Eiszeit des Herzens

Die Idee ist grandios und die Autor/innen sind mutig. Sich an die großen Shakespeare-Stoffe zu wagen, um sie in zeitgenössische Storys zu verpacken, ist sicher schon dem einen oder der anderen durch den Kopf gegangen. Es auch wirklich zu tun haben sich gleich mehrere Schriftsteller/innen dem Knaus-Verlag gegenüber verpflichtet, der in diesem und im nächstem Jahr die Neufassungen vom „Wintermärchen“, dem „Kaufmann von Venedig“, von „Macbeth“ und „Hamlet“ u.a. herausbringt. Pünktlich zum 23. April, dem 400sten Todestag des englischen Autors, kam der erste Band von Jeanette Winterson in die Buchläden. Er heißt „Der weite Raum der Zeit“ und ist ihre Version des „Wintermärchens“.

Eine tolle Sause, ein berührendes Buch, ein Lesevergnügen sondergleichen. In der Musik ist es üblich, verschiedene Interpretationen bestimmter Stücke zu bekommen. Allein schon, weil es einer Aufführung bedarf (die wenigsten Menschen sind in der Lage, eine Partitur mit Genuss zu lesen), die jeden Abend einen anderen Klang hervorbringt. Bücher verweigern sich weitgehend dieser Praxis, eben auch weil der Stoff selbst schon seine Bearbeitung ist. Es funktioniert nur dann – und Jeanette Winterson hat diese Herausforderung überzeugend gemeistert – wenn die Neufassung eine eigene Stimme und Stimmung bekommt. Keine Nacherzählung darf es werden, sondern eine Geschichte mit ebenso überraschenden Pointen wie sie das Original liefert. Die Figuren müssen lebendig werden, wenn wir auf knapp 300 Seiten nicht bloß den Schatten des Shakespearschen Personals folgen wollen, mit eigenen, aktuellen Gedanken, Wünschen, Träumen.

Ein schöner Einstieg, bei dem ich mich direkt in das Buch verliebt habe, ist die Nacherzählung des „Wintermärchens“, die Winterson vor ihre eigene Fassung stellt. Schon der erste Satz hat es in sich, ich musste schmunzeln und habe gemerkt, wie schon hier das Erzählen einsetzt:

„Das Stück beginnt in Sizilien, einer von Shakespeares zahlreichen imaginären Inseln.“

Die eigene Version beginn so rasant wie ein Action-Film und man staunt, wie geschickt Winterson das Tempo des Theaterstück in ihrem Roman kongenial übernimmt. Auf den ersten Seiten erleben wir den Moment, in dem die Vorgeschichte endet und die daraus sich entspinnende zweite Geschichte beginnt. Eine Art Generationenwechsel ist das, Tod und Geburt in einem, und obwohl es chaotisch zugeht, bleibt eine gewisse Ruhe wie in allen großen Dramen, wo das Schicksal den Gang der Dinge bestimmt.

Im zweiten Kapitel setzt Winterson dann noch einmal zurück und erzählt, wie es zu diesem dramatischen Moment aus dem ersten Kapitel kam. Es ist die Geschichte die wir kennen, eine Love-Story ohne Happy End, die an einer Wahnidee scheitert und nicht, wie sonst meist, an der Realität. Spannend zu sehen, wie alle Beteiligten ineinander verwebt und verschlungen sind (das fast wörtlich), wie jede und jeder gute Gründe für alles Mögliche hätte, weil das Leben eben nicht nur stattfinden, sondern stets auch in unseren Köpfen wiederholt wird. Eine fast atemraubende Szene ist die, in der Leo seine Frau MiMi per Überwachungskamera in ihrem Schlafzimmer beobachtet. Dort spielen sich intime Momente zwischen seiner Frau, einer Freundin und einem Freund ab, kein Sex. Doch in dem von Eifersucht infizierten Gehirn Leos verdreht sich alles zu einer vulgären Pornoorgie. Hier zeigt es sich, das winterkalte Herz, das Liebe von Sex nicht zu unterscheiden weiß.

Die Geschichte geht weiter, so wie wir sie kennen und gleichzeitig in ihrem von Winterson vorgegebenen Rhythmus. Schön zu lesen ist, wie die unsäglichsten Zufälle ganz beiläufig von statten gehen. Alles geht seinen Gang, aber alles ist zugleich außergewöhnlich. Die Zeit hat übrigens nicht nur im Titel ihren Auftritt. Sie hat in der Geschichte das erste Wort („heute Nacht“) und auch das letzte:

„Die Zeit, die alle Grenzen setzt, ist auch unsere einzige Chance, frei von Grenzen zu sein. Eigentlich waren wir doch gar nicht gefangen. Zeit lässt sich tilgen. Was verloren geht, findet sich…“

Der Roman ist ein modernes Buch, wie Shakespeare viele geschrieben hat. Jeanette Winterson erweist sich darin als große Leserin und kongeniale Nacherzählerin.

Herzlichen Dank an Random-House für das Rezensionsexemplar.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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