Alte Liebe rostet – nicht

Bücher sind über sie geschrieben worden – Romane, Gedichte, Ratgeberliteratur. Nicht zu vergessen die unzähligen Filme, die ohne sie in sich zusammensacken würden wie ein zu früh abgekühltes Soufflé. Die Liebe, die Liebe und immer wieder die Liebe. Mittlerweile bin ich selbst in dem Alter, in dem ich einiges – und eben vieles Widersprüchliche – über die Liebe selbst erfahren oder zumindest bei anderen gesehen habe.

Liebe lässt sich gleichermaßen mit Glück wie mit Schmerz assoziieren. Darin ähnelt sie gewissen Drogen, von denen man im Vorhinein nie weiß, ob sie einem einen fantastischen oder einen miesen Trip bescheren. Liebe ist möglicherweise eine der größten individuellen Projektionsflächen, die es gibt (neben dem, was gemeinhin als „Karriere“ verstanden wird): Jede/r bastelt sich ihre und seine Version, die Angleichung mit den Partner-Versionen (oder auch Visionen) wird dann schnöde Realität genannt.

Wer älter wird, hat bereits viele solcher Visionen gesehen oder selbst erlebt. Innigkeit würde ich eine Qualität nennen, die ich bei geglückten Beziehungen immer wieder sehe. Auch Verlässlichkeit oder Großzügigkeit. Komischerweise muss ich gerade an meine Reise vom letzten Jahr denken. In amerikanischen Hotels machen sie die Betten so, dass ein Laken, das unter der Bettdecke liegt, fest unter die Matratze geklemmt wird. Wer abends unter die Decke krabbelt, ist fest eingepackt, ein Gefühl, das ich nicht ertrage. Ich reiße sofort die ganze Konstruktion auseinander, um wieder Beinfreiheit zu haben, während zum Beispiel mein Reisegefährte gemütlich in seinem Kokon nächtigte. Will sagen, es gibt keine Rezepte. Vielleicht wäre mehr Wahrheit darin anzuerkennen, dass es Menschen gibt, die zur Liebe begabt sind und andere nicht. Partnerschaft läßt sich meiner Ansicht nach nicht verwalten. Sicher kann man Partnerschaften geschmeidiger machen (das meine ich nicht negativ). Aber es muss ein eigenes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit geben. Und hier habe ich oft den Eindruck, dass Einzelgängerei noch viel zu negativ konnotiert ist. Wer kein Paar ist, hat etwas nicht geschafft – zumindest in meiner Generation. Sich alleine wohler zu fühlen, weil man in den Liebeskonzepten nicht das findet, was einen treibt, gilt nicht – oder schlimmer noch: gilt als Bedrohung.

Zeit scheint einer der wichtigsten Faktoren zu sein. In ihr kristallisiert sich die Liebe aus. Oder sie verschwindet. Große Hochzeiten haben das Zeug dazu, eine/n neidisch zu machen. Aber erst große Silberhochzeiten! Maximale Liebe? Ja. Und dann natürlich auch wieder nicht. Maximale Liebe kann in jedem Alter vorbeischauen. Aber sie ist flüchtig (wenn auch ganz anders als große Verliebtheit). Würde ich heute ein Fazit ziehen, wären es die Paare, die sich wenig um ihren Status kümmern, die viel streiten und die Dinge außerhalb der persönlichen Liebesblase stemmen, die mir am glücklichsten erscheinen. Oder zumindest als von außen am sympathischsten. Sie sie sind für mich das, was ich „liebesbegabt“ nenne. Maximale Liebe? Viele von uns sehnen sich danach. Wie alles Maximale kann aber auch die Liebe zur Last werden. Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Zeiten meines Lebens ohne maximale Liebe am meisten genossen.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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