ohne sich gleich darzustellen, ist ein schmaler Grat. Was ist (mir) wichtig, was ist privat, was kann, was muss ich sagen oder zur Geltung bringen, um mich auszudrücken und um mir Gehör zu verschaffen? Ich habe viele Jahrzehnte gedacht, man würde mir schon ansehen, was ich denke, fühle, meine. Von wegen! So wie ich mir wie ein aufgeschlagenes Buch offen liege, bleibe ich für andere unsichtbar, wenn ich mich nicht ausdrücke. Ich dachte, ich sei durchsichtig an so vielen Stellen, aber ich ahne mittlerweile, dass dem nicht so ist.
Die Erkenntnis hat durchaus etwas mit diesem Blog zu tun. Meist abends schreibe ich hier etwas, was mir tagsüber durch den Kopf gegangen, oder ich zeige, was mir begegnet ist. Freunde und Bekannte sind gelegentlich erstaunt. Sie hätten das oder dies gar nicht erwartet. Natürlich wussten viele nicht, dass ich gerne fotografiere, oder eine Vorliebe für diese Autorin, jenes Land, die Musik oder was-auch-immer habe. Das ist ja an sich auch nicht so wichtig. Aber mir wird von Mal zu Mal klarer, wie wenig ich zu sehen bin. Das ist eine ganz ulkige Erfahrung, weil ich merke, wie wichtig es ist, sichtbar zu sein. Weil sonst wesentliche Teile fehlen. Es geht dabei nicht um Selbstdarstellung – ich war noch nie besonders glücklich in der ersten Reihe. Es geht darum, sich verständlich zu machen. Michel de Montaigne formuliert das so:
„Wenn ich mir vollkommen gut und weise vorkäme, ich würde es mit vollen Backen heraustrompeten. Weniger von sich sagen, als wirklich an einem ist, das ist Dummheit und nicht Bescheidenheit. Sich gefallen lassen, daß man für weniger gilt, als man wert ist, das ist bloß feige und kleinmütig. Keine Tugend stützt sich auf Falschheit, und die Wahrheit ist nie etwas, das man als Fehler anrechnen darf.“
Ja. Und jetzt? Wie bekomme ich den Dreh, mehr zu zeigen ohne mehr zu reden – zum Beispiel? Anders reden? Mal sehen. Das wird einmal mehr ein spannendes Experiment.

Ruhrköpfe 24. Oktober 2015
Hallo Stephanie, eine gute Frage, die mich auch immer wieder beschäftigt 🙂 Liebe Grüße, Annette
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Stephanie Jaeckel 24. Oktober 2015
Und? Hast Du schon erste oder halbe Antworten? Oder einen bestimmten Weg eingeschlagen?
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Ruhrköpfe 25. Oktober 2015
ein Interview wie bei den Ruhrköpfen würde es sicher leichter machen…
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Aikitangera 24. Oktober 2015
Sich zeigen kann auch heißen: präsent sein in der jeweiligen Situation, im Hier und Jetzt eben. Das hat ja nicht unbedingt mit Reden zu tun. Beim Aikido würde man sagen: Ki ausdehnen. Jenseits von Worten könnte sich zeigen auch bedeuten: das tun, verwirklichen, verfolgen, was einen wirklich interessiert.
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Stephanie Jaeckel 24. Oktober 2015
Huhu Anke, habe ich von Reden gesprochen? Das Thema war Zeigen. Wenn Du mir allerdings erklärst, wie ich mein fotografische Ki ausbreite, ohne die Fotos zu zeigen, will ich einlenken 😉 Einen schönen Abend!
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Stephanie Jaeckel 24. Oktober 2015
Liebe Anke, aha, ich saß auf der Leitung. Es ging Dir um etwas ANDERES als ums Reden. Aber ich denke, Präsenz reicht nur zu einem Teil. Das meine ich mit den Fotos. Präsenz macht mich natürlich als Persönlichkeit sichtbar, aber nicht als die geistige/intellektuelle Person, die ich bin. Das war meine große Überraschung, wie unsichtbar ich offensichtlich an vielen Stellen bleibe. Wie aber kann ich das zeigen? Im Aikido macht ihr neben der Ki-Prüfung ja auch die Kampf-Prüfung, um euch zu zeigen.
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Aikitangera 26. Oktober 2015
War auch nicht als Kritik an Worten und am Reden gedacht. Eben nur als Ergänzung, wie man sich AUCH zeigen kann. Aber klar, die intellektuelle Präsenz kommt nicht ohne aus. Mein Kommentar drückt eher meine Sehnsucht aus: Als Person präsent sein, aber nicht immer reden und schreiben müssen…
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Stephanie Jaeckel 25. Oktober 2015
Liebe Annette, danke für die Anregung, aber Interviews habe ich für die Klunker nicht vorgesehen. Das soll hier ein kleines Format bleiben, weit weg vom journalistischen Arbeiten.
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Stephanie Jaeckel 26. Oktober 2015
Ja, habe ich beim zweiten Anlauf auch so verstanden. Und: es geht mir genauso! Aber mir kam dieser Hinweis von Montaigne auch richtig vor, dass es – zumindest bei mir – oft Feigheit ist, mich nicht zu zeigen. Oder eine Art Bequemlichkeit. Wer reden kann, muss wohl auch. Sonst müssen wir uns eine Schnauze wachsen lassen 😉
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Aikitangera 31. Oktober 2015
Ja, Feigheit und Bequemlichkeit! Stimmt leider…
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