Bücher!

Die Leipziger Buchmesse ist vorbei und die, die dort waren, haben die Taschen voll mit Neuerscheinungen. Oder die Köpfe voll mit Eindrücken, Überraschungen, Enttäuschungen. Eine faszinierende Welt, diese Messe der großen und kleinen Geschichten, der Fakten, Fantasien und Sprachen. Einmal mehr denke ich darüber nach, was mir lesen bedeutet. Oder was es bedeutet, wenn ich meine Lektüre öffentlich mache, wie manchmal hier, in den Klunkern.

Ich bin Journalistin. Deshalb geht es mir nicht so sehr um die Suche, bzw. die Manifestation eines eigenen Standpunktes. Es ist mir – hier zumindest – egal, ob ich als Bloggerin, als Frau Jaeckel oder als Journalistin wahrgenommen werde, weil ich so schreibe, wie es mir angemessen erscheint. Dem Buch, bzw. den Büchern angemessen – nicht einer bestimmten Leserschaft oder einem bestimmten Format.

Ich bin auch Kunsthistorikerin. Das prägt meine Lektüre. Denn ich betrachte das Buch zunächst als Gegenstand. Ich betrachte Format und Form des Texte, noch bevor ich mit der Lektüre beginne. Oft ist so eine Gestaltung dem Wunsch geschuldet, ein „schönes“ Buch zu machen. Das ignoriere ich. Wenn sie aber einen Lesefluss vorgibt, vielleicht die Lautstärke auch der inneren Stimme bestimmt, den Atem lenkt oder die Gedanken immer wieder bündelt, dann notiere ich mir das.

Was mache ich noch? Die Zeit mitdenken, in der ein Buch geschrieben wird. Zugegeben, das klingt platt, zieht jedoch eine Menge Arbeit nach sich: die Zeit ist der eine große Brocken, den es zumindest in groben Zügen zu verstehen gilt, und der zweite sind die Autorin oder den Autor in ihrem Lebensmoment in dieser Zeit. Womit wir auch schon bei dem leidlichen Thema „Biografie“ sind. Wie viel Biografie steckt nun in einem Buch? Und muss ich wirklich wissen, wer ein Buch geschrieben hat, um es zu verstehen?

Mir ist der Autor oder die Autorin als Gegenüber wichtig. Natürlich haben Schriftsteller/innen die Freiheit, unter Pseudonym zu schreiben. Das ist ein Spiel im Literaturbetrieb seitdem geschrieben wird. Ich mag es allerdings lieber, wenn ich weiß, wen ich vor mir habe. Es ist wie bei Gesprächspartner/innen. Es wäre mir komisch, mit ihnen durch einen Vorhang zu reden. Denn Literatur ist für mich nicht bloß eine tolle Geschichte in einer passenden Form. Literatur ist für mich – wie jede Kunst – das Ringen mit der Welt. Hier nimmt es jemand mit der Wirklichkeit auf. Und ich will wissen, wo dieser jemand herkommt. Wer er ist, in welcher Welt er lebt, von wo aus er schaut oder wohin er träumt – oder sie.

Als Kritikerin versuche ich diese Position zu finden. Denn nur von dort aus rollt sich die Geschichte im Text auf. Manchmal ist diese Position versteckt oder sehr kunstvoll gebaut. Manchmal erhasche ich nur einen kurzen Blick auf sie, manchmal vertue ich mich oder scheitere komplett. Dann gefällt mir das Buch oft nicht. Oder zumindest verstehe ich es nicht. Was im Übrigen nicht viel macht. Denn auch Nicht-Verstehen kann für die Leser/innen einer Rezension erhellend sein. Es mag sogar Spass machen, einer trotteligen Rezensentin den Schneid abzukaufen. Doch ja! Warum denn nicht? Lesen ist eben auch ein Spiel.

Lesen ist vor allem das Einbringen des Eigenen. Wie ich ein Buch lese, hat viel mit den Büchern zu tun, die ich schon gelesen habe. Und hier komme ich als Kritikerin ins Spiel: Ich kann Vergleiche ziehen, ich kann Unterschiede hervorheben, ich kann das gelesene Buch ans Mittelalter anknüpfen, an die englische Literatur der 1920er Jahre, an Comics oder an andere Bücher, die ich als Echoräume beim Lesen entdeckt habe. Rezensieren ist wie seinen Weg in einem unbegangenen Gelände zu finden. Und das ist vielleicht auch die Antwort auf meine Frage: Was bedeutet mir Lesen? Ausgetretene Wege zu verlassen. Mich in ungangbares Gelände zu wagen. Anderen von meinen Lesereisen zu erzählen. Oder mit anderen auf solche Reisen zu gehen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

    • Stephanie Jaeckel 28. März 2017

      Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Lesen ein „aktiver“ Vorgang ist. Vielleicht habe ich erst über den Umweg der (klassischen) Musik begriffen, wo ich nur dann etwas höre, wenn ich wirklich mitmache. Dort wie in der Literatur sind es andere Werke, die mir beim Hören (Lesen) wichtige Hinweise geben. Und die ein Universum bilden, in dem das neue Stück, der neue Text leuchtet.

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      • mickzwo 28. März 2017

        Ich beschäftige mich schon lange mit dem was abgeht in uns, wenn wir lesen (auch: etwas anderes rezipieren). Zum Beispiel wenn Sich jemand hinsetzt, um sich auseinander zu setzen (mit einem Standpunkt oder einer Person). So etwas kluges, aufschlussreiches habe ich selten gehört. Einer Sache auf den Grund gehen, darum geht es doch. Ich kann soetwas nicht ständig machen. Es würde mich Überfordern. Aber wenn man es tut, dann mit ganzem Herzen. Das gefällt mir.

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