überraschend umfängliche DVD-Abteilung und eine Kinderbibliothek vom Feinsten. Dazu beherbergt das Haus eine Artothek mit Werken zeitgenössischer Künstler/innen, hier leihe ich mir immer wieder Grafiken oder kleine Plastiken für meine Wohnung aus: Was für ein Luxus! Es gibt darüber hinaus zahlreiche Computer-Plätze mit WLAN-Anschluss, mittlerweile eine Cafeteria mit tollem Kaffee und wirklich guten Snacks und nicht zuletzt ein fachkundiges Personal, das hilft, wo immer ich Fragen habe.

Etwas, was man nicht direkt zum Angebot dieser (und anderer) Bibliothek/en zählen kann, was das Haus aber auszeichnet ist die freundliche Atmosphäre. Hier zu sein, egal, ob ich arbeiten muss oder bloß in Regalen stöbern oder eine Zeitschrift lesen will, ist so nett, wie ein Lieblingscafé zu besuchen oder einen schönen Park. Wie oft bin ich im Winter hier, einfach um unter Leute zu kommen oder mich mit Freund/innen zu treffen! Und was mir von der AGB aus selbstverständlich wurde, suche ich mittlerweile auch, wenn ich andere Städte besuche: In München habe ich eine fantastische Stadtbibliothek vorgefunden (im Gasteig), in Göteborg und in Montreal habe ich mich regelrecht in die jeweiligen Bibliotheken verliebt, selbst im kleinen Brühl, meinem Geburtsort, habe ich wieder einen Bibliotheksausweis, und ja, doch: selbst hier gibt es ungeahnte Schätze, zum Beispiel die gesamte Schwarze Reihe von Star Trek!

Lange Rede, kurzer Sinn: Bibliotheken sind öffentliche Räume ersten Rangs und Orte, die wir dringender brauchen denn je. Die „Next Library Conference“, die schon seit Jahren auf die enormen Chancen von Stadtbibliotheken aufmerksam macht und diese Orte zu öffentlichen Zentren für engagiertes – oder auch „nur“ entspanntes – Miteinander machen wollen, fand dieses Jahr in Berlin statt und endet leider schon heute (ich bin dummerweise zu spät darauf aufmerksam geworden). Dafür beginnt aber heute Nachmittag auf dem Blücherplatz gleich vor der AGB da Berliner Bibliotheks-Festival. 20 Jahre VÖBB wird gefeiert und jajaja, HINGEHEN, ich bin sicher, dass es hier wirklich Unerwartetes zu entdecken gibt.

 

Berliner Bibliotheks-Festival, Samstag ab 13:00 auf dem Blücherplatz: Umsonst, draussen und drinnen, und: Für alle!

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. tantemasha 15. September 2018

    Die muss ich mir unbedingt mal anschauen, wenn ich in Berlin bin. Klingt nach einem Ort für mich. Ich bin in allen Weimarer Bibliotheken gern und halte sie auch für extrem wichtige Orte. Die Kinderbuchabteilung in der Stadtbibliothek ist sehr gut aufgestellt und ich muss mich regelmäßig daran erinnern, dass ich zuerst im Katalog nachschaue, ob es ein bestimmtes Buch gibt, bevor ich ungeplante Käufe tätige, die eigentlich nicht im Budget sind. Bei Büchern werde ich gern leichtsinnig. 😉
    Liebe Grüße!!

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