Hauptsache, es fliegt…

Nö. Keine Entwurfszeichnung der klingonischen Bird of Prey. Viel zu elegant. Was mich ansonsten heute zum Fliegen gebracht hat? Die Lektüre von Bodo Hell: Ritus + Rita. Ich werde demnächst eine Rezension für tell darüber schreiben. Hier eine kleine Leseprobe aus dem letzten Kapitel über die Glocken, die nicht nur in Kirchtürmen läuten, sondern auch an Kühen und Schafen:

„(…) die akustischen Phänomene in einem rindviehbeweideten Großgebiet sind vielfältig, je nach Pflanzenbewuchs, Überschirmung, je nach irreführenden Echoeffekten und akustischen Sackgassen, je nach Tages- und Nachtzeit sowie WiederkäuPhasen des dazu ruhenden Viehs, und es kann allen Stallbesuchern und Almgehern nur empfohlen werden, sich einmal neben wiederkäuende Glockenträgerinnen hinzusetzen oder in die Wiese zu legen und auf die Wiederkehr der Bimmelphasen im Meer der Stille zu achten, das kann bei nächtlich ungestörten Ziegen auf der anderen Seite der Wand zum phasenweisen Ertönen der elegantesten mikrointervalligen >minimal music< führen (so etwas möchte man dann ewig lang oder gleich noch einmal hören), andererseits ist der mächtige Glockencluster etwa in einem großen Einbruchsbecken-Weidegebiet, wie man ihn abends von erhöhter Stelle mitten im abzugrasenden GeländeRund hört, mit An- und Abschwellen der diversen Tonhöhen (je nach Weide- oder/und Windrichtung), mit dem wiederkehrenden tröstlichen Aufstöhnen des BordunBasses der tiefsten und mächtigsten Glocke (von welchem Bauer ist die wohl), so ein Cluster also ist >in natura< sehr beglückend anzuhören, zumal die unterschiedlichen Tiefen des RundRaumes zur Geltung kommen und wahrgenommen oder mitgedacht werden können, also ein völlig anderes Bewusstsein der Verrottung des Horchenden in der Welt zustande kommt, als das im geschlossenen Hörraum eines Konzert- oder Kinosaals trotz bester 5.1-Technologie aus Lautsprechern zustandezubringen ist, während die Turmuhr mit ihrem taktierten Zeit-Geläute fürs Kirchspiel (barockes Dorfgeläut im Dur Dreiklang mit starker Neigung nach Moll …) den Hörern bisweilen so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass das Erwarten des Grundtons mit drei- also vierfachem Zwischenantrieb gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird, bis dieses (auch wieder vorläufige) Erlösungsmotiv zur vollen Stunde auf (etwa um Ein-Uhr) neu angekommene Ohren wie eine Vergewisserung ihrer Anwesenheit am Ort und in der Zeit sowie als Bestätigung der Person genugtuend/retribuierend wirken kann (…)“ (S. 115/116)

Bodo Hell, Ritus und Rita. Essay 69. Literaturverlag Droschl, Wien 2017.

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

    • Stephanie Jaeckel 1. April 2017

      Ja, bimmeln ist eigentlich wirklich gut. Aber wer viel Musik hört und gelegentlich auch die unter dem Label „Neue Musik“ mag sich neben alpinen Kuh- und Schafherden tatsächlich an komplexe Klanggebilde aus dem Konzertsaal erinnert haben und – jedenfalls ging es mir so und es war ein grandioses Aha-Erlebnis, dies Art von Tonfolgen, Harmonien (oder eben gerade nicht) auf der grünen Wiese zu erleben. Ich habe so etwas mal in der Schweiz gehört und war total aus dem Häuschen.

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