Eine Urlaubslektüre!

Nein, ich gehöre nicht zu den Menschen, die am Badestrand Deleuze lesen oder Kant. Ich gehöre schon gar nicht zu den Menschen, die Bücher über Musik oder Musiker/innen lesen. Ich würde sie so wenig verstehen wie solche über Mathematiker/innen oder Chemiker/innen. Allerdings habe ich das immer wieder bedauert. Es gibt schwierige Disziplinen – Musik gehört für mich eindeutig dazu – die ich dennoch gerne begreifen würde. Zumal ich Musik gerne höre.

Seit Donnerstag ist ein Buch auf dem Markt – dem Berliner Verbrecherverlag sei Dank!!! – das Abhilfe verspricht. Zumindest für diesen Sommer. Tomas Bächli hat ein Buch über Erik Satie geschrieben, das so leicht und vergnüglich daherkommt wie ein Nachmittag am See. Dabei ist es keineswegs einfach und lustig, wie es möglicherweise missverstanden werden könnte. Es ist von einem Pianisten geschrieben, der Satie als Kind kennengelernt hat, und der uns von seiner Beschäftigung mit Saties Stücken erzählt.

So ist er erstaunt, als er Saties Musik zum ersten Mal hört und empfindet sie als anders als vieles, was er bis dahin kennen gelernt hat. Er spielt die Stücke, für sich (die Lehrer/innen verweigern sich zunächst), später vor Publikum, und macht die Erfahrung, dass ausgerechnet Satie, der meist gar nicht so übungsintensiv komponiert hat, schwierig vorzutragen ist. Denn Saties Stücke verschließen sich vor den üblichen Interpretationsmöglichkeiten. Sie jedoch bloß trocken und stoisch herunter zu spielen, funktioniert dann auch nicht. Tomas Bächli beschreibt, wie er sich mit den Fingerspitzen auf den Klaviertasten auf die Suche macht, und wir können hören, was dabei heraus kommt, denn das Buch hat eine eigene Webseite, auf der wir alle Stücke, die er sich vornimmt auch hören können.

Aus dieser persönlichen Perspektive kristallisieren sich zwei Themen heraus: Zum einen die Werkanalysen einzelner Stücke, die durch die Ton- und Filmbeispiele auf der Webseite gut nachvollziehbar und so lange wiederholbar sind, bis der Groschen gefallen ist. Zum anderen hat sich Tomas Bächli verschiedenen Aspekten der mehr als schillernden Persönlichkeit Saties gewidmet und verschiedenen Expert/innen diskutiert. Wir hören über Saties Lebensfreundschaften, über sein prekäres Leben, seine Auftritte, seine Liebe zu Hunden und seinen Messie-Haushalt. Ein merkwürdiger Mensch, der eine so eigene Musik geschrieben hat, dass sich auch heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, die Gemüter noch erhitzen können, ob das jetzt Kunst oder deren glattes Gegenteil sei.

Kein lustiges Buch, um es noch einmal zu erwähnen. Aber eins, das Laien wie Musikern ein Werk nahebringt, ohne es einordnen zu wollen. Sich Satie zu nähern, bedeutet, sich in die Welt der Musik zu begeben, die so wenig kartierbar ist wie die Tiefsee oder das All. Wir schweben am Ende alle im Dunkeln und folgen einem Leuchten, das uns glücklich macht oder verschreckt, je nachdem. Der Kitschfaktor übrigens bei Satie ist hoch. Kaum einer der ganz großen Pianist/innen hat ihn auf dem Programm. Um so begrüßenswerter der kleine, gerade 158 Seiten starke Band im Verbrecherverlag. Und die wirklich gelungenen Aufnahmen auf der Webseite, von denen ich den „Socrate“ besonders hervorheben möchte, in einer umwerfenden Interpretation von der Sopranistin Eva Nievergelt.

Tomas Bächli: Ich heiße Erik Satie wie alle anderen auch. Berlin Verbrecher-Verlag 2016. 22 Euro.

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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