Vergessen befreit!

So ist heute in „Zeit online“ zu lesen. Natürlich war ich neugierig. Dass ich froh sein kann über mein schlechtes Gedächtnis, las ich, was nix Neues war, aber auch zum zweiten Mal Balsam auf meiner geplagten Seele der ewigen Vergesserin. Klar, die Sprache kam auch bald auf Alzheimer, eine Horrorkrankheit für uns auch deshalb, weil das eigene Ich und die Identität seit dem 18. Jahrhundert immer zentraler für das Selbstverständnis der Menschen werden. Immer wieder überlege ich, ob man – mal davon abgesehen, dass ich hoffe, die Marktfähigkeit probater Alzheimermittel noch zu erleben – also, ob man mit einer anderen Ich-Vorstellung gelassener in das krankhafte Vergessen einsteigen kann – oder wäre das eben doch bloß eine vorzeitige Kapitulation?

Jedenfalls dachte ich wieder an meine Mutter, komischerweise in der Richtung, dass sie eigentlich einen tollen Beruf hatte, sie war Verkäuferin, oder besser: einen wie für sie gemachten Beruf hatte, denn in Wahrheit war sie ein Verkäuferinnen-Ass. Sie war die Beste über Jahrzehnte in dem Laden, in dem sie arbeitete, aber sie war doch leider immer sehr unzufrieden. Weil sie zu wenig verdiente? Weil sie in das Gejammer meines Vaters einstimmte? Er hatte wohl nicht so seinen Lieblingsberuf erwischt. Oder weil sie sich nicht darüber im Klaren war? Zu Beginn ihrer Krankheit war sie zweimal in der Woche in der Tagespflege, wo nach einiger Zeit auch ihr ehemaliger Chef auftauchte. In einer Kleinstadt treffen sich halt alle immer wieder. Eine Weile lang unterhielten sie sich wie früher im Laden, und oft genug sagte der Chef gönnerhaft zu ihr: Sie können jetzt gehen, Frau Jäckel. Was meine Mutter mit einem trotzigen, Nein, ich bleibe, quittierte. Späte Genugtuung? Ein Rest von Orientierung?

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Avatar von mickzwo

    mickzwo 29. August 2015

    Einspruch Euer Ehren:

    Vergessen
    macht klein, dumm und engt ein.
    Zum Fürchten.

    Verzeihen
    macht macht groß, klug und es befreit
    un-gemein.

    Da ist von der Krankheit
    noch garnicht
    gesprochen.

    Das ist natürlich nur
    meine eigene
    Meinung.

    Gefällt 2 Personen

  2. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 30. August 2015

    Hm, wenn man der neuen Forschung glauben darf, und ich tue es notgedrungen, weil ich eben dieses Sieb im Kopf habe, heißt es: Vergessen macht Platz für Neues. Oder, Vergessen lässt einen Menschen nicht so sehr um sich selbst kreisen. Ich würde das unter Vorbehalt bestätigen, denn es ist natürlich nicht so, dass vergessliche Menschen so und solche mit einem guten Gedächtnis anders sind. Wer einen großen Streit oder eine hässliche Trennung hinter sich hat, tut gut daran, irgendwann die Details zu vergessen. Das heißt nicht, dass man die Sache unter den Teppich kehrt. Aber es erleichtert den Blick nach vorne. Und natürlich auch das Verzeihen. Weil sich neben die ekligen Details auch wieder die schönen Momente gesellen (ich spreche ja nicht von einer kompletten Amnesie). Ich kann schlechte Erfahrungen gut da lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit. Ich weiß wohl, dass jederzeit wieder eine um die Ecke kommen kann, aber es plagt eben nicht so. Misstrauen wäre mir schlimmer. Aber klar und noch mal: Menschen mit einem guten Gedächtnis sind nicht automatisch misstrauischer. Haben aber möglicherweise auf andere Strategien zurückzugreifen, um sich von schlechten Erinnerungen zu befreien. Tatsächlich bin ich in größeren Zusammenhängen noch skeptisch. Aber es überzeugt mich, dass Vergessen auch die Lust auf Rache dämpft. Und die Idee, ein Trauma nachzuspielen, hat mich nie überzeugt. Aber das ist natürlich nicht das letzte Wort. Was Alzheimer angeht, eben. Ein unendlich weites Feld. Ich habe nur meine Mutter, um Erfahrungen zu machen. Sie war keine Intellektuelle, ich denke, dort ist der Fall ins Vergessen noch viel tiefer. Aber ich weiß: meine Mutter ist auch mit Alzheimer die Frau, die ich seit meiner Kindheit kenne. Sie hat sich verändert, aber das tun wir auch ohne Krankheit (wenn es gut geht). Es sieht von außen so aus, als wenn sie ruhiger geworden wäre. Wie es in ihrem Kopf aussieht, kann ich nicht wissen. Dass sie hilfsbedürftig ist, ekelt mich nicht. Im Gegenteil, manchmal erleichtert es mich nach so viel Perfektionsstreben im „richtigen“ (???) Leben Menschen im Pflegeheim zu sehen, die Hilfe brauchen. Und „trotzdem“ oder gerade deshalb Menschen sind.

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