„Ich wähle nicht,

wenn ich schreibe.“ Vielleicht gehört dieser Satz von Ilse Aichinger in die Schultüte aller angehender Autor:innen. Denn so viel muss klar sein: so sehr ich nach Ausdruck ringe oder meine Sätze ein ums andere Mal verändere. Woher weiß ich denn, von wo die Sätze überhaupt kommen? Oder wieso denke ich, dass ICH schreibe – und nicht die Wörter oder Sätze? Ja. Vielleicht ist das überhaupt so wichtig. Und wenn eine:e so genannte Schreibblockaden hat, dann ist es nicht, dass ihr oder ihm nichts einfällt, sondern dass der Empfang gestört ist. Zum Beispiel. „Ich weiß nicht, worüber ich schreiben soll“ hieße dann: ich muss einen guten Platz finden, aber nicht: jagen gehen. „Ich wähle nicht“ heißt, ich öffne mich. Ich lasse das sprechen, was ich eingesogen habe. Das, was meine Träume längst produziert, oder meine Sinne erfahren haben. Es ist meins und das aller anderen. Ich wähle bedeutet Absicht. Ich wähle nicht bedeutet Freiheit. – wobei es in meiner Pflicht steht, über die Folgen meiner Wörter und Sätze nachzudenken, bevor ich sie öffentlich mache. Nicht zu wählen kann so wild sein, dass man die Texte besser an die Leine legt. Nicht, um sich die Freiheit zu nehmen. Sondern aus Rücksicht.

Winter ist nicht so meins

… und spätestens im Dezember frage ich mich irritiert, wieso ich dann immer noch in Berlin lebe. Aber das Leben ist kein (hier jetzt je nach Gusto was reindenken) – und ich lebe in Berlin und liebe es, doch immer wieder überrascht zu werden. In der Vorweihnachtszeit jedenfalls hat die Stadt einige Überraschungen auf Lager – und nein, ich habe das Foto nicht auf einem Weihnachtsmarkt gemacht, sondern an einer eher öden Ecke in Kreuzberg.

Am Freitag,

auf dem Weg ins Büro. Zum Glück habe ich es noch gesehen – erst nur aus den Augenwinkeln, im Kopf die To-Do-Liste für den Wochenabschluss. Was für ein schönes Bild! Und ich mittendrin. Rilke sagt, wir seien auf der Welt, um die Schönheiten des Alltäglichen zu sehen. An manchen Tagen gelingt es tatsächlich.

Ein stilles Vergnügen

Es ist selten, Menschen bei ihren Gesprächen zuhören zu können. Entweder gehört man selbst zur Gruppe der sich Unterhaltenden oder man belauscht sie eher zufällig. Auch in den seit 2018 erscheinenden Gesprächsbänden des Kampa-Verlags lesen wir meist Interviews, in dem sich eine prominente Person den Fragen eines gut vorbereiteten Gegenübers stellen, und damit in den Vordergrund stellt, was schon die Buchcover suggerieren, die nicht zwei Menschen, sondern immer nur den prominenten Part des Duos zeigen.

Insofern ist das Gespräch, das Sieglinde Geisel mit dem argentinischen Autor Alberto Manguel führt, eine Ausnahme, und, um es gleich vorweg zu nehmen, als Lektüre eine beglückende Erfahrung. Vielleicht hatten die Umstände ihren Teil daran: Das Buch entstand im Corona-Lockdown und statt voreinander saßen beide Beteiligten tausende Kilometer voneinander entfernt vor ihren Bildschirmen. Schon deshalb wurde das Gespräch ganz anders, denn was sonst in drei Tagen erledigt sein musste, bekam Zeit und erstreckte sich am Ende über 13 meist einstündige Sitzungen.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass es Sieglinde Geisel mit einem ausgewiesenen Lese-Experten zu tun hatte, ein Glücksfall wie sie sagt, denn sie selbst liest leidenschaftlich gerne. In Deutschland ist Alberto Manguel tatsächlich vor allem als Autor der „Geschichte des Lesens“ bekannt, die 1996 erschien und weltweit ein Bestseller wurde. Es kreist um die Fragen, was wir beim Lesen eigentlich machen, welche Teile im Gehirn aktiviert werden, welche Rolle das Gedächtnis spielt, warum wir (mittlerweile) stumm lesen. Im Grunde schrieb Manguel darin aber auch über sein eigenes Leben, denn Lesen ist für ihn wie atmen: „Ich habe mich immer in erster Linie als Leser verstanden. Wenn ich mich nicht mit jemandem unterhalte, habe ich immer ein Buch vor mir, und wenn ich kein Buch habe, dann lese ich was auf der Müslipackung steht. Es ist meine Beziehung zur Welt.“

