Zeit finden

Im Hamsterrad unseres Lebens sind wir häufig erschöpft und enttäuscht: So viel wäre zu tun, aber so schnell ist die Zeit schon wieder um! Ein Tag hat 24 Stunden, und was morgens noch als machbar erscheint, ist an vielen Abenden sang und klanglos untergegangen, manchmal auch mit Radau ins Feld stundenlanger Möglichkeiten gestürzt. Kein Wunder, dass wir nach Lösungen suchen. Wäre doch gelacht, wenn Mensch da keine Antwort hätte. Arbeits- und Ruhephasen werden analysiert, in eine gute (weil machbare) Reihenfolge gepackt und als täglicher Rhythmus verschrieben. Denn so viel scheint klar: Menschen brauchen Abwechslung. Stundenlanges Einerlei zerschießt die Konzentration, Mangel an Bewegung schwächt unsere Körper. So gut und praktikabel das klingt, mein Misstrauen reibt sich eben genau an jener Praktikabilität, so sehr ich verstehe, dass die Suche nach besserer Zeitstruktur genau dort hinführt.

Ich bin auf der Suche nach Zeit. Und vielleicht ist es ein erster Schritt, sich die „verlorene“ einmal genauer anzuschauen. Denn wie wir es drehen und wenden, Zeit verschwindet immer, selbst wenn es schön war oder wir etwas zu unserer (und möglicherweise auch anderer) Zufriedenheit gemeistert haben. Zeit gibt es in Massen, nur unser Anteil daran ist beschränkt. Und unsere Hierarchisierung von Tätigkeiten führt dazu, Unmut und Ratlosigkeit zu erzeugen. Schauen wir einfach mal.

Auf den Boden sinken

Eine Vorstellung, die mich beruhigen kann, ist die, auf den Boden des Meeres zu sinken, um dort unten, in Stille und Wasserströmung, einfach nur noch zu sein.

Natürlich sind in dieser Fantasie einige Realitäten außer Kraft gesetzt. Denn ich kann am Meeresgrund prächtig weiter atmen. Das Wasser ist angenehm warm und es ist hell, oder zumindest dämmrig, so dass Farben zu sehen sind und manchmal auch noch die Meeresoberfläche. Ein bisschen so wie im Schwimmbad, wenn man auf den Boden taucht und dort in der Bewegung des Wassers schaukelt.

Am Meeresgrund gibt es keine To-Do-Liste. Kein Job, kein Haushalt, keine Freizeitgestaltung. Wenn ich freiwillig hierher komme, ist es fast ein Paradies.

Aber wehe, ich muss!

Ich habe mir eine Rippe gebrochen. Zack, und Tschüss Alltag! Was auf einmal alles nicht mehr geht! Gut, der Kopf läuft noch, und schreiben tue ich mit den Fingern. Aber auch Sitzen ist anstrengend (im Moment zumindest noch). Hausarbeit ist sehr weit eingeschränkt, wenn ich ehrlich bin, ist nur das Liegen in bestimmten Positionen halbwegs erträglich. Denn wenn ich etwas herum spaziere, weil das Wetter so sensationell ist, tut alles weh und ich bin schnell erschöpft. Warum also nicht untertauchen?

Weil es auf einmal keine Option mehr ist. Kein Ausweg. Sondern die Falle. Hm. Aber so will ich es auch nicht stehen lassen. Denn es gibt im Leben selten ein Entweder-Oder. Es gibt meist eine „dritte Lösung“, die Captain Kirk in scheinbar aussichtslosen Situationen immer wieder einfordert.

