Migräne (III)

Starke Schmerzen sind auch deshalb so unerträglich, weil sie alle Sinneseindrücke und damit jedes Verbundensein mit der Außenwelt kappen. Der Schmerz scheint sich wie ein schwerer Stein auf einen zu rollen, jede Flucht ist undenkbar. Seit ich fünf bin, habe ich Migräne. Und bis heute sind diese Schmerzen für mich eine Herausforderung. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es, früh genug die richtige Dosis Medikamente zu nehmen. Wenn ich Pech habe, werde ich vom Stein überrollt. Überraschendes Erlebnis dieses Mal: Ich konnte mich unter dem Stein entspannen.

Und das war weit entfernt vom „werd‘ mal locker“ des abendlichen Entspannens, weil mit wesentlich mehr Konzentration verbunden. Tatsächlich gilt ja, dass Schmerzen auch von der eigenen Wahrnehmung abhängen. Wir verlassen uns bislang noch weitgehend auf Schmerzmittel, dabei gibt es körpereigene Mechanismen, die uns helfen können, gegen das Grauen anzugehen. Die Möglichkeit, die ich für mich herausgefunden habe, besteht darin, die Symptome wahrzunehmen und in Gedanken zu beschreiben. Als wenn ich meinem Körper beim Schmerzempfinden zuschaue. Gleichzeitig habe ich nach Stellen gesucht, die nicht wehtaten. Zum Beispiel meine Füße. Und immer wieder versucht, dorthin zu kommen und mich von dort zu entspannen. Fallenlassen, ruhig sein, keine Panik zu haben. Es war mir bislang nicht bekannt, dass während einer Schmerzattacke solche – ich sag‘ mal „Meditationen“ – nützen. Aber das war schon das zweite Mal, dass es mir gelungen ist, bei diesen extremen Schmerzen samt Übelkeit kurz einzuschlafen, und danach weitgehend symptomfrei zu sein. Sicher habe ich auch Glück gehabt. Aber mir scheint, dass ich, vielleicht keinen Weg, aber vielleicht einen Durchschlupf gefunden habe, um den Schmerzen zu entkommen.

Das Bild der „Pusteblume“ habe ich ohne großes Nachdenken ausgesucht (wie illustriert man auch Migräne?) – beim Nachlesen bin ich darauf gestoßen, dass Löwenzahn die Schmerzen Christi während der Passion symbolisiert…

Filed under: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. mannigfaltiges 17. Mai 2016

    Bin selber Schmerzpatient und habe nach einer Schmerztherapie die „Meditation“ wie du sie nennst, als Hilfsmittel für mich entdeckt. Es hilft nicht immer, aber immer öfters. Entkommen kann man den Schmerzen nicht damit, aber sie wesentlich besser bewältigen. Aber es gibt viele Wege, jeder muss seinen eigen finden und nicht alle führen zum Ziel.

    Gefällt 1 Person

    • Stephanie Jaeckel 17. Mai 2016

      Nein, ich denke, die eigenen Möglichkeiten sind heikel, heikler als Medikamente – obwohl die natürlich auch zur „falschen“ Zeit genommen unwirksam sind. Mir geht es auch nicht darum, einen Königsweg gefunden zu haben. Eher darum, anderen Mut zu machen: Denn es geht etwas. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s