Große Historienmalerei

gibt es nie und nimmermehr. So die, zugegeben arg verkürzte, Kunstgeschichtsschreibung zu den Zeiten, in denen ich noch studiert habe. Dass „nie und nimmermehr“ aus dem Wortschatz und damit auch aus dem Denken ausgeklammert gehören, habe ich im Laufe meines Lebens schon einige Male erfahren. Dennoch war ich überrascht, in Los Angeles in eine Ausstellung zu kommen, die in einer solchen Brillanz, Lebensfreude und gleichzeitig unsentimentalen Genauigkeit gemalte Historienbilder zeigt, dass ich nach Luft schnappen, grinsen und freuen und immer wieder auch beschämt innehalten musste. Kerry James Marshall wird noch bis zum 3. Juli im MOCA eine Retrospektive gewidmet, die üppig ist, unterhaltend und sehr, sehr lehrreich.

Marshall wurde 1955 geboren. Er wuchs in South Central Los Angeles auf, in einem Stadtviertel, in dem bis heue vor allem Schwarze leben und das noch bis in die 1990er Jahre als No-go-Area galt. Marshall schloss das Otis College of Art and Design ab, später zog er nach Chicago, wo er heute noch lebt. Er malt vor allem Porträts und großformatige Menschenbilder, in der Kunstgeschichte auch Historienbilder genannt.

Dazu muss ich kurz ausholen. Historienbilder waren einst Reflexionsbilder für die Reichen und Intellektuellen. Geschichten aus Mythologie und Altertum wurden in je entscheidenden Momenten dargestellt, um politische oder moralische Denkanstöße zu geben. Als sich die Kunst institutionalisierte, wurde die Historienmalerei zur Königsklasse der malenden Zunft. Menschen spielen in diesen Bildern die Hauptrolle. Es gab nur zwei weitere Fächer, in denen ebenfalls Menschen im Zentrum stehen: Das Porträt und das Genre. Genremalerei beschränkt sich jedoch auf Darstellungen aus den „niederen“ Milieus. Sie sind oft spassig, die gezeigten Menschen eher Typen, denn lebende Personen. Die Historienmalerei schien gegen Ende des 19. Jahrhunderts an ihr eigenes Ende zu kommen: Die (Reportage-)Fotografie konnte schneller und genauer über Weltereignisse informieren, die realistische oder naturalistische Malerei wurde von anderen, immer abstrakteren Stilen abgelöst. Und noch etwas sprach zunehmend gegen Historienbilder: Sie sind groß und teuer, und damit für Sammler eine schwere Kost. Wer – auch heute noch – Historienbilder malt, braucht vor allem eins: finanzkräftige Mäzene.

Oder man fängt – wie Marshall – klein an: mit Porträts. Marshall konzentrierte sich auf Menschen, die eine Rolle in der amerikanischen Geschichte oder in der afrikanischen Diaspora spielen. Und machte auf diese Weise auf sich – und auf die jeweiligen Geschichte hinter den Porträtieren – aufmerksam. In der MOCA-Ausstellung hängt gleich am Anfang ein Selbstporträt: Portrait of the Artist as a Shadow of his Former Self“, ein ziemlich kleines Bild von 1980, aus dem uns Marshall mit Cowboyhut und großer Zahnlücke angrinst. Ich kann mich nicht entscheiden, ob er das jetzt Ernst meint, zumal das Bild mit den scharfen Konturen und dem merkwürdig grinsenden Gesicht etwas von einem Comic hat. Das nächste Bild bringt mich endgültig zum Lachen. Es ist ein Jahr später gemalt und deutlich größer. Leider habe ich mir den Titel nicht notiert. Es zeigt – wenn man so will – das Porträt eines Staubsaugers, ein altes Modell, vielleicht aus den 1950er oder 60er Jahren. Hinter dem Staubsauger, mittig an einer Wand mit roter Tapete sehen wir das Selbstporträt von 1980 hängen. Grinsend und augenzwinkernd. Welcher Künstler zeigt sich schon mit Staubsauger? Da scheint einer eine Menge Abstand zu sich zu haben und gleichzeitig auf etwas zu weisen, was leider immer noch Realität ist: Schwarze bewegen sich weitgehend im Hintergrund. Die große Bühne bleibt ihnen meistens verwehrt.

Marshall hat sich in einer Zeit für die figürliche Malerei entschieden, als viele zur Abstraktion wechselten. Es war für ihn eine Art doppelter Konfrontation: Gegen den Mainstream und auch gegen das Tabu, Schwarze zu den Protagonisten westlich geprägter Malerei zu machen. Aber genau das tat und tut er bis heute. Mit Verve und einem unglaublichen Witz samt Meisterschaft. Denn er kennt alle Tricks, alle Konventionen der westlichen Hochkunst. Geradezu nonchalant spielt er mit Hoheitszeichen und Motiven weißer Maler. So erinnert in dem als Untitled bezeichneten Bild von 2009, das oben zu sehen ist, das Bild im Bild, die große Leinwand mit dem für Hobbymaler vorgegebenen Sujet, an Andy Warhol, der solche „Malen-Nach-Zahlen-Bilder“ in seinen frühen Jahren als Pop-Art-Star produzierte. Die Hobby(?)-Künstlerin davor mit riesiger Palette ist eine pompös zurechtgemachte Schwarze, in deren Farbspektrum ein Farbe fehlt… das Schwarz.

Und so geht es von Bild zu Bild. Oft sind Szenen aus dem Alltag gezeigt, Schwarze Menschen beim Frisör, bei der Hausarbeit, die, auf das große Historienformat gebracht noch eine kunsthistorische Grenzüberschreitung leisten (auch wenn sie heute nicht mehr skandalös ist): Das Genre, also das alltägliche Sujet, wird auf diese Weise auf das Historienformat monumentalisiert. Der Alltag schwarzer Menschen wird damit als wesentlich gekennzeichnet. Allegorien gibt es, mit Glitter umrandete Sehnsuchtsbilder, Fantasien des Größenwahnsinns und damit sarkastische Kommentare zu weißer Selbstverständlichkeit kommen hinzu. Ein wundervoller Kommentar auf ganzfigurige Adam-und-Eva-Darstellungen aus der Renaissance, hier mit schwarzem Personal in den Rollen als Frankenstein und Frankensteins Braut (beide 2009).

Es ist eine umfassende Retrospektive und ich könnte hier immer weiter schreiben und den Rahmen eines Blogbeitrags locker sprengen. Aber es ist Pfingsten, es scheint die Sonne. Ich gehe also raus und hoffe ganz fest, dass bald eine Ausstellung von Marshall in Deutschland zu sehen sein wird. Übrigens sagt er in einem kürzlich erst im „Freitag“ erschienenen Interview mit Chris Derkon etwas sehr, sehr wichtiges:

„Kunstwerke sind nicht harmlos.“

In diesem Sinne… 

 

Einsortiert unter: Ausstellungsbesprechung

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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