Als Kind habe ich das Erntedankfest für eine alte Tradition aus dem Mittelalter gehalten. Ich stellte mir Bauern vor, die vom Feld direkt in die Kirchen kamen, beladen mit Obst und Gemüse, um den Altar zu schmücken. Schön. Und so lange her. Schließlich hatten wir Supermärkte. Wozu einen Dank-Gottesdienst abhalten? Es war halt eine Erinnerung. – Wie lange es manchmal dauert, bis man etwas kapiert… Allen einen schönen Rest-Sonntag!
Zeit und Lebendigkeit
Wenn wir sagen, dass wir in eine Zeit eintauchen, meinen wir damit, uns in eine andere Epoche einzudenken. Mir gefällt dieses Bild gut, weil ich mir, seit ich Kind bin, Zeit wie Wasser vorstelle, das fließt, manchmal stillsteht und überall, in jede Ritze und Spalte hineinläuft.
Im Alltag rauscht die Zeit oft an mir vorbei. Ich mache etwas, und auf der Uhr stehen bald neue Zahlen (wer hat schon noch eine analoge Uhr zur Hand oder vor Augen?). Der Tag ist irgendwann vorbei, es dämmert. Ich gehe zu Bett.
In diese alltägliche Zeit einzutauchen, ist für mich eine Möglichkeit (vielleicht die einzige), mich lebendig zu fühlen. In der Zeit zu sein, ist vermutlich die geradlinigste Haltung gegenüber der Welt und der eigenen Lebenszeit. Kein Kompromiss an nichts, nicht an To-Do-Listen oder Arbeitszeiten. Hier einen Weg zu finden, beide halbwegs miteinander zu verbinden, ist mir gerade mein wichtigstes Anliegen. Ja, genau, ich war in der Reha und ab Montag geht es wieder zurück ins Büro… Es wäre ein großer Gewinn, wenn ich die lebendige Zeit mit in die Zukunft nehmen kann.
Zeiterfahrung
Auf der Suche nach meiner persönlichen Weltzeit lese ich nicht nur. Ich probiere, mich anderen Zeiten anzupassen. Das sind oft nur Übungen, die ich mir ausdenke. Manchmal aber auch kleine Experimente, die ich mir vornehme, durchaus mit noch anderen Absichten. So gehe ich seit einiger Zeit manchmal mit einer Tüte Walnüssen aufs Tempelhofer Feld, und versuche, die dort lebenden Krähen mit den Nüssen anzulocken. Manchmal sitze ich umsonst mit meinen Nüssen rum, sie sehen mich nicht (immerhin ist der ehemalige Flugplatz 3,86 Quadratkilometer groß). Heute hat mich eine entdeckt, und es begann ein langwieriger Tanz des Vogels um die ausgelegten Nüsse. Und da geht es um Vorsicht, aber ganz eindeutig auch um ein Spiel auf Zeit, ganz in der Art wie auch Menschen manchmal so tun, als seien sie so gar nicht interessiert an etwas, obwohl sie ganz offensichtlich immer weiter an entsprechender Stelle herumlungern. „Meine“ Krähe hatte sehr lustige Taktiken, manchmal tat sie einfach sehr beschäftigt, die beiden Nüsse aber klar im Blick. Manchmal lief sie weg, um aber ganz schnell auch wieder zurück zu kommen. Manchmal, das war wirklich köstlich, hüpfte sie rückwärts an eine der Nüsse heran. Ich saß ungefähr anderthalb Meter entfernt. Tat meinerseits aber so, als wenn mich die Nüsse nicht die Bohne interessieren. Das war unglaublich spannend. Ich konnte – zumindest ein wenig – zuschauen, was im Kopf der Krähe vor sich ging. Und sie hatte alle Zeit der Welt. So hatte ich es auch erwartet, und es war eine tolle Erfahrung. Die Nuss wurde zum Zentrum unserer Wahrnehmung, so eine schöne reife Walnuss. Wer bitte macht sich sonst die Mühe, so lange auf eine Nuss zu schauen! Wie die meisten Wildtieren, packte die Krähe am Ende die Nuss und brachte sie erst mal weit hinter mir im Feld in Sicherheit. Und sie wartete bis ich weg war, um den Fang mit bekannter Krähentaktik zu öffnen und zu verzehren. Hoffentlich ist ihr da niemand dazwischen gekommen!
