Papiertiger

Briefe gelten als weitgehend überholt – man möchte von einer aussterbenden Art sprechen – oder zumindest ich, wo im Briefkasten kaum noch Handschriftliches, und wenn, dann auf kleinem Postkartenformat, anlandet. Dass das einmal anders war, wissen wir, aber wie es war, einen Brief zu schreiben, die Verfassung, die einem zum Stift greifen ließ, die Dringlichkeit, die hinter fast jedem Brief steht, sind uns vielleicht schon fremd geworden. Denn kein Mensch schreibt, ausser er ist professionelle/r Schreiber/in, ohne Grund auf Briefpapier. Die darauf verfassten Botschaften haben oft die Macht eines Tigers. Und hier soll der Ort sein, den zu Unrecht belächelten Papiertiger zu rehabilitieren.

Die von Shaun Usher gesammelten und herausgegebenen „Letters of Note“, die als Buch und auch als Audio-CD erhältlich sind, geben Anlass, sich dem Brief in seinen verschiedensten Facetten zu erinnern. Es gibt natürlich den Liebes- und den Leserbrief, Fan-Post, unerwartete Antworten von Idolen oder Präsidenten, ein ebenso unerwartetes Rezept von Queen Elizabeth II. (die Monarchin kocht???), eher ungewöhnliche letzte Worte einer zum Tode verurteilten. Wir lesen Fehleinschätzungen von Redakteuren, Bewerbungsschreiben, Augenzeugenberichte, Bittbriefe und dazu auch Dankschreiben.

Jeder Brief hat dabei sein eigenes Aroma. Er bewahrt Stimmen vor dem Vergessen und gerade solche, die noch vor der Erfindung von Aufzeichnungsgeräten gesprochen haben. Dabei ist es ebenso verblüffend, Maria Stewart in der Nacht vor ihrem Tod zu lauschen, wie Iggy Pop, den Normalsterbliche schließlich auch nicht so oft im privaten Gespräch zu hören bekommen. Denn eins sind Briefe vor allem anderen: private und somit höchst eigenwillige Äußerungen. Selbst dann, wenn sie Förmlichkeiten einhalten, um Standesgrenzen oder Schreibkonventionen zu entsprechen.

Das Hörbuch ist vielleicht die direktere Umsetzung einer Brieflektüre. Denn obwohl wir als Leser/innen einen Brief so aufnehmen, wie die ursprünglichen Empfänger/innen, fehlt uns doch die Stimme der Schreibenden, die auf der CD zwar nicht authentisch, aber zumindest eben hörbar sind. Denn stets sind Sätze in Briefen gesprochene Worte oder doch zumindest an eine bestimmte Person oder an einen bestimmten Personenkreis gerichtete Botschaft/en. Und auch, wenn sie aus der Anonymität kommen, wollen sie sich „Gehör“ verschaffen – oft genug geht es um den Wunsch nach persönlichem Kennenlernen, oder aber sie stellen eine Nähe her, die Mitgefühl, eine Meinungsänderung oder auch eine physische Bedrohung beabsichtigen.

Die Auswahl ist bunt gemischt – einerseits – andererseits sehr auf den englischsprachigen Raum beschränkt. Was mich zunächst nicht verstimmt hat, aber bei einer Sammlung die den Untertitel „Briefe, die die Welt bedeuten“ trägt, hätte ein weiterer Radius besser gepasst. Bunt gemischt bezieht sich auch auf die Reihenfolge. Denn die ist weder chronologisch, noch thematisch, auch wenn man meint, zwischen dem einen und dem nächsten Brief eine – wenn oft auch nur kleine – Parallele zu finden. Zuerst fand ich es verwirrend (später habe ich mich daran gewöhnt), dass die Briefvorleser auch die jeweilige Einleitung sprechen, in der die schreibende Person und die jeweiligen Umstände, die zu dem Brief führen, erläutert werden. Ich hätte vielleicht doch auf die konventionellere Form zurückgegriffen, eine/n eigene/n „Einleitungssprecher/in“ zu nehmen und die Briefe dann quasi als „O-Ton“ zu bringen, zumal sich die Sprecher/innen wiederholen und für ganz verschiedene Personen herhalten müssen.

Manche Briefe haben mich sehr berührt. Der von Iggy Pop zum Beispiel. Andere waren ausgesprochen amüsant, kess und unterhaltend. Andere eindeutig zu lang. Oder zu sensationslustig. Oder einfach langweilig. Warum ausgerechnet diese Briefe präsentiert werden, hätte mich hier und da interessiert. Wie kam der Herausgeber zu ihnen, weiß man, wie, wo, unter welchen Umständen sie überliefert sind oder aufbewahrt, vergessen und wiedergefunden sie wurden? Viele Briefe waren für mich auf eine Art anregend. Weil ich auf einmal wieder die Aufregung spürte, wie sie hochkommt, wenn man beschließt, jemanden einen Brief zu schreiben, den man bewundert und nicht einmal kennt. Mehrere Male habe ich den Anlauf gemacht, David Bowie zu schreiben. Und das war eigentlich auch das Erste, was ich bei seinem Tod dachte: Jetzt ist es zu spät. Aber es gibt natürlich auch Briefe, die man lieber nie geschrieben hätte. Ich wette, auch davon sind einige in der Sammlung dabei und die Schreiber/innen würden sich schämen, sie gedruckt zu sehen oder gelesen zu hören.

Für mich war die Lektüre, bzw. das Hören eine Erinnerung ans Briefeschreiben und in dieser Hinsicht auch eine Hommage ans private Schreiben. Anders als Literatur sind Briefe natürlich nicht fürs große Publikum gedacht und mit Längen oder zu privaten Äußerungen bestückt. Vielleicht hätte man hier vorsichtig kürzen können. Um noch andere Papierbotschaften aus anderen Kulturen und Zeiten unterzubringen. Ein insgesamt mehr als löbliches Unterfangen, das jedoch für meinen Geschmack zu oberflächlich zusammengeschustert ist.

Herzlichen Dank an Random House für das Rezensionsexemplar.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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