Ungleichheit

Das Foto zeigt die Zutaten der Suppe, die ich gestern (für heute mit) gekocht habe. Ein durch und durch günstiges, wenn nicht sogar billiges Essen, in das ich mich – fertig gekocht – hätte reinlegen mögen, so gut hat es geschmeckt.

Zur Zeit, wenn auch nicht während des Kochens, lese ich das schmale Bändchen von Harry G. Frankfurt: „Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen.“ Tatsächlich spricht mich das, was ich dort lese an. Ich selbst frage mich oft, ob ich mich an den (finanziellen) Möglichkeiten anderer orientieren soll. Ich verdiene verhältnismäßig wenig und gehöre auch nicht zu jenen Kindern, die erben werden. Gleichzeitig fällt mir oft auf, dass es so, wie es ist, reicht. Bei Frankfurter geht es natürlich nicht darum, den Ärmeren unter uns das Leben in Beschränkung schmackhaft zu machen. Er plädiert ausdrücklich dafür, die Armut zu bekämpfen, aber auch die oft parasitären Existenzen der Überreichen, denn diesen Überreichtum hält er für ebenso unmoralisch wie Armut. Frankfurter schlägt vor, was wir im Kleinen oft wissen und auch anwenden: Nicht auf Nachbar/innen, Kolleg/innen, Freund/innen schielen, sondern schauen, wie es uns mit dem, was wir haben und machen, geht.

Meine Freundin hat sich ein neues Kleid bei Max Mara gekauft? Toll! Aber ich habe gerade ein Schnäppchen-Kleid für 24,50€ ergattert. Und möchte mit niemandem auf der Welt tauschen. Eine kleine Wohnung reicht mir, kein Auto auch. Essen gehe ich gerne, aber lieber selten. Und so fort. Mir fehlen auch Dinge. Meine Kamera ist kaputt. Funktioniert zwar noch, aber, doch, ich würde mir jetzt zu gerne eine neue kaufen. Aber das macht mir das Leben nicht sauer. Ich weiß, dass es irgendwann wieder so weit ist. Solange werde ich improvisieren. Frankfurter spricht von einem „Suffizienzprinzip“. Nach seiner Einschätzung wären Gesellschaften befriedet, wenn jede/r für sich genug Geld habe, nicht unbedingt gleich viel. Sein Argument, dem ich unbedingt zustimme:

„Wenn jedermann genügend Geld hätte, würde es niemanden besonders interessieren, ob manche Leute mehr Geld hätten als andere.“

Wenn er jetzt noch „jedefrau“ dazuschreiben würde, wäre ich vollends d’accord.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 9

  1. flowerywallpaper 27. November 2017

    „Wenn jedermann genügend Geld hätte, würde es niemanden besonders interessieren, ob manche Leute mehr Geld hätten als andere.“
    Die Frage aber ist: Was zählt für „Jemanden“ genügend Geld? Das Paradies würde ausbrechen. Keine Korruption, kein Lobbying, kein Neid u.s.w. Aber die Geschichte lehrt mich, die Menschheit bleibt so wie sie immer war und ist. Sehr traurig.

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  2. Stephanie Jaeckel 27. November 2017

    Ja, es fängt eben bei uns an. Koche ich mir mit „genug“ Geld immer noch ein Gemüsesüppchen, oder fange ich an, jeden Abend essen zu gehen. Bleibe ich beim Gemüse, oder muss eben noch Fleisch oder Fisch drauf? Das „genug“ liegt bei mir – nicht beim Blick auf Andere. Oder nicht bei der Idee, „Wenn es geht, nehme ich das auch noch.“ Es ist die pure Konzentration: Brauche ich das wirklich? Oder sogar bloß: Möchte ich das wirklich? Als Kind bin ich gut rumgekommen, weil viele meiner Freundinnen und Freunde Spielsachen hatten, die ich nicht hatte. Prima: Ich habe dort gespielt und fertig. Nicht, dass verzichten immer die Lösung ist. Aber wenn man „genug“ hat, das heißt, vielleicht auch Möglichkeiten, mit jemandem etwas zu teilen oder eine Sache zu leihen (z.B. carsharing), ist der Verzicht keine Blamage und keine Einschränkung, sondern eine Option. Dahin zu kommen, wäre meiner Meinung nach möglich. Nichts bleibt wie es war. Und weil die Welt bald kaputt ist, könnten wir uns zur Abwechslung mal was schneller ändern.