Langweilig, mag man denken, was soll einer, der den ganzen Tag liest, denn sonst noch zu erzählen haben. Doch die Biografie läuft in einem überraschenden Zickzack-Kurs über die Kontinente, und man versteht schnell, dass die Bücher schon für den kleinen Alberto eine Art Kokon waren, der ihn vor der Realität nicht nur schützte, sondern ihn auch immer wieder darauf vorbereitete. Bücher halfen ihm, egal auf welchem Kontinent er war, abends in Bücherwelten zu tauchen, in denen er zu Hause war, sie halfen ihm aber auch, Erfahrungen vorwegzunehmen, ihn zu wappnen, für das, was in der Fremde kommen könnte und kam. Dabei blieb er Autodidakt, er ersparte sich das Expertentum im Terrain seines Kindheitstraums, und liest bis heute völlig unbeeindruckt alles, was ihm gut in der Hand liegt und auf den ersten Seiten Lesevergnügen verspricht. Dass er am Ende dann doch bei den großen Klassikern der Literaturgeschichte landet – als absolute Lieblingsbücher nennt er: Don Quichotte, Der Zauberberg, Alice im Wunderland, Göttliche Komödie – hat mit seinem eigenen Maßstab zu tun, der lautet: Schlechte Literatur erlaubt mir keinen Eintritt in den Text. Sie ist wie die gefrorene Oberfläche eines Sees. Gute Texte erlauben Fragen. Sie haben Löcher, in denen es etwas zu entdecken gibt.

Ein Buch, so zeigt sich am Ende des Gesprächs, ist für ihn auch ein Bild für das eigene Leben. Denn es gibt eine letzte Seite. Und die steht für den eigenen Tod, oder den Moment des Abschieds von dieser Welt. Aber bis dahin… – Manguel jedenfalls hat sich noch einmal aufgemacht, und ist von Nordamerika nach Europa, genau von Montreal nach Lissabon umgezogen, wo seine private Bibliothek, die über Jahrzehnte aus Platzgründen eingelagert war, ein eigenes Haus bekommt. Ein wichtiger Punkt auch für Sieglinde Geisel, für die das Gespräch erst mit dieser Wendung, dass Manguels Bücher aus Kellern und Koffern wieder ins Leben zurückkehren, zu einem guten Ende kommt.

Nein, große Szenen gibt es nicht in diesem Leben, das vor der Hand sehr privilegiert erscheint, aber seine eigenen, durchaus tiefe, Abgründe für Manguel bereithielt. Das Gespräch ist geprägt von Neugierde und einer großen Nahbarkeit, die Sieglinde Geisel als Fragende, wie sie sagt, beschenkt hat. Von Manguel, sagt sie, nehme sie die Bereitschaft mit, sich immer wieder auf Neues einzulassen, flexibel zu bleiben, sich zu ändern: „Er ist so wenig eitel, er stellt sich dem Leben zur Verfügung. Das beeindruckt mich. Er ist bereit, sich zu akzeptieren wie er ist, und das bedeutet für ihn ganz selbstverständlich, er akzeptiert auch die letzte Seite, seinen eigenen Tod.“

Stille Zeit

Eigentlich fängt für mich im Advent die Stille Zeit an, aber meist beginnt sie schon im November, wenn die Dunkelheit Überhand nimmt und ich viele Stunden alleine bei mir zu Hause verbringe. Die Gedanken, die sich sonst an den Boden krallen, um in der Hektik der Tage nicht weggeweht zu werden, schütteln vorsichtig ihre Flügel. Bilder ziehen durch Tagträume. Wünsche steigen auf. War es ein gutes Jahr? Bin ich unbeschadet daraus hervorgegangen? Verändert? Gar gewachsen? Sind Reparaturen notwendig, Kurskorrekturen? Gibt es etwas, das ich dieses Jahr noch beginnen möchte? Oder was unbedingt beendet gehört?

Ich werde meinen Vater bald verlieren. Er tritt seine letzte Reise an. Weitgehend gesund. Bei völlig klarem Kopf. Er spürt, dass es mit ihm langsam zu Ende geht. Ich hätte das lange nicht vermutet, denn wir lagen fast immer im Streit, aber ich werde ihn bei dieser Reise begleiten. Ich spüre, dass ich aufmerksam sein muss, denn diesen letzten Weg gemeinsam zu gehen, ist nicht nur eine (selbstgewählte) Aufgabe, sondern auch eine Reise für mich. Eine Reise ans Ende der Welt, von der ich zurückkehren werde, in der Hoffnung, später – vermutlich ohne Begleitung – den Weg selbst zu finden. Auch das eine Stille Zeit. Mind the gap.