Zeitverschiebung

Wer trauert, findet sich in einer Art Schockzustand wieder. Der Körper reagiert sofort, manche bekommen Kopfschmerzen, frieren und können nicht schlafen. Das Herz rast, andere haben keinen Hunger, keinen Durst, wieder andere bekommen einen trockenen Mund oder Kreislaufprobleme. Unkörperlich, aber nicht wesentlich weniger spürbar ist die Zeitverschiebung, die mit der Trauer einsetzt. Phasenweise scheint die Zeit komplett still zu stehen. Wie in einer Explosion, die vielleicht nur Sekunden dauert, aber als unendlich wahrgenommen wird. Dann gibt es das Phänomen – übrigens den Alzheimersymtomen nicht unähnlich – dass die Konzentration nur noch für kürzeste Zeitspannen reicht: Während ich mich noch zu einem Bücherstapel umdrehe, habe ich schon vergessen, welches Buch ich nehmen wollte. Alles, was ich nicht sofort aufschreibe, ist verloren. Sobald ich eine Notiz suche, weiß ich nicht mehr, welche. Im Supermarkt überfordert mich die Überlegung, welche Zutaten zu einem Gericht gehören oder wie viel ich von etwas kaufen sollte, um bis Dienstag über die Runden zu kommen. Ein angefangener Satz verliert sich in der Mitte. Die gewaschene Wäsche bleibt zwei Tage in der Waschmaschine. Wann ist welcher Termin? Welcher Tag ist heute? Die Zeit bleibt stehen, gleichzeitig wird sie zerhackt und ich renne wie verloren darin umher. Hört es auf, wenn das Herz wieder langsamer schlägt? Wenn man einmal wieder in einen tiefen Schlaf gefallen ist? Ich hasse es, so zerfahren zu sein. Es ist, als wenn man nirgendwo hingehört. Die Trauer umarmen? Ach, so ein unwillkommener Gast.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. mannigfaltiges 24. März 2016

    Man muss die Trauer nicht umarmen, sie auch nicht willkommen heißen und sie hat kein Bleiberecht. Sie ist da, jeder empfindet sie anders. Ich war immer nur unendlich müde und akzeptierte sie als temporären Gast. Irgendwann ging sie wieder, aber sie hinterließ Spuren. Oder war es das abfallen von Belastungen die man vorher nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte?

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  2. Nina Ryschawy 25. März 2016

    Ich denke, es ist wie Du schreibst. Umarmen sollte man sie nicht, die Trauer. Aber Akzeptanz ist wichtig. Ob Trauer tatsächlich vergeht? Ich glaube nicht. Sie ändert sich, wird sanfter und erschüttert einen nicht mehr bis ins Mark.

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  3. borretsch 25. März 2016

    Liebe Stephanie,

    Trauer ist gut. Trauer fordert loslassen. Trauer ist ein Prozess der Seelenheilung.
    Der Gang durch dieses Tal ist beschwerlich, gemeinsam wir es leichter.
    Vertraue dich jemanden an und sprich mit ihm über deine Gefühle.
    Wichtig ist, dass du dir vergibst. Du hast immer das Richtige getan, auch für deine Mutter.

    Von Herzen stärkende Grüße

    Mion

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  4. papiertänzerin 26. März 2016

    Trauer ist einfach. Mir hat immer wieder dieser eine Satz geholfen: Es ist wie es ist. Klingt seltsam, aber im nachhinein vermisse ich sie manchmal die Wucht der ersten Trauer, das aus der Zeit fallen, das nicht Gegenlenken können. Viel zu schnell haben wir uns wieder im Griff und die Trauer verkriecht sich in eine dunkle Ecke.

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    • Stephanie Jaeckel 30. März 2016

      Mir geht Dein Kommentar schon die ganzen Tage nach. Trauer ist einfach. Ja. Soweit kann ich folgen. Die Wucht der ersten Trauer. Ja. Es ist, als würde man aus den Weltangeln gehoben. Aber dann? Ich leide unter der Fahrigkeit meines augenblicklichen Daseins. Mir scheint, ich sei dauernd auf der Flucht. Kann sein, dass es um Kontrolle geht. Kann aber auch sein, dass ich zerreiße. Und gar nicht mal trauere.

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