Philosophieren heißt Begehren

Nicht Mathe, nicht Physik, auch nicht Sport waren meine größten Pleiten in der Schule. Nein, es war die Philosophie. Mathe verstand ich nicht, hatte aber eine fantastische Nachhilfelehrerin, die mich durchboxte. Physik verstand ich grundsätzlich, aber nicht im Detail. Und Sport war mir egal. Aber bei der Philosophie war das anders. Neu auf dem Gymnasium hatte ich mir vorgestellt, sie sei ein Fach für die „Großen“. Als ich endlich im Unterricht saß und nichts verstand, war ich ratlos. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich noch so weit von einer eigenen Realität, von eigener Wahrnehmung und Einschätzung entfernt war, dass ich ein Reflektieren über meine Wahrnehmungen, Vorstellungen, etc. gar nicht auf die Reihe kriegen konnte.

Gerade lese ich ein schmales Bändchen von Jean-François Lyotard mit dem Titel „Wozu philosophieren?“ Es sind darin vier Vorlesungen, die er in meinem Geburtsjahr an der Sorbonne hielt. Tatsächlich habe ich den Eindruck, als setze ich mich noch einmal in die Schulbank um das nachzuholen, was damals an mir vorbei gerauscht ist. So steht im ersten Text von Lyotard gleich der schöne Satz:

„Philosophen denken sich ihre Probleme nicht aus.“

Das war nämlich ein Verdacht, den ich in der Schule hatte, dass da welche im Wolkenkuckucksheim säßen. Dabei war ich wohl eher noch im Kuckucksheim oder eher im Kuckucksnest, das es nicht mal gibt, und also irgendwo sehr weit draußen. Nein, sagt Lyotard, sobald man dem eigenen Denken auf die Spur gehe, um es zu begreifen, sei man selbst schon beim philosophieren. Der Abstand zu sich selbst sei der wesentliche Punkt, die Suche nach der eigenen Motivation, nicht die nach Fakten oder Weisheiten. Philosophieren, so Lyotard, bedeutet nicht die Weisheit zu suchen (denn möglicherweise gibt es sie nicht), sondern die Suche nach der Weisheit, die er Begehren nennt.

Mit dem Begehren hat es so einiges auf sich, es kommt, es geht, es ist ein Mangel, aber immer auch ein Gewinn, es ist eine Bewegung hin auf etwas, was uns selbst fehlt, keineswegs ein Zustand. Wenn wir aber begehren, ist das Abwesende zugleich anwesend. Und das macht seine Struktur aus: es gibt nicht bloß ein begehrendes Subjekt und ein begehrtes Objekt, das Begehren selbst bedeutet An- und Abwesenheit in einem. In der Liebe ist uns dieses Spiel bekannt, aber es geht auch hier schon weit über Anziehung und Abstoßung hinaus, denn die eigentliche Frage lautet: Wer bin ich?

Die Weisheit, so lernen wir bei Sokrates, ist keine feste Größe. Man kann sich ihrer nie ganz sicher sein, weil man sie immer wieder verliert und immer wieder danach suchen muss. Selber suchen muss – nichts irgendwo herlernen. Hier kann ich mir als Schülerin also die Hand geben, und mein damaliges Ich aus der Ratlosigkeit entlassen. Begehren, das große unbedingte Begehren war mir damals auch noch nicht bekannt. Auch hier habe ich zum Glück hinter die mir damals verschlossene Tür geschaut. Jetzt kommt es nur darauf an, der Neugier ihren Lauf zu lassen. Vielleicht kann man philosophieren am Ende doch noch lernen – ?

 

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

    • Stephanie Jaeckel 21. August 2016

      Für mich ist Begehren nicht Unkonkretes, im Gegenteil, es macht mich lebendig bis in die letzte Pore, wahlweise Fingerspitze, ins letzte Haar oder was-weiß-ich. Alleine täglich einen Blogbeitrag zu schreiben, bedeutet für mich, mich mit dem Leben auseinander zu setzen und aus einer Distanz heraus Fragen zu stellen. Mit verspielten Worten, mit ernsten Bedenken oder zufriedener Miene. Und noch konkreter einen Menschen zu begehren, der so viel Neues und Aufregendes verspricht: wer möchte da nicht Philosophin sein. Mir sind Antworten immer willkommen, weil sie das Leben bunt und spannend machen. Es käme mir komisch vor, das nicht zu wollen.

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