Frag‘ hundert Leute, was Schönheit ist, und Du wirst hundert Antworten bekommen. Und, ums gleich hinterherzuwerfen: Das ist auch gut so. Schön kommt (unter anderem) von „schauen“ – und entspricht wahrscheinlich dem Gefühl der meisten von uns, dass bei Schönheit etwas Sichtbares gemeint ist. Es gibt auch Schönheit in der Musik, in der Sprache, in mathematischen Formeln, aber schön sind zuallererst Dinge, auf die wir mit unseren Fingern zeigen können: „Schau mal!“
Schönheit macht glücklich. Schönheit ist ein Fall für unsere Sinne. Auch wenn der Intellekt gelegentlich das Schöne für sich beansprucht. Das ist dann geistige Schönheit (vom Auge beargwöhnt). Tatsächlich ist alles noch viel komplizierter: Frag‘ nur einen Menschen, und du wirst mehr als hundert Antworten bekommen. So wichtig mir selbst Schönheit erscheint, nicht als Kulisse, sondern als Herzerweiterung (das meine ich jetzt nicht pathologisch…), so schwer ist es mir zum Beispiel gefallen, ein Foto für diesen Beitrag auszuwählen.
Dass ich zur Kunst gegriffen habe, hat mit der zweiten Frage nach Schönheit zu tun: Ist sie konservierbar? Naturschönheiten vergehen. Sei es der Regenbogen, die Rosenblüte, das weite Feld. Wer wünscht sich nicht dauerhafte Schönheit. Und hier kommt gleich noch einmal Frau Sontag ins Spiel, denn sie hat, wie übers Interpretieren auch über die Schönheit Mitte der 1960er Jahre einen Artikel geschrieben. Was mir so gut an beiden Texten gefällt ist, wie ungestüm sie sich ins Geschehen wirft, die Themen sind groß wie Meere und haben mehr Arme als gewöhnliche Kraken. Sie schrieb zu einer Zeit, in der sich das Kunstschöne verdächtig gemacht hatte. Kunst hatte in den 1960er Jahren authentisch zu sein, echt oder wahr. Das konnte vor allem nicht schön sein. Im Gegenteil, wer über ein Werk sagte es sei schön, meinte in Wirklichkeit „bloß schön“, was eine Art Arschtritt erster Klasse bedeutete.
Schön hat mit Unterscheidung zu tun. Wo etwas schön ist, ist etwas anderes weniger schön oder sogar hässlich. Sontag verweist darauf, dass diese Form der hierarchischen Weltbetrachtung etwas elitäres hat, dessen Ursprünge im Feudalismus liegen. Dennoch hält sie weniger die Demokratie als vielmehr den Konsumismus für den Feind des Schönen. Denn, so schreibt sie, wo nichts mehr hässlich sein darf, ist auch nichts mehr schön.
Schönheit lässt sich offensichtlich nicht definieren. Dennoch weiß jede und jeder von uns, was schön ist. Es ist ein Ideal, etwas Vollkommenes, was sich auf Erden selten zeigt. Schönheit ist eine Art Versprechen, wie Susan Sontag schreibt, ein Versprechen für die Fülle von Wirklichkeit, die uns umgibt. Wir brauchen sie, um die Welt zu begreifen, egal, wie sie vor jede oder jeden von uns ausfällt. Und was wären Museumsbesuche ohne die Diskussion über schön und furchtbar. Auch hier weiten sich die Horizonte. Mein Schönheitsideal hat sich über die Jahrzehnte auf jeden Fall sehr verschoben (und erweitert)…
mickzwo 7. September 2016
Schönheit ist immer subjektiv. Alle brauchen sie, versuchen sie zu erreichen und können sie doch nicht halten. Die Liebe zu etwas wird dann zu dem Versuch, die biologische Uhr anzuhalten. Das kann nicht gelingen. Also macht man sich ein Ideal, dem man hinterher läuft. Und das ist immer anders. Wo die Liebe hinfällt.. „Können und Wollen sind gute Kumpels. Sie merken es oft zu spät.“ Diese Sätze habe ich geschrieben zu Susan Sontag (https://allesmitlinks.wordpress.com/2015/01/19/uber-die-schonheit/)
Danke für den schönen Artikel!!!
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Stephanie Jaeckel 7. September 2016
Schönheit und Melancholie – auch ein großes Thema! Und danke Dir für den Hinweis!
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mickzwo 7. September 2016
Gerne!
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tomas bächli 7. September 2016
Schönheit,das ist die Autonomie der Sinne. Auch diese Autonomie kann instrumentalisiert werden z.B. für den Klassendünkel der bildungsbürgetlichen Kasten. Darum wirkt manchmal die Schönheit eines Nutzgegenstandes autonomer als die eines Kunstwerks.
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Stephanie Jaeckel 7. September 2016
Ich überlege, ob zum Beispiel Bach Orgeln „schön“ fand, oder ob er für sein Lieblingsinstrument andere Begriffe gewählt hätte. Was schön ist, ist auch Zeitgeist. Morgens gerne seine Thermoskanne anzugucken, wäre vielleicht meinen Eltern nicht mal eingefallen. Eins würde mich ja jetzt doch mal gerne wissen: Was findest Du eigentlich schön?
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SätzeundSchätze 7. September 2016
Ich muss mich, so scheint es, unbedingt einmal mit der ungestümen Susan Sontag beschäftigen. Ein schöner, reflektierender Beitrag von Dir!
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Stephanie Jaeckel 7. September 2016
Ja, es war wieder eines von diesen Reclam-Bändchen aus der Reihe „Was bedeutet das alles?“ Ich bin ein richtiger Fan geworden, denn die Texte sind kurz, aber eben auch sehr typisch für die jeweiligen Autor/innen. Da bekommt man einen Eindruck, ohne gleich dicke Wälzer zu lesen. Aber natürlich sind sie auch eher so eine Art Einstiegsdroge. Mehr geht auf jeden Fall immer…
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SätzeundSchätze 7. September 2016
Danke für den Hinweis … die Reclam-Bändchen schaue ich mir mal genauer an…
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