Zeitgenössische Stillleben?

Wenn ich richtig geschaut habe, heißt so die aktuelle Ausstellung im co berlin (zumindest im Untertitel): contemporary still life. Na – wie stelle ich mir denn ein zeitgenössisches Stillleben vor? (Ohne gleich auf die Internetseite des co berlin zu gehen)? Kann ein Stillleben überhaupt zeitgenössisch sein, oder hat es sich längst schon überlebt? Und was ist eigentlich ein Stillleben: Das Ding (oder besser: die Dinge/r) an sich oder das Bild oder Foto davon? – Eigentlich haben sich sämtliche Bildgattungen überlebt. Aber auch immer wieder – allen voran das Historienbild, aber auch das Porträt – selbst erneuert. Zugegeben, mein Foto ist vor allem kein zeitgenössisches Stillleben, sondern ein Spass in der Mittagspause (die Arbeit war heute wirklich hart genug). Was würdet Ihr zu einem zeitgenössischen Stillleben zusammenstellen? Oder sind Euch Stillleben sowas von schnuppe???

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. Elisabeth Lindau 1. August 2017

    Liebe Stephanie,
    ich finde dein Stillleben überaus gelungen ! Neben den von dir sehr gut in Szene gesetzten durchscheinenden Blütenblättern des an entspannte Sommerabende erinnernden Dekorationselementes gefällt mir besonders gut die ironische Ergänzung durch das „Knöllchen“. Ganz unaufdringlich spielt natürlich das handgefertigte Gefäß mit seiner Ausstrahlung von Individualität und Beständigkeit eine Hauptrolle. Ich kann dich nur beglückwünschen – nicht allein dafür, dass du so passende Gegenstände (nur das Ding im Vordergrund kann ich nicht erkennen; es erinnert mich ein wenig an eine schlappe Teigtasche, vulgo Wrap, aber das ist es bestimmt nicht) in der Mittagspause griffbereit hast, sondern vor allem für deinen vorzüglichen Blick.
    Um deine Frage zu beantworten : ja, ich mag Stillleben – und zwar, weil meistens etwas zu essen darauf zu sehen ist. Genau genommen mag ich gerade diese Untergattung, die sich mit Lebensmitteln beschäftigt. Ich denke sowieso fast den ganzen Tag ans Essen, deshalb ist mir diese Stilrichtung sehr sympathisch. Ich mag die Liebe zum Detail, die Vanitas-Symbolik und die ungeheure Wertschätzung für Lebensmittel in der Kunst des 17. und 18. Jh. Man kann sich geradezu versenken in die Beschaffenheit einer Zitrone oder eines Fisches. Und das haben sie ja eigentlich auch verdient.
    Aber wenn du mir den Begriff „Stillleben“ zurufst, dann ist meine erste Assoziation: Cézanne, Cézanne, Cézanne. Seine einfachen Bilder von einfachen Früchten sind … überirdisch. Sie schaffen etwas (oder erschaffen es im Auge des Betrachters), das über das Abgebildete hinausgeht.
    Auf jeden Fall wären auf „meinem“ Stillleben leuchtend-leckere Früchte abgebildet. Es ist nur so, dass derartige Früchte in meiner Umgebung eine äußert geringe „Haltbarkeit“ haben, so dass es kaum möglich ist, sie abzubilden oder sonstwie „festzuhalten“.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag !!
    Beste Grüße
    Elisabeth

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    • Stephanie Jaeckel 1. August 2017

