„Im Grunde will jeder von uns jemand anders sein.“ Das sagt Nick Cave während einer der zahlreichen Autofahrten in dem autobiographischen Film „20.000 Days on Earth“. Seit ich den Satz gehört habe, steckt er mir im Ohr. Weil ich mich von ihm ertappt fühle. Als Kind wollte ich ein Indianer sein, als Jugendliche vor allem schöner. Als Studentin wollte ich berufstätig sein, manchmal wollte ich mit Leuten befreundet sein, die ich nicht mal kannte oder ich wünschte mich in ein anderes Land. Es gab Zeiten, da wäre ich lieber ein Mann gewesen wäre, früher träumte ich vom Berühmtsein, heute von größerer Schlagkraft. Aber immer bin nicht ich es, sondern die Andere. Auch wenn sie nur ein bisschen schöner, ein bisschen stärker, ein bisschen schlauer wäre.
Das Tolle an diesem Wunsch, so hoffnungslos er zunächst erscheint, ist jedoch, dass er sich meist erfüllen lässt. Fast alle Menschen finden in ihrem Leben etwas von ihrem Wunsch-Ich, oder sie schaffen es, wenigstens eine Facette davon zu realisieren. Sie schaffen sich die Freiräume in ihren Freizeiten. Andere können sich ihrem Beruf anverwandeln. Klar, dass jemand wie Nick Cave, der ein Popstar geworden ist, eine – fast schon unheimliche – Verwandlung durchgemacht hat. Eine, die immer noch anhält, denn die Figur des Stars muss immer wieder mit neuem Leben gefüllt werden.
Vielleicht heißt der Satz auch so: „Im Grunde will jeder von uns viele sein.“ Weil es gut tut, zu vergessen, wer ich bin, um einen anderen Weg zu gehen – oder den gleichen Weg mit anderem Schritt und anderem Gesicht zu gehen. Die Fantasie, aus uns so viel wie möglich zu holen, gehört wahrscheinlich zu dem Wertvollsten des Menschseins. In diesem Sinn: Es lebe die Verwandlung!
Das Foto ist ein Screenshot des oben genannten Films.

Myriade 16. September 2016
Wenn ich nur nicht bei „Die Verwandlung“ an den grauslichen Kafka-Käfer denken müsste 🙂
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Stephanie Jaeckel 16. September 2016
Oh, jetzt kommt was peinliches: Das Buch habe ich nie gelesen. Aber – auch aus diesem Unwissen heraus – würde ich sagen, dass es sich hier um selbst initiierte Verwandlungen oder eben um Verwandlungswünsche handelt, während die Verwandlung in einen Käfer doch wohl eher unwillentlich geschah – oder?
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Myriade 16. September 2016
Ja, ja, es handelt sich um eine absolut unerwünschte Verwandlung 🙂
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mickzwo 16. September 2016
Das Thema „vom hässlichen Entlein“ das irgendwie zum „Schwan“ wird, beschäftigt alle (mehr oder weniger). Es gehört wohl zum „Menschsein“ dazu.
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Stephanie Jaeckel 16. September 2016
Komischerweise habe ich lange gedacht, dass es nur mir so geht. Ich fühlte mich unbehaglich in meiner Haut und wollte unbedingt woanders hin mit mir. Mittlerweile sehe ich diesen Wunsch nicht mehr so dringend, eher spielerisch. Weil ich weiß, dass Verwandlungen sehr schnell möglich sind. Manchmal genügt nur ein anderer Gang.
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SätzeundSchätze 17. September 2016
Sich spielerisch zu verwandeln, das ja. Sich in ein anderes Leben (andere Leben) hinein zu wünschen, das war früher mal. Heute bin ich froh, dass ich mich selbst an irgendeinem Punkt getroffen und gefunden habe (wobei auch das noch nicht abgeschlossen ist).
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Stephanie Jaeckel 17. September 2016
Manchmal denke ich, je länger wir leben, desto erdenschwerer werden wir. Dabei die Leichtigkeit der Verwandlung nicht zu vergessen, ist vielleicht angesagter, als für die Rente zu sorgen (oder zumindest genauso wichtig). Aber das gute Gefühl, auch irgendwo angekommen zu sein, ist eben auch Gold wert!
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