Eine geschenkte Stunde
Meistens bin ich unmutig, früher als nötig aufzuwachen und nicht mehr einschlafen zu können. Heute jedoch sitze ich vergnügt am Tisch. Vielleicht, weil ich heute seit langer Zeit wirklich wach wachgeworden bin und nicht gegen einen Widerstand aufstehen und alles starten muss. Und das, obwohl ich laut Uhrzeit eigentlich zu wenig geschlafen habe. Lassen wir also die Uhr endlich mal wieder Uhr sein.
Wegen einer Schimmelsanierung an einer Wand musste ich meine Wohnung ausräumen. Fast alle Bücherregale sind in den Keller gewandert, so dass erst der Handwerker an die beschädigte Wand kam und ich jetzt mehr Platz für die übrigen Möbel habe. Heute Morgen, auf dem Weg vom Bett in die Küche musste ich schmunzeln: es wird fortan weniger blaue Flecken geben, denn ich habe entschieden, dass die Bücher samt Regalen im Keller bleiben.
Eine ungewohnte Perspektive. Denn Bücher gehören zu meinem Leben. Und auch, wenn ich nie richtige Bücherwände auftürmte, war ich doch immer wieder froh, Lieblingsbücher griffbereit zu haben. Tatsächlich erschien mir die Wohnung die letzten Tage etwas leer. Aber das ändert sich gerade. Ich sitze am Tisch, heute Morgen tatsächlich einmal so, dass ich in den Raum schaue und nicht aus dem Fenster, und finde es ganz wunderbar. Vielleicht auch, weil über die letzten Jahre mehr Bilder in meine Wohnung gezogen sind und ihre Präsenz ohne die ganzen bunten Bücherrücken deutlicher spürbar wird. Vielleicht auch, weil ich eine Veränderung brauchte. Denn während der Reha hatte ich tatsächlich Zeit, mein Leben noch einmal neu zu betrachten und die anstehenden Änderungen ins Auge zu fassen. Ich erreichte bald den Seniorenstatus. Und auch, wenn ich mich so gar nicht alt (oder besser gesagt: älter) fühle, rückt das Seniorensein näher. Ich bin noch während des Studiums in diese Wohnung gezogen. Am Ende war sie auch immer eine Art Studentinnenwohnung. Das war charmant und ich mag an sich auch Menschen, die nicht plötzlich erwachsen werden und sich seriös einrichten. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, was auch immer zu ändern (und wenn es nur die Aussicht auf weniger blaue Flecken ist…)
Warum sagt eigentlich keine*r was?
Als Texterin für Audioguides bin ich möglicherweise näher an der aktuellen Entwicklung als gelegentlich Museumsbesucher*innen. Denn ich höre mehr Produktionen, einfach aus beruflichem Interesse. Längst sind erste Guides mit synthetischen Stimmen auf dem Markt. Gerade auch im Podcast-Bereich gibt es solche Aufnahmen, in denen keine Menschen mehr sprechen. Mir ist klar, wir stolpern in diesen ersten Versuchen über Anfängergemurksel. Es wird bestimmt alles besser. Aber ich frage mich: Warum lassen wir uns das gefallen? Warum sagt keiner was? Die menschliche Stimme gehört zu den wundervollsten „Instrumenten“ unseres Daseins. Nichts und niemand kann eine menschliche Stimme ersetzen. Und was uns selbst in der völlig überfüllten und verspäteten U-Bahn noch Trost sein könnte – eine sanfte oder eckige oder irgendwie eigenwillige Stimme, die die nächste Station ansagt (oh, doch, ja, es geht weiter!), ist längst der Maschine überlassen. Und eben, es wir noch schlimmer kommen. Warum lassen wir uns das gefallen? Warum akzeptieren wir immer nur das dumme kapitalistische Gerede davon, dass gespart werden muss. Merken wir nicht, dass wir längst selbst aus allen Prozessen ausgespart werden? Es muss ja kein großer Protest sein. Nur die klare Ansage zum Beispiel, dass wir künstliche Stimmen nicht akzeptieren.
