Bedingungsloses Grundeinkommen

„Wenn du mit deiner Arbeit kein Geld machen kannst, dann musst du sagen, dass es Kunst ist; und wenn du Geld machst, sagst du, dass es etwas ganz anderes ist.“ Andy Warhol galt vielen als naiv. Aber genauer betrachtet, sind seine Äußerungen oft von bestechender Klarheit. So wie dieses Zitat, das auf unsere (und damit meine ich vornehmlich die westliche Welt) doppelte Moral im Hinblick auf Geld aufmerksam macht. Kunst ist uns wertvoller als alles andere, Arme sind Abschaum und Reiche sollten sich besser verstecken.

Was wäre also, wenn es ein Grundeinkommen gäbe und es zumindest die ganz Armen so nicht mehr gäbe? Würden dann plötzlich alle Kunst machen? Oder gar nichts mehr? Oder würde einfach das Lebensniveau so weit ansteigen, dass das Grundeinkommen wieder nivelliert würde? Kurz, wäre es einen Versuch wert oder eher nicht?

Ich weiß es nicht. In der Schweiz gibt es Ende der Woche einen Volksentscheid zu dem Thema, eines der skandinavischen Länder macht schon einen ersten Versuch in diese Richtung. Was ich auf Anhieb begreife und gut finde, wäre die Entkopplung von dem „Wenig-Geld-Verdienen“ und der Unterstellung, faul zu sein. Es gibt Berufe, mit denen kommt man auf keinen grünen Zweig. Sie sind dennoch enorm anspruchsvoll und würden „eigentlich“ – aus einem kapitalistischen Kontext entlassen – ganz andere Gehälter oder Honorare erlauben.

Es wäre – so stelle ich mir das vor – auch eine Entlastung von Arbeitslosen, die nicht mehr mit dem Stigma des Versagens herumlaufen (und vor allem: sich im Spiegel anschauen) müssten. Wenn ein gut ausgebildeter Mensch ein Jahr oder anderthalb bräuchte, um die Stelle zu finden, die passt: so what? Ich bin mir sicher, dass wir alle in dem, was wir können, brillant oder zumindest enorm leistungsstark sein können. Faule Menschen, das lehrt übrigens das Leben, können ebenfalls enorm leistungsstark sein. Nur eben, sagen wir, punktuell. Ihr Potential bleibt meist unentdeckt. Leistung würde sich im Übrigen ja auch weiterhin lohnen und Geld die Welt regieren. Auch die Ungleichheit würde sicher nicht verschwinden. Könnte ein solches „Bürger/innen-Einkommen“ die Welt dennoch zu einem besseren Platz machen, wo eben auch soziale Aufgaben oder Umweltschutz mehr helfende Hände bekäme, ohne immerzu neue Sponsoren finden zu müssen? Für mich klingt die Überlegung zumindest wie eine, die es wert ist, ausprobiert zu werden.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. SätzeundSchätze 31. Mai 2016

    Es gibt Menschen, die aus Gründen – Krankheit, Behinderung, mangelnde Bildungschancen, Alleinerziehende – keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Sie sind zur Sozialhilfe verurteilt. Zugleich aber wird unser aller Wert über Arbeit definiert bzw. dadurch, welche Arbeit man hat. Ein großer Teil der Bevölkerung ist also nach dieser Definition „wertlos“. Auch das würde sich durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ändern – ich bin zwar auch skeptisch gegenüber der Idee, freunde mich aber immer mehr mit ihr an. Weil es einen Wandel braucht.

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  2. Stephanie Jaeckel 31. Mai 2016

    Ich vermute zwar, dass es etwas anderes als Arbeit geben wird, an dem sich unterschieden oder gemessen wird (Bourdieu sprach an der Stelle sehr passend von „Distinktion“), aber das Risiko wäre eben einzugehen, bzw. erst mal abzuwarten. – Wahrscheinlich, so meine Hoffnung, würde solche Arbeit auch wieder anerkannt, die wenig oder kein Geld bringt, die Arbeit der Alleinerziehenden, oder die Pflege kranker Familienangehöriger, oder, oder, oder. – Würden wir wieder mehr aufeinander achten, weil wir nicht so vom Geld verdienen gehetzt würden? Könnte ich wirklich einmal die Woche Hospizarbeit machen, was ich gerne täte, zur Zeit aber nicht schaffe? Oder sind das Träume aus einem Wolkenkuckucksheim? Aber was hindert uns, es wenigstens auszuprobieren? Ich möchte wetten, dass es dieses eine Mal nicht am Geld liegt – obwohl ich einen riesigen Respekt vor den Vorbereitungen zu so einer gesellschaftlichen Umwandlung hätte.

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  3. Rabis 31. Mai 2016

    Ich glaube, wenn es eine relativ einheitliche Entlohnung gäbe, so dass ich als Friseurin genauso gut leben kann, wie als Psychotherapeutin oder als Filialleiterin oder als Eventmanagerin, etc pp. Dann würden die Leute auch genau den Beruf ergreifen, der ihnen die meiste Lebensfreude verspricht. Und nicht so eine Kopfentscheidung Jura studieren, weil man da reich wird oder so. Ich stelle es mir vor, dass es so sein könnte. Wenn ich weiß, dass ich gut leben kann, dann werde ich vielleicht Künstlerin, aber vielleicht werde ich auch Gärtnerin oder ich werde Briefträgerin oder was auch immer mein Herz mir rät. Und wenn dieses Mehrwert-System wegfällt, dass ich nur dann etwas wert bin, wenn ich einen Mehrwert leiste, dann kommen auch die Leute vielleicht wieder auf die Füße, die durch jahrelange Ablehnung und Abwertung sich aus dem System ausklinken mussten, bzw. ausgeklinkt wurden.
    Ich hoffe, dass es in diese Richtung geht. Aber ob ich daran zu glauben wage? hmmmmm.
    Viele Grüße Rabis

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    • Stephanie Jaeckel 31. Mai 2016

      Das wäre natürlich spannend, ob sich bei der Berufswahl etwas ändern würde. Komischerweise denken nach wie vor viele (vielleicht sogar die meisten), dass beim Grundeinkommen kein Anreiz mehr bestehe, überhaupt zu arbeiten. Auch das würde mich interessieren, weil ich glaube, dass dem nicht so ist.

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