Eigenverantwortung

Ein großes Wort für eine kleine Sache. Für deren Verständnis ich aber Jahrzehnte gebraucht habe: 1. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand. 2. Die Schuldfrage ist aus meinem Denken zu streichen.

Für die erste Einsicht gab es gestern eine überraschende Bestätigung. Der Eames-Stuhl, den ich mir vor lauter Ferienbegeisterung bestellt habe, kam. Ich baute ihn schnell zusammen (einfacher als IKEA) und stellte ihn in die noch leere Zimmerecke. Fast leere Zimmerecke, denn vorher stand da ein Klappstuhl. Ein billiger, halt eine Sitzgelegenheit. Ich war immer zufrieden mit diesem einfachen Teil, mal davon abgesehen, dass man nicht ewig drauf sitzen kann, er ist ein bisschen unbequem. Aber für ein Abendessen mit Freund/innen reicht es dicke. Der Eames-Stuhl stand noch nicht lange und mir wurde klar, was für ein Unterschied zwischen einem mit Bedacht entwickelten Stuhl und einer Billig-Produktion besteht. Haha – möchte man meinen. Aber auch diese Einsicht hat bei mir gedauert. Ich möchte weder für Luxus noch für vermehrten Konsum werben. Ich habe nach wie vor einfachste Dinge in meiner Wohnung stehen und nicht vor, sie zu ersetzen. Es wurde mir nur mit einem Schlag klar, dass es meine Entscheidung ist. Und dass ich hier und da auf die Suche gehen kann, nach etwas, das mich beflügelt. Das kann auch eine Ansichtskarte sein, oder ein Spaziergang im Grünen. Was wichtig ist, dass ich mich auf den Weg mache.

Die Schuldfrage ist fast noch schwieriger zu streichen. Fast automatisch finde auch ich jemanden, der die Sache für mich vermasselt hat. Oder wenn es keine Person ist, dann zumindest hätte, wäre, würde. Seit ich damit peu à peu aufhöre, geht es mir besser. Ich kann mich auf Lösungen konzentrieren oder die Sache ausbaden, ohne noch das nagende Gefühl zu bedienen, ich befinde mich in einer ungerechten Situation oder (schlimmer noch), ich hätte etwas ändern können oder sei eben auf einen besonders fiesen Gegner gestoßen. Auch hier gilt: Es nützt nix, sich die Welt schön zu reden. Und Ungerechtigkeiten gibt es genug. Aber die Schuldfrage ist eine Hintertür, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Und die Eigenverantwortung nicht zu schultern, so scheint es mir zumindest im Moment, ist fast schon die Garantie dafür, kein gutes Leben zu führen. Na ja, mal sehen….

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. volkerwiesner 14. Juni 2017

    Eigentlich schon komisch, dass man nicht schon früher im Leben auf scheinbar offensichtliche Weisheiten gestossen ist. Ich glaube zumindest nachempfinden zu können, was mit dem Artikel gemeint ist. Qualität ist wichtig, aber ich persönlich finde Menschen „langweilig“, die sich stundenlang über ‚Dinge‘ austauschen können. Ja, über was denn sonst ? Na eben über sich selbst, über Werte, über Ideen, über Empfindungen. Das „was macht es mit mir“ finde ich nun mal viel interessanter als das Objekt an sich, wobei es natürlich bei Dingen auch unerschöpfliches Entdeckungspotenzial gibt. Gutes Design z.B. – was unterscheidet einen Designerstuhl von einem Billigprodukt oder einer Replik ? Auf den ersten Blick das Material, auf den zweiten Blick die Ideen hinter dem Produkt. Was unterscheidet ein Kunstwerk von einem Kinderbild ? Was nun auch mit Eigenverantwortung und Schuld zu tun hat. Meist sind hochwertige Dinge das Produkt von viel Arbeit und Mühe. Welche man nicht bereit ist zu leisten, wenn man die Verantwortung für das Ergebnis des eigenen Wirkens auf andere abwälzt. Schuld sind immer die anderen. Für alles, was einem nicht gelingt. Der Arzt für die unkorrekte Behandlung des eigenen Leidens, die Eltern mit ihrer Erziehung und deren Vermögen für die eigene Situation, die Lehrer für das Ergebnis der Prüfungen. Erst wenn man sich selbst der Verantwortung fürs eigene Leben stellt wächst man mit seinem Schaffen. Zumindest ist das in meinem Erfahrungsraum so zu empfinden. Und dann wird einem plötzlich bewusst, was andere Menschen wirklich leisten. Ob in der Führung eines Unternehmens, in der Kunst, im Sport oder der Pflege. Aber vielleicht ist es auch anders und das ist nur meine persönliche Meinung. Ein Stuhl ist ein Stuhl. Funktional gesehen. Und doch gibt es viele Differenzierungen, aber man muss Wissen oder Erfahrung haben, um das zu erkennen und wertschätzen zu können.

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    • Stephanie Jaeckel 15. Juni 2017

      Vielleicht sind es subjektive Einsichten. Aber ich denke schon, dass Wissen und Erfahrung getrennte Wege gehen. Und jede/r Einzelne beide auf seine oder ihre Weise miteinander verknüpft. Ich würde an dem Bild von Kopf und Körper, Kopf und Herz (oder was neuere Forschung nahelegt, Kopf und Darm) festhalten. – Und um noch einmal auf meinen neuen Stuhl zurück zu kommen: Ich habe gestern wegen einer Zehenentzündung den ganzen Tag drin gesessen. Kein Ach und Weh wie nach spätestens fünf Stunden auf dem Klappstuhl. Es gibt also auf jeden Fall einen Unterschied. Den im Detail rauszufinden, ist sicher auch spannend, und wäre ein Plädoyer für das Reden über Dinge (muss ja nicht ausschließlich sein).

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