Immerhin habe ich Zeit, eine „dritte Lösung“ zu finden. Einen Modus zwischen erzwungener Ruhe und frei drehender Ungeduld. Mal sehen, was kommt…

Heute

ist der Geburtstag meines Vaters. Als er noch lebte, war es ein schwieriger Tag für mich. Weil ich ihm unbedingt etwas schenken wollte, und er sich unbedingt nicht darüber freuen konnte. Wir waren an dem Punkt beide stur. Ich wollte mich partout nicht damit abfinden. Er wollte partout nicht beschenkt werden. Eine jener Patt-Situationen, die viel Schmerz verursachen. Ich hatte die Hoffnung, ihn mit einem richtigen Geschenk rühren zu können. Er fühlte sich vermutlich in die Ecke gedrängt. Normalerweise packte er das Geschenk tagelang nicht aus. Um es dann kommentarlos entweder in den Keller zu stellen oder – bei Kleidungsstücken – die Dinge zu tragen ohne weitere Worte.

Heute verstehe ich ihn besser. Aber was bedeutet das für mich? Wenn ich bemerke, dass mein Gegenüber nicht aus seiner Haut kann. Muss ich dann in meiner Haut bleiben, verzeihen und verzichten? Will sagen: Ich bin immer wieder froh, wenn ich bemerke, dass jemand mich nicht „ärgern“ oder absichtlich verletzen will. Ich kann das, wie im Fall meines Vaters, sogar meist gut nachvollziehen. Aber was ist dann mit meinem Wunsch, jemanden zu erfreuen? Oder habe ich einfach einen zu hohen Anspruch? Kann ich denken: „O.K., Geschenk gemacht, fertig.“? Und eben nicht hoffen, den anderen zu erlösen… – ?

Bohnen und Steine vom Meer hätten ihm übrigens Freude gemacht.

Nachricht aus dem Zwischenreich

Wenn Menschen an Alzheimer erkrankt sind, wird ihre Identität für andere löchrig. Es gibt die gemeinsam verbrachte Zeit, aber die Erinnerungen verschieben sich so, dass sie auseinander driften. Sich gemeinsam an etwas zu erinnern wird immer schwieriger.

Gestern hat mich aus heiterem Himmel meine Nenn-Tante angerufen. Sie ist die Tochter eines Freundes meines Vaters und 10 Jahre älter als ich. Ich habe sie erst als erwachsene Frau kennengelernt, wir konnten uns darauf einigen, dass sie so etwas wie meine Tante ist, weil sie wiederum meinen Vater als älteren Bruder (den sie selbst nicht hatte) verstand. Vor einigen Jahren machte sich bei ihr Alzheimer breit. Den Tod meines Vaters hat sie nicht mehr richtig mitbekommen.

Und plötzlich hatte ich sie am Telefon. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Aber es war auch unheimlich. Sie klang wie immer. Ich hätte im ersten Moment wetten können, dass sie wieder ganz die Alte ist, von Krankheit keine Spur. Ganz so, wie ich manchmal träume, meine Mutter würde wieder leben und kein Zeichen von Demenz mehr zeigen.

Aber die Risse waren deutlich spürbar. Sie sagte Sachen, die nicht stimmen. Einmal sietzte sie mich. Und dann sagte sie im Laufe des Gesprächs immer dieselben Sätze. Es war wie ein Anruf aus dem Orkus. Ich sprach mit der Frau, die ich so mochte. Aber es war, als spreche ich mit einem Automaten. Ich weiß, dass sie lebt. Ich weiß, dass alles was sie sagt stimmt. Aber eben nicht mehr für jetzt. Es sind Bruchstücke ihres Lebens. Es ist nicht schlimm. Aber ich habe mich verloren gefühlt. Wie von allen guten Geistern verlassen.

Longlist

Ich möchte den Herausgebern der Leseproben der Romane, die es dieses Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben (und die Jahre davor) herzlich danken, denn es ist ein ganz eigenes Spätsommervergnügen, in diese ausgewählten Bücher einmal kurz (d.h. für drei bis vier Seiten) reinzulesen. Ich bin weder ein Trüffelschwein noch eine Wahrsagerin. Ich habe leider auch immer weniger Leseerfahrung (die letzten Jahre bin ich kaum zum Lesen gekommen). Dennoch möchte ich meine Favorit*innen vorstellen.

