Ich war noch nie in einer echten Wildnis. Diese Erkenntnis durchschoss mich neulich, als ich Robert Macfarlanes „Karte der Wildnis“ aufschlug. Die Sache war mir deshalb so unerhört, weil ich mich von klein an für die wilden Orte der Erde interessiere. Nichts gemütlicheres konnte ich mir als Kind vorstellen, als mir von meinem Vater erzählen zu lassen, wie er in Wäldern übernachten würde, wie er sich seinen Schlafplatz suchen und wie er Wasser finden würde. Dass er – selbst noch fast ein Kind – durch halb Europa geirrt ist, um nach dem Krieg nicht in russische Gefangenschaft zu kommen, wusste ich da noch nicht. Und wie wild dieses Europa gewesen sein muss, ahne ich heute auch erst unvollständig.
„Wild“ ist vermutlich mit „Wald“ verwandt, was im Deutschen Sinn macht, weil das Land ursprünglich von Urwäldern überzogen war. Es würde mich interessieren, ob es hier noch vom Menschen unberührte Gegenden gibt. „Natürliche Natur“, Naturschutzgebiete, Brachen, trostlose Landschaften habe ich schon gesehen, durchwandert, bereist. Ich bin einmal über die Sahara geflogen und über Neufundland. Wild kamen mir die Alpen vor, die Brandung des Atlantik, die unfreiwilligen, weil vom Weg abgekommenen Nachtwanderungen durch den Brandenburgischen Wald, eine einsame Nacht in einer nicht verriegelbaren portugiesischen Hütte. Die westschwedische Schärenküste ist auf den ersten Blick noch sehr ursprünglich, aber ich war heilfroh, auf den Inseln weder Bären noch überdimensionierte Insekten befürchten zu müssen. Werde ich je in einer Wildnis sein? Und werde ich den ersten Tag überleben? Es ist ja nichts dabei. Das Los der Städterin teile ich mit einem großen Teil der Weltbevölkerung. Dennoch kommt es mir – einmal aus der Nähe betrachtet – sehr merkwürdig vor, wie weit ich mich von meinen Vorfahren entfernt habe.
Robert Macfarlane, Karte der Wildnis (Naturkunden 18), Berlin 2015.

papiertänzerin 13. April 2015
… ich erzähle meinen Kindern gern von meiner wilden Wanderung in Kanada. Der Bär, den ich nicht sah, sondern nur hörte, wird jedes Mal größer;-)
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Stephanie Jaeckel 13. April 2015
Schön, dass Du Dich meldest. Ich wähnte Dich schon auf großer Ozean-Tour mit dem SOS-Vögelchen. Ich hatte auch mal ein kanadisches Bären-Erlebnis, da war ich selber aber noch Kind. Es war ein heißer Sommer und die Bären kamen bis an die Häuser, um in den Mülltonnen zu wühlen. Ich war auf einer Farm und in einem Maisfeld raschelte es verdächtig und mit dunklem Fell. Ich habe sehr zügig den Rückzug angetreten. Dieser Bär muss ebenfalls RIESIG gewesen sein 😉 er ist mir stets in Erinnerung geblieben, aber von Wildnis war da, vom Bären abgesehen, nicht viel zu sehen…
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papiertänzerin 13. April 2015
… leider keine wilde Ozeantour, sondern die Grippe und dann Ostern auf dem Land…
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