Trost

Kommunikation macht uns als soziale Wesen aus. Wir lernen sprechen, lesen, schreiben, für das Berufsleben gilt das miteinander Reden unter den so genannten Soft Skills als Schlüsselqualifikation. Da wird kundenorientiert gedacht, verhandelt, woanders wird schön geredet, hier und da übers Ohr gehauen. Für das alles gibt es Kurse, mittlerweile auch für die Schüchternen, Rhetorik wird wieder groß geschrieben.

Was niemand lernt, was aber früher oder später auf dem Tablett landet, ist es, Trost zu spenden. Hier verstummen viele der sozialen Wesen und machen die Fliege. Wenn’s sein muss, auch für immer. Warum das so ist, liegt nah: wer Trost braucht, ist auf ein Terrain geraten, das Angst macht: Trennung, Krankheit, Tod sind wohl die härtesten Kaliber, aber auch Neid oder die eigene Dusseligkeit können Trost einfordern. Und dann? Wer selbst noch keine Lebenskatastrophe durchgemacht hat, kann vermutlich nicht so gut trösten. Denn dazu gehört Erfahrung. Aber natürlich gibt es auch schon Kinder, die einen Schmerz spüren. Trösten heißt, von der Wortherkunft her auch „treu sein“, jemandem beistehen. Geduld ist ein guter Berater, wenn eine Zeit des Tröstend kommt: Denn viele Male werden die schrecklichen Momente, das eigene Versagen, glücklichere Tage und mögliche Entscheidungen wieder- und wiederholt, vielleicht um an einer Stelle in der Kette der Ereignisse endlich den Grund oder den Sinn zu finden, Schuld oder die eigene Unschuld.

Es sind oft fremde Menschen, die einen im Ernstfall den größten Trost geben. Vielleicht, weil sie im Moment unseres Kummers ganz unbefangen auf uns zugehen, weil sie keine Angst haben, in irgendeinen Abgrund gerissen zu werden, weil sie gerade auf unserer Wellenlänge sind. Den größten Trost bekam ich von einer Blumenverkäuferin, die mir kurz vor der Beerdigung meines Freundes sagte, wie hinreißend ich in meiner Trauer aussehe. Und sie hatte Recht. Das tagelange Weinen hatte mein Gesicht regelrecht blank gewaschen. Anspannungen, Arbeitsstress, Unmut, alles war weg angesichts dieses unfassbaren Ereignisses, dass sich, gerade an diesem Beerdigungstag übrigens, mehr als einmal zwischen Verzweiflung und Euphorie drehte.

Trost ist ein anstrengendes Geschäft. Aber, so zumindest ist meine Erfahrung, es lohnt sich. Weil – egal auf welcher Seite man sich befindet, d.h. als Tröstende oder als Getröstete – man stets erlebt: Du bist nicht allein.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

  1. Avatar von Maren Wulf

    Maren Wulf 9. Juli 2015

    Ich hänge noch sehr den schönen Worten der Blumenverkäuferin nach. Da hatte eine Augen im Kopf zu sehen und den Mut, etwas „Ungeheuerliches“ auszusprechen. Und eine andere fühlte sich wirklich gesehen. Das empfinde ich fast als eine Art hohe Schule des Tröstens. Aber einfach nur da zu sein, nicht wegzulaufen, auch wenn keine klugen Worte (mehr) kommen wollen, ist ja ebenfalls ganz viel. Nein, ich glaube nicht, dass Trost nur geben kann, wer keine Angst hat, aber die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich von der eigenen Angst nicht wegschwemmen zu lassen, die braucht es wohl tatsächlich. Und dass sich Trost „lohnt“, ja, das kann ich unbedingt bestätigen. – Liebe Stephanie, im Moment polierst du die Klunker aber besonders blank – danke.

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  2. Avatar von PaulaGrimm2412

    Texthase Online 1. August 2015

    Dieser Artikel hat mir sehr gut gefallen! Spontan fällt mir vor allem der Gedankengang über die Wortherkunft auf. – Trost, Treue und Geduld!

    Liebe Grüße

    Christiane (Texthase Online)

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