Zeit finden
Im Hamsterrad unseres Lebens sind wir häufig erschöpft und enttäuscht: So viel wäre zu tun, aber so schnell ist die Zeit schon wieder um! Ein Tag hat 24 Stunden, und was morgens noch als machbar erscheint, ist an vielen Abenden sang und klanglos untergegangen, manchmal auch mit Radau ins Feld stundenlanger Möglichkeiten gestürzt. Kein Wunder, dass wir nach Lösungen suchen. Wäre doch gelacht, wenn Mensch da keine Antwort hätte. Arbeits- und Ruhephasen werden analysiert, in eine gute (weil machbare) Reihenfolge gepackt und als täglicher Rhythmus verschrieben. Denn so viel scheint klar: Menschen brauchen Abwechslung. Stundenlanges Einerlei zerschießt die Konzentration, Mangel an Bewegung schwächt unsere Körper. So gut und praktikabel das klingt, mein Misstrauen reibt sich eben genau an jener Praktikabilität, so sehr ich verstehe, dass die Suche nach besserer Zeitstruktur genau dort hinführt.
Ich bin auf der Suche nach Zeit. Und vielleicht ist es ein erster Schritt, sich die „verlorene“ einmal genauer anzuschauen. Denn wie wir es drehen und wenden, Zeit verschwindet immer, selbst wenn es schön war oder wir etwas zu unserer (und möglicherweise auch anderer) Zufriedenheit gemeistert haben. Zeit gibt es in Massen, nur unser Anteil daran ist beschränkt. Und unsere Hierarchisierung von Tätigkeiten führt dazu, Unmut und Ratlosigkeit zu erzeugen. Schauen wir einfach mal.
Auf den Boden sinken
Eine Vorstellung, die mich beruhigen kann, ist die, auf den Boden des Meeres zu sinken, um dort unten, in Stille und Wasserströmung, einfach nur noch zu sein.
Natürlich sind in dieser Fantasie einige Realitäten außer Kraft gesetzt. Denn ich kann am Meeresgrund prächtig weiter atmen. Das Wasser ist angenehm warm und es ist hell, oder zumindest dämmrig, so dass Farben zu sehen sind und manchmal auch noch die Meeresoberfläche. Ein bisschen so wie im Schwimmbad, wenn man auf den Boden taucht und dort in der Bewegung des Wassers schaukelt.
Am Meeresgrund gibt es keine To-Do-Liste. Kein Job, kein Haushalt, keine Freizeitgestaltung. Wenn ich freiwillig hierher komme, ist es fast ein Paradies.
Aber wehe, ich muss!
Ich habe mir eine Rippe gebrochen. Zack, und Tschüss Alltag! Was auf einmal alles nicht mehr geht! Gut, der Kopf läuft noch, und schreiben tue ich mit den Fingern. Aber auch Sitzen ist anstrengend (im Moment zumindest noch). Hausarbeit ist sehr weit eingeschränkt, wenn ich ehrlich bin, ist nur das Liegen in bestimmten Positionen halbwegs erträglich. Denn wenn ich etwas herum spaziere, weil das Wetter so sensationell ist, tut alles weh und ich bin schnell erschöpft. Warum also nicht untertauchen?
Weil es auf einmal keine Option mehr ist. Kein Ausweg. Sondern die Falle. Hm. Aber so will ich es auch nicht stehen lassen. Denn es gibt im Leben selten ein Entweder-Oder. Es gibt meist eine „dritte Lösung“, die Captain Kirk in scheinbar aussichtslosen Situationen immer wieder einfordert.
Immerhin habe ich Zeit, eine „dritte Lösung“ zu finden. Einen Modus zwischen erzwungener Ruhe und frei drehender Ungeduld. Mal sehen, was kommt…
Heute
ist der Geburtstag meines Vaters. Als er noch lebte, war es ein schwieriger Tag für mich. Weil ich ihm unbedingt etwas schenken wollte, und er sich unbedingt nicht darüber freuen konnte. Wir waren an dem Punkt beide stur. Ich wollte mich partout nicht damit abfinden. Er wollte partout nicht beschenkt werden. Eine jener Patt-Situationen, die viel Schmerz verursachen. Ich hatte die Hoffnung, ihn mit einem richtigen Geschenk rühren zu können. Er fühlte sich vermutlich in die Ecke gedrängt. Normalerweise packte er das Geschenk tagelang nicht aus. Um es dann kommentarlos entweder in den Keller zu stellen oder – bei Kleidungsstücken – die Dinge zu tragen ohne weitere Worte.