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    • Stephanie Jaeckel 27. November 2017

      Wenn ich es richtig verstehe, geht es tatsächlich um die eigene Verantwortung und um ein Umdenken im eigenen Kopf. Die entscheidende Frage lautet: brauche ich etwas oder möchte ich es, weil alle anderen das auch haben? Wenn ich zu dem Schluss komme, ich brauche oder möchte ist, sollte es möglich sein, es zu kaufen. Wenn nicht, umso besser. Meine Erfahrung ist zum Beispiel, dass ich mit einem Großraumbüro so viel besser bedient bin, als wenn ich ein Büro für mich alleine hätte, was ich ursprünglich so wollte. Ich konnte mir aber kein Einzelzimmer in einer Bürogemeinschaft leisten, insofern fiel diese Option weg. Das Überraschende war jedoch, dass ich mich von Anfang an, und entgegen aller Befürchtungen im Großraumbüro wohl gefühlt habe. Mittlerweile sitze ich in Schöneberg in einem Raum, von dem andere nur träumen. Ein enormer Luxus, den sich selbst reiche Leute in Zürich oder New York nicht leisten könnten. Hier sind mir die Augen aufgegangen für Möglichkeiten, die wir auch ohne Geld haben (ich spreche ausdrücklich nicht von Armut). Improvisieren hat natürlich oft was mit „über Lücken spielen“ zu tun. Aber eben auch oft mit Geschicklichkeit oder Flexibilität. Kaufen ist ja in vielen Fällen einfach nur bequem. Kurz: zu viel Geld zu haben oder zu wenig ist gleichermaßen nicht akzeptabel. Andererseits: Mehr Zufriedenheit befriedet Menschen. Und wer teilen kann, hat auch ein gutes Leben. So?

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  3. ittagebuch 27. November 2017

    Mir gefällt der Begriff „Überreich“. Der ist wirklich sprechend. Das Problem sehe ich in der subjektiven Gefühlslage: ab wann fühlt man sich reich oder überreich ? Wahrscheinlich nie, es gibt immer Verlustangst, die ist bis ins Stammhirn ganz tief verwurzelt. Also „weniger haben“ wirkt bedrohlich, auch wenn man es effektiv gar nicht merken würde. Wahrscheinlich muss man, um Überreiche zum abgeben zu bewegen, was zum Tausch anbieten: „du fühlst dich besser, wenn du dich von xy trennst. Ehrlich! Ganz ehrlich! Ganz ganz doll ehrlich! Versprochen! Probier’s doch mal!“ Oder man wird zum Betrüger ( falls sich der eigene Besitz als nicht ausreichend anfühlt ) – wenn meine Argumente und Bitten nach mehr Geld nicht ziehen ( …“ich würde Ihnen ja Geld geben, aber die Regeln erlauben das nicht …“) dann muss ich eben „kreativ“ werden. Letztendlich finde ich die Überlegungen aber kompliziert, es gibt ja auch noch die fernöstlichen Weisheiten, die andere Werte als den Besitz hochhalten. Die haben auch irgendwie recht. Oder die Minimalisten heutzutage. Viel Besitz belastet nur… ja schon, aber irgendwie muss ich ja so Kleinigkeiten wie die Krankenversicherung und meinen Lebensunterhalt bezahlen. Tja, es ist schwierig…

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    • Stephanie Jaeckel 27. November 2017

      Es geht nicht um die Krankenversicherung oder Miete oder sonstige Grundversorgung. Aber: wenn ich mir jetzt einen neuen Fotoapparat kaufen möchte, warum sollte das nicht gehen? In meinem jetzigen Leben ist das natürlich nicht möglich. In einem, wo mehr Gleichheit in – sagen wir der Bezahlung von Tätigkeiten – herrschen würde, wäre das selbstverständlich. Ich müsste den alten nicht wegwerfen. Ich könnte ihn ans Nachbarskind verschenken. Ich denke auch ans Teilen. Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass Energie und Ressourcen knapper werden. Warum nicht jetzt schon anfangen? Ich brauche weder eine eigenen Waschmaschine, noch einen Trockner, einen Staubsauger, ein Auto oder einen Garten. Bei Föhn, Telefon, Stereoanlage oder Bücher würde ich maulen, ginge aber zur Not. Bett und Rechner sind bei mir tabu. Aber da sieht man natürlich auch schon, dass andere ganz andere Prioritäten hätten. Und also mehr ginge, als ich mir jetzt vorstelle. Aber was natürlich ganz wichtig ist: Jede/r – und damit sind auch die Überreichen gemeint – müssten selber denken. Und nicht erst bewegt werden. Die Verantwortung steht jedem. Und: an Verlustängste glaube ich nicht. Oder besser: Das kriegt man hin, davon bin ich wirklich überzeugt.

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