Kunst oder Künstler?

So lautete die Frage, um die sich dieses Interview drehte, das ich im Februar 2001 mit einem Kunsthistoriker führte. Wie ich beim Abtippen gemerkt habe, ist es trotz vieler Pointen auch theorielastig, so dass vielleicht einige von Euch oder Ihnen die Augen verdrehen werden. Ich verspreche, dass es demnächst auch entspanntere Auszüge geben wird, aber die Frage nach Kunst oder Künstler drängt sich mir gerade wieder auf. Ich schreibe seit einigen Jahren Künstler/innen-Biografien und bin an einem Punkt, an dem ich nicht so recht weiß, worin meine Arbeit eigentlich besteht. Erkläre ich Kunst, wenn ich eine Biografie schreibe, oder was hat überhaupt ein gelebtes Leben mit gemalten oder gemeißelten Objekten zu tun? Wie bereits in der Ankündigung geschrieben, lasse ich die Autor/innenennamen weg und ziehe das Gespräch (bzw. je fünf bis sechs Minuten daraus) auf einen Monolog zusammen.

„Der Künstler ist ein Nebenprodukt der Kunst. Und zwar, seitdem es Kunst im Sinne der Neuzeit gibt. Der neuzeitliche Künstler entsteht am Hof. Und ein Höfling wird nicht wegen seines Werks gehätschelt, sondern – wie es Martin Warnke ja nachgewiesen hat – weil er „Virtu“ hat, er ist ein Mann von Tugend. Das ist das Entscheidende, nicht, dass er nebenher noch malt. Während das Werk ja immer schon gelobt wurde. Auch das ganze Mittelalter hindurch. Man darf nicht annehmen, dass die mittelalterliche Kunst nicht geschätzt wurde, aber es gab einfach noch nicht diese Verknüpfung zwischen Künstler und Werk. Er war nicht im Fokus. Erst im 15. Jahrhundert entsteht wieder diese Legierung von Autor und Werk. Das ist sicher ein spezifisch europäisches Thema. Und wenn man das heute erst feststellt, ist das eigentlich nichts anderes, als dass diese Entwicklung immer reiner wurde, immer selbstreferenzieller. Dass tatsächlich heute die Tendenz dahin geht, dass nach dem Ende des Kunstwerks nur noch die Künstler/innen als Produkt der Kunst dastehen. 

Die Biennale in Venedig, schon die letzte, oder die künftige documenta, (zeigen), der Künstler wird anders gelabelt. Kunst muss ethnisch kodiert werden – das ist die interessante Entwicklung. Es gibt diese Mainstream-Kunst nicht mehr, dieser Greenberg’sche One-Way-Diskurs einer stetigen Kunstentwicklung. Es gibt mittlerweile ganz verschiedene Pattern, und die sind ethnisch konnotiert. Aber auch in diesen ethnischen Überformungen muss immer eine Autorin, ein Autor da sein. Auch ihre Gesichter. Schauen Sie sich doch mal „Art News“ oder alle diese trendigen Kunstzeitschriften an. Ich verstehe die Kunst ja gar nicht, wenn ich nicht weiß, wie die Autorin oder der Autor aussehen. Ich muss gewissermaßen wissen, welche Hautfarbe hat sie oder er, oder haben sie Rastalocken? Das alles hat einen Bezug zu dem, was sie (als Kunst) präsentieren“

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

    • Stephanie Jaeckel 26. Januar 2016

      Naja, wie ich das verstanden habe, musst Du Dich sogar definieren, weil ja kaum mehr jemand weiß, woran Kunst zu messen/orientieren ist, wenn nicht an den Künstler/innen selbst. Kunst ist global geworden, sie braucht einen neuen, universalen Diskurs. Ansonsten, klar, Kunsthistoriker/innen träumen natürlich davon, auch mal was definieren zu können 😉

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