      Oh, das mit dem Essen ist natürlich der entscheidende Punkt. Zumindest für „alte“ Stillleben. Daran habe ich noch nie gedacht!!! Lebensmittel waren früher noch weniger haltbar als heute. Letztlich. Ich meine, es wird immer über die Vergänglichkeit bei Stillleben gesprochen. Was ja stimmt. Aber die Gegenseite ist genauso wichtig: Überfluss, wohin das Auge schaut. Ich mag Stillleben auch, weil sie eben still sind und eine Feier des Diesseits: Schönheit und Überfluss. Das ist so toll. Cézanne ist einer der größten Stilllebenmaler, Chardin mag ich, und es gab in diesem „niederen“ Genre sogar Frauen, die fantastisch gemalt haben. Ja, und Zitronen sind so schön. Ich kaufe manchmal welche, nur um sie anzuschauen (Fisch dann eher nicht). Zur Aufklärung meines Mittags-Stilllebens: hahaha, eine Teigtasche. Du Essensträumerin! Teigtaschen liegen bei mir höchstens auf dem Teller. Sie kommen nicht aufs Regal 😉 Nee, das ist ein Stöckchen, das ich an einem der kalifornischen Superstrände gefunden habe (weder ich noch ein Hundchen haben bislang reingebissen…) Das Knöllchen kommt ebenfalls vom kalifornischen Strand: ein Teil von einer Kelp-Pflanze, also Alge, die riesig werden können und im Pazifik wohnen. Das Gefäß ist, zu meiner Schande zu gestehen: nicht selbstgemacht. Aber mit bester Laune gekauft. Danke für Deine super Anmerkung!

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  2. christahartwig 1. August 2017

    Ich mag Stillleben, solange keine Totenschädel und Stundengläser bedeutungsschwanger das Bild bestimmen, und auf tote Fasanen kann ich auch gut verzichten. Unlängst las ich irgendwo (wo, habe ich leider vergessen), dass jemand in seinem/ihrem Wohnzimmer immer wieder Dinge zu neuen Stillleben arrangierte – offenbar ohne den Drang, sie im Bild festzuhalten. Das erschien mir nachahmenswert – als kleine kontemplative Übung zum Wochenbeginn zum Beispiel. Und was sollte daran „nicht zeitgemäß“ sein?

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    • Stephanie Jaeckel 1. August 2017

      Ja, das ist die Frage. Stillleben sind ja eine alte Gattung, die mal entstanden ist, weil es diesen Bedarf gab, Bilder von feinen, leckeren, luxuriösen, kuriosen, seltenen etc. Sachen zu haben. Wie Du schreibst: Heute haben wir solche Dinge eher und können Stillleben damit „in echt“ machen. Wenn ich mir meine Obstschale angucke: Da wäre für meine Großeltern noch jeden Tag Weihnachten gewesen. Für reiche Leute im 16./17. Jahrhundert wahrscheinlich auch. – Aber damit komme ich vom Eigentlichen ab. Wenn man Bilder, oder Bildthemen (sagen wir mal, um den alten Gattungsbegriff etwas auszuweiten) als eine Art Fenster in oder aus unserer Welt versteht, Fenster für spätere Generationen oder für Aliens, was wären dann heutige Stillleben? Was würden sie zeigen, was für unsere Zeit typisch ist? Müssten es vielleicht eher Stilllebenvideos sein oder Sounds? Oder sind alle Stillleben unzeitgemäß und werden nur damit – vermeintlich – zeitgenössisch, weil wir sie mit heutigen Dingen ausstatten? Oder sind Stillleben gar keine Gattung, sondern so alt wie die Menschheit selbst? – Nein, keine nur ernstgemeinte Fragen. Das wandert mir nur alles so durch den Kopf (und immer schön im Kreis).

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      • christahartwig 1. August 2017

        Mit der Annahme, dass Stillleben so alt sind, wie die Menschheit selbst, könntest Du recht haben – spätere Formen der Höhlenmalerei. Gleichzeitig fallen sie – wie ja auch Interieurs – in die Gruppe der Handlungsspuren. Ich finde sie sehr betrachtenswert und oft auch sehr anregend. Vor Jahren habe ich etwas darüber geschrieben: https://christahartwig.wordpress.com/2011/10/22/stillleben-12051585/
        Diese Ähnlichkeit der „Requisiten“ ließ in meiner Vorstellung alle möglichen Geschichten entstehen – wie die beiden Maler, Kelche, Schalen und Teller untereinander austauschen. Manches gehört ihnen nicht einmal. Sie drängen den Freund, sich mit dem Malen zu beeilen, weil die Patin bereits um Rückerstattung ihrer Vase gebeten hat, …
        Es ist oft das Stille, das uns mehr erzählt, wie auch ein gestelltes Familienfoto der alten Art mehr erzählt als der heute übliche Schnappschuss.

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