Wellenbewegung

Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben. Auch mein Vater macht sich langsam auf den Weg. Er ist 88. Ziemlich fit. Aber der Tod meiner Mutter hat ihn doch gezeichnet. Sein Elan lässt deutlich nach. Er weiß nicht mehr, warum er etwas heute tun soll, wenn er es doch auch morgen tun könnte. Und dann – warum eigentlich überhaupt? Auch ich bin jetzt schon eine Art Protoseniorin. Das gleißende Licht in Kalifornien hat mir diesbezüglich auch die letzten Illusionen geraubt. Schlimm? Eigentlich nicht. Aber so fremd. Ich fühle mich immer noch wie dreißig. Aber ich bin es definitiv nicht mehr. Und ich verändere mich nicht nur zum Alter hin. Ich sehe wirklich anders aus. Das ist schwierig zu verstehen. Und schwierig anzusehen.

Die eigene Endlichkeit jedenfalls hat Einzug gehalten in meinem Alltag. Ich denke öfters an den Tod. Schließlich sterben auch die Eltern meiner Freund/innen. Und mein ehemals bester Freund hatte vor ein paar Tagen seinen achten Todestag. Es ist nicht nur Angst. Es ist die Frage, was bleibt. Oder die Suche nach Dingen, die ich jetzt weitergeben kann. Es ist, als hätte ich mit dem Anhäufen meiner Lebensjahre nicht nur Zeit gefressen, sondern eben auch Erfahrungen gemacht. Das heißt, Dinge erlebt und damit verstanden, die man sich nicht „reinpfeifen“ kann, wie vor einer Prüfung. „Wissen bedeutet noch keinen Verstand“, hat mir meine damalige Klassenlehrerin ins Poesiealbum geschrieben. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt einen Schimmer davon bekam, was das bedeutet. Nein. Ich will mich nicht auf die Borniertheit meiner Eltern zurückziehen, die ihre Erfahrung über den Elan und die Experimentierfreude von uns Kindern stellten. „Werd‘ Du erst mal so alt wie ich“, war da noch einer der freundlicheren Sprüche. Es geht auch nicht darum, „Werke“ zu schaffen, die nach meinem Tod noch an meinen Namen erinnern. Es geht im Grunde nicht einmal direkt um den Moment des Todes. Sondern um die schlichte Idee, das Leben anderer zu bereichern. Das ist vielleicht, wie wenn man sich von der großen Idee verabschiedet, etwas oder jemand im Leben zu werden. Einfach nur nett sein, aufmerksam, neugierig, gewissenhaft (oder was auch immer), mag reichen. Oder mehr sein, als ich mir als junge Erwachsene vorstellen konnte: Die Fülle eines ganzen Lebens.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 12

  1. papiertänzerin 15. Juni 2017

    Dem schließe ich mich an! Und danke: genau im richtigen Moment. Mein Großer feiert am Samstag Wunsch- und Segensfeier als Übergang ins jugendliche Erwachsenenalter. Und ich sitze verschnupft & fiebrig im Bett und versuche zu formulieren, was ich ihm sagen & mitgeben möchte, ohne ihm meine Erfahrungen aufzulasten. In 90 Sekunden wohlbemerkt 😉

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  2. volkerwiesner 16. Juni 2017

    Was mir noch in den Sinn gekommen ist: ich kann die Gedanken zum Erreichen großer Ziele und der Erfahrung von Grenzen nachvollziehen. Aber warum war es mal so wichtig, „etwas zu erreichen“? Kann ja allen jungen Leuten so gehen. Aber ich für mich habe da noch eine spezielle Erklärung: es liegt bestimmt auch daran, dass meine Mutter mit dem Verlauf ihres Lebens unzufrieden war und auf meinen Bruder und mich die Erwartung „projeziert“ hat, es viel besser zu machen. Klingt jetzt nicht nett, aber meine Mutter hat immer „verglichen“: was besitzen andere, was können andere. Das habe ich verinnerlicht und wollte in jungen Jahren viel erreichen. Was nur begrenzt geklappt hat. Z.b. wurden Bekannte mit Aktien kurzfristig reich, ich nicht. Heute sehe ich das so: Geld ist bequem. Es füllt aber nicht das Leben. Zeit mit anderen Menschen oder bewusste Zeit mit sich selbst – das fühlt sich für mich nach Leben an. Und: mit zunehmendem Alter macht man Grenzerfahrungen. Aber anstatt zu sagen:“werd erst mal so alt wie ich“ könnte man ja auch netter sagen „Probier es aus“ und dabei Lächeln. Meine Grenzen sind ja auch nur meine Grenzen, andere kommen da vielleicht drüber, wer weiß. Zum Schluss noch das, womit man eigentlich einleiten sollte: sehr schöner Blog, bin seit einiger Zeit regelmäßig dabei, weil mich die Posts ansprechen/berühren.

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    • Stephanie Jaeckel 16. Juni 2017

      Ich kann mich daran erinnern, als sehr junge Frau mit der schieren Masse anderer Menschen gehadert zu haben. Ich wollte anders sein, mich herausheben, auffallen. Vielleicht wollte ich auch etwas Besonderes werden, weil ich aus meiner Familie, aus der Kleinstadt, in der ich geboren bin, rauswollte. Es galt, andere Wege zu beschreiten und da musste das Ziel schon weit oben liegen. – Mittlerweile merke ich, dass die Ziele leer bleiben, wenn ich sie nicht ausfülle. Oder wenn ich nicht mit meiner ganzen Person dort ankomme. Berühmt werden möchte ich nicht mehr, ich habe dafür einfach nicht genug Rampensau-Anteile (oder was auch immer dazu gehört). Ich möchte Menschen Spaß am Wissen weitergeben und den Mut, Fragen zu stellen und sich selbst zu vertrauen. – Danke für Deinen Hinweis auf die Grenzerfahrung. Wer jung ist, denkt sich wohl meist als grenzenlos. Die Grenzerfahrung mag da erst mal kränken. Ist aber goldwichtig für die weitere Entwicklung. Ich freue mich sehr, dass Dir mein Blog gefällt. Deine Beträge sind für mich ebenfalls anregend, sie führen weiter in das hinein (oder in andere Richtungen), als ich in der täglichen Schreibeile oft nur streife.

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  3. Pingback: Blogbummel Juni 2017 – 1. Teil – buchpost

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