Heute verstehe ich ihn besser. Aber was bedeutet das für mich? Wenn ich bemerke, dass mein Gegenüber nicht aus seiner Haut kann. Muss ich dann in meiner Haut bleiben, verzeihen und verzichten? Will sagen: Ich bin immer wieder froh, wenn ich bemerke, dass jemand mich nicht „ärgern“ oder absichtlich verletzen will. Ich kann das, wie im Fall meines Vaters, sogar meist gut nachvollziehen. Aber was ist dann mit meinem Wunsch, jemanden zu erfreuen? Oder habe ich einfach einen zu hohen Anspruch? Kann ich denken: „O.K., Geschenk gemacht, fertig.“? Und eben nicht hoffen, den anderen zu erlösen… – ?
Bohnen und Steine vom Meer hätten ihm übrigens Freude gemacht.
Nachricht aus dem Zwischenreich
Wenn Menschen an Alzheimer erkrankt sind, wird ihre Identität für andere löchrig. Es gibt die gemeinsam verbrachte Zeit, aber die Erinnerungen verschieben sich so, dass sie auseinander driften. Sich gemeinsam an etwas zu erinnern wird immer schwieriger.
Gestern hat mich aus heiterem Himmel meine Nenn-Tante angerufen. Sie ist die Tochter eines Freundes meines Vaters und 10 Jahre älter als ich. Ich habe sie erst als erwachsene Frau kennengelernt, wir konnten uns darauf einigen, dass sie so etwas wie meine Tante ist, weil sie wiederum meinen Vater als älteren Bruder (den sie selbst nicht hatte) verstand. Vor einigen Jahren machte sich bei ihr Alzheimer breit. Den Tod meines Vaters hat sie nicht mehr richtig mitbekommen.
Und plötzlich hatte ich sie am Telefon. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Aber es war auch unheimlich. Sie klang wie immer. Ich hätte im ersten Moment wetten können, dass sie wieder ganz die Alte ist, von Krankheit keine Spur. Ganz so, wie ich manchmal träume, meine Mutter würde wieder leben und kein Zeichen von Demenz mehr zeigen.
Aber die Risse waren deutlich spürbar. Sie sagte Sachen, die nicht stimmen. Einmal sietzte sie mich. Und dann sagte sie im Laufe des Gesprächs immer dieselben Sätze. Es war wie ein Anruf aus dem Orkus. Ich sprach mit der Frau, die ich so mochte. Aber es war, als spreche ich mit einem Automaten. Ich weiß, dass sie lebt. Ich weiß, dass alles was sie sagt stimmt. Aber eben nicht mehr für jetzt. Es sind Bruchstücke ihres Lebens. Es ist nicht schlimm. Aber ich habe mich verloren gefühlt. Wie von allen guten Geistern verlassen.
Longlist
Ich möchte den Herausgebern der Leseproben der Romane, die es dieses Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben (und die Jahre davor) herzlich danken, denn es ist ein ganz eigenes Spätsommervergnügen, in diese ausgewählten Bücher einmal kurz (d.h. für drei bis vier Seiten) reinzulesen. Ich bin weder ein Trüffelschwein noch eine Wahrsagerin. Ich habe leider auch immer weniger Leseerfahrung (die letzten Jahre bin ich kaum zum Lesen gekommen). Dennoch möchte ich meine Favorit*innen vorstellen.
Marco Dinić: Buch der Gesichter
Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten
Jina Khayyer: Im Herzen der Katze
Thomas Melle: Haus zur Sonne
Feridun Zaimoglu: Sohn ohne Vater
Ich hoffe, am Wochenende noch etwas zur der Auswahl schreiben zu können. Warum mir – oder was mir – besonders an diesen Texten gefallen hat. Vielleicht regt es Euch an, auch mal eine Leseprobe (in Buchhandlungen oder Bibliotheken liegen sie aus – kostenlos!) zu greifen, und Eure Lieblinge zu picken. Spass mach das auf jeden Fall.









