Bis heute bleibt die Naivität das wichtigste Vorzeichen, unter dem Rousseaus Bilder gesehen und diskutiert werden. Es interessiert vor allem, ob ihm mehr gelang, als er selbst verstand, ob es bei den Betrachter/innen eines gewissen ästhetischen Genies bedarf, um seine Fähigkeiten zu schätzen. Ob er wusste, was er konnte oder ob wir ihm nachträglich etwas in die Werke hinein interpretieren. Aber ist es wirklich das, was einen fasziniert, wenn man vor einem Bild Rousseaus steht?
Was den Wilhelm Uhde und andere Freunde Rousseaus faszinierte, war Rousseaus künstlerische Unabhängigkeit – Können oder Wollen hin oder her. Als Kritiker war Uhde, wie er schreibt „jener Künstler müde, die aus der kleinsten Bourgeoisie stammend, mit unanständiger Hast Bildung sich aneignen, gesellschaftsfähig werden und Könige oder Bankiers malen“. Er schätzte Rousseaus Freiheit – eben jene Seite seiner Kreativität, die ihn zum Außenseiter in der Kunstwelt machte. Und er erkannte das, was Rousseaus Bilder bis heute so lebendig machen: „Wir verehren (Rousseau), weil er einer der großen Leidenschaftlichen ist, deren es nur wenige in jedem Jahrhundert gibt. Seine Leidenschaft umfasst Leben und Kunst wie eine einzige Sache. Er liebt, wie nur große Schöpfer lieben, er malt wie ein großer Liebhaber. Es handelt sich bei ihm nicht um die Ausbrüche eines bürgerlichen Temperaments, das durch eine Liebschaft oder Ehe gebändigt ist, bis es allmählich einschläft.
Der österreichische Kulturwissenschaftler Robert Pfaller begreift Kunstwerke als Liebesgabe: „Möglicherweise zeigt uns das Beispiel der nicht professionellen Künstler nur mit größter Deutlichkeit eine notwendige Bedingung, die für jegliche künstlerische Produktion gilt: Man muss lieben, um Kunst machen zu können.“ Wilhelm Uhde verstand Rousseau – ganz im Sinn von Pfaller – als einen jener glücklichen Menschen, die ihre Begabung als Gabe begreifen, als Geschenk, das weiterzugeben erste künstlerische Pflicht ist. „Die Leidenschaft der Arbeit“, so vermutete Uhde, hebe Rousseau aus den Reihen der gewöhnlichen Menschen heraus: „Er ist ein Vorbild und eine Quelle der Ruhe. Alte Leute kommen zu ihm, die vom Unglück verfolgt sind und glauben, verzweifeln zu müssen. Sie sitzen still bei ihm in einer Ecke und schon seine Gegenwart gibt ihnen Hoffnung. Sie glauben an das Leben, wenn sie sehen, wie dieser Greis stark und unerschütterlich ist.“
Womöglich ist dies auch ein Hinweis darauf, wie Rousseaus Bilder zu betrachten sind: uns still vor sie zu setzen und allein aus ihrer Gegenwart Hoffnung zu schöpfen, nicht in der Gewöhnlichkeit des Lebens unterzugehen.
Hiermit enden fürs Erste meine Betrachtungen zu Rousseau. Außerdem Euch einen herzlichen Dank für Eure Anteilnahme gestern.
borretsch 24. März 2016
Liebe Stephanie,
schön das es dir gut geht!
Danke für den tollen Beitrag.
Ich habe die Bilder von Rousseau, erst durch dich richtig kennengelernt.
Das einzige, was mir geläufig war, war sein Name.
Deine Beiträge haben Rousseau, sehr greifbar und persönlich gemacht.
Er war, wie es scheint, ein Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck, voller Hoffnung und Zuversicht. Seine Zufriedenheit und Genügsamkeit, beruhigte andere Menschen und half ihnen klar zu Sehen. Er war ein sehr weiser Mann.
Schade, dass die Betrachtungen, hier erst mal, zu Ende sind.
Aber ich werde die Augen offen halten, nach den Bildern, dieses lebensfrohen Künstler.
Grüne Grüße
Mion
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Stephanie Jaeckel 24. März 2016
Ja, die Augen muss man schon sehr weit aufreißen: Ich will nicht behaupten, dass es überhaupt keine Rousseau-Bilder in Deutschland gibt, aber es sind sicher arg wenige. In New York hängen viele, wie es dort ja überhaupt viel französische Kunst gibt, in Paris ist gerade die Rousseau-Ausstellung eröffnet worden. Aber es sind schon zwei oder drei sehr schöne Bildbände erschienen. Da kann man sich gut und gerne erst einmal satt sehen.
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borretsch 25. März 2016
Danke für die vielen fundierten Informationen. Ich denke ich werde mich mal in der hiesigen Bibliothek erkundigen. Alles Gute für dich, liebe Stepfanie, wünscht
Mion
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Myriade 24. März 2016
Sehr schöner Text ! Bei diesem Bild ist der Baum naiv gemalt, aber die Figuren anatomisch völlig richtig und niemand kann Zweifel daran haben, dass sie tanzen. Ich finde gerade diese Kobination sehr reizvoll !
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Stephanie Jaeckel 24. März 2016
Ah, ja, das ist eine tolle Beobachtung. Auch diese verschiedenen – ich sag jetzt mal – Realitätsstufen zerbrechen ja die Illusion von einem Bildraum. Der Baum und die Tänzer/innen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt, auch wenn sie so gut in das Gemälde eingepasst sind. So schön auch immer Wilhelm Uhdes Bemerkung, dass Rousseau Bilder male und nicht die Wirklichkeit darstelle.
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Myriade 24. März 2016
Genau, „Realitätstufen“ drückt es sehr gut aus: die Illusion der Realität und die Illusion des Naiven brechen einander gegensetig und dadurch wird das Bild interessant …
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