ist eine uns so selbstverständliche Kulturtechnik, dass wir staunen, wenn wir erfahren dass sie erst erlernt werden musste, ganz so wie zum Beispiel das Essen mit einer Gabel. Früher lasen die Menschen mit ihrer Stimme, also laut. Im 4. Jahrhundert n.Chr. dann breitete sich die Gewohnheit aus, nur noch mit den Augen zu lesen. Lange vor der Einführung der Gabel im 17. Jahrhundert, aber sicher ebenso unbemerkt vom größten Teil der damaligen Bevölkerung. Stilles Lesen war suspekt. Wusste man doch fortan nicht mehr, womit sich die Lesenden beschäftigten. Der Vorteil trägt bis heute. Wer in einer öffentlichen Bibliothek arbeitet, weiß diese Praxis garantiert zu schätzen.
Ich komme darauf, weil ich gerade Teju Coles Roman „Open City“ (still) zu lesen begonnen habe. Er bzw. seine Hauptfigur denkt darüber nach, wie wir mit dem stillen Lesen unsere Stimme für uns selbst fast verloren haben. Denn gesprochen wird nur noch mit oder unter anderen. Wer da mit sich spreche, werde entweder als Exzentriker oder als Verrückter eingeschätzt. Psychologen fangen gerade erst an, dagegen anzuforschen. Aber was wirklich schade ist, dass wir unsere Stimmen so wenig nutzen. Ich jedenfalls bin eine lausige Vorleserin. Selbst meine eigenen Text kann ich sprechend kaum bewältigen. Im Kopf flutschen sie selbstredend, schöne Stimme inklusive. Worten einen Sinn zu geben, indem man sie erklingen lässt. Das ist das Geheimnis des Vorlesens. Das sich weder in der Grammatik noch in der Akustik verbirgt.
Dass man zum stillen Lesen Puderzucker auf der Nase und Nutellareste um den Mund verteilt haben muss, ist übrigens ein Ammenmärchen.