Marco Dinić: Buch der Gesichter

Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten

Jina Khayyer: Im Herzen der Katze

Thomas Melle: Haus zur Sonne

Feridun Zaimoglu: Sohn ohne Vater

Ich hoffe, am Wochenende noch etwas zur der Auswahl schreiben zu können. Warum mir – oder was mir – besonders an diesen Texten gefallen hat. Vielleicht regt es Euch an, auch mal eine Leseprobe (in Buchhandlungen oder Bibliotheken liegen sie aus – kostenlos!) zu greifen, und Eure Lieblinge zu picken. Spass mach das auf jeden Fall.

Sommerloch

Dieses Jahr mache ich endlich das, was ich schon 10 Jahre (mindestens) vorhatte: Eine Reha. Irgendwann zu Beginn des Jahres nahm meine Müdigkeit dermaßen Überhand, dass mir klar wurde: jetzt oder nie! Eine Woche habe ich schon hinter mir. Dazu noch vier Tage in Helsinki, die ich sehr genießen konnte, weil ich mich ratzfatz in die Stadt verliebt habe. Allein der Himmel über Helsinki ist von ganz eigener Klasse. Dazu das Meer und Kunst ohne Ende (es war Biennale).

Die Reha beschert mir neue Gesichter, und ich staune immer wieder, wie sehr ich, obwohl ich freiberuflich unterwegs bin, in einer Bubble stecke. Ganz andere Geschichten. Dazu der gemeinsame Wunsch, sich aus etwas zu befreien, was uns allen das Leben schwer und mühsam macht. Interessant für mich auch, ein eng getaktetes Leben zu führen, ohne zu arbeiten. Das ergibt ein sehr anderes Lebensgefühl. Die Reha ist ambulant, das bedeutet, ich starte meine Tage von zu Hause aus und bin auch am Wochenende in meiner gewohnten Umgebung. Was mir gut gefällt. Vermutlich werde ich also die nächste Zeit hier weniger einstellen. Was dann eben nicht bedeutet, dass es mir keinen Spass mehr macht. Euch wünsche ich auf jeden Fall gute Sommertage, was angesichts der Hitze eben auch der Wunsch ist, dass ihr gesund durch die Tage kommt.

Svealena Kutschke: Gespensterfische

Ich bin hingerissen. Obwohl ich erst vier Kapitel gelesen habe. Und Achtung! Wer Angst vor der Psychiatrie hat und dem, was sich da so abspielt, sollte die Finger vom Buch lassen. Obgleich es eigentlich ums Leben an sich geht. Und in der Psychiatrie vielleicht nur die Bruchstellen im Vordergrund stehen. Denn Risse haben wir alle, nur knicken wir an unterschiedlichen Stellen ein – oder gar nicht. Wie sagte Andy Warhol: „Leben ist Arbeit genug“, und eben, wer „Life-Work-Balance“ denkt oder gar „Freizeit“, hat sowieso schon verloren. Es geht also ums Leben, und um seine Schönheit. Auch in Existenzen, die wir gemeinhin als Verliererinnen sehen. Und noch einmal Achtung! Svealena Kutschke redet nichts schön, romantisiert nicht, federt absolut gar nichts ab. Sie schaut sehr genau hin, horcht, nimmt sich Zeit, sucht keinen Plot, und schreibt mit einer Präzision, Schärfe und gleichzeitigen Leichtigkeit, dass es mich atemlos lässt (ich muss immer wieder Lesepausen einlegen, sonst habe ich zu schnell eine Art Überdosis). Für mich schreibt Kutschke auch über das Schreiben selbst, was mich gerade sehr beschäftigt. Und auch damit ist es mir ein Herzensbuch.

Zugegeben, das ist gar keine Rezension. Aber der begeisterte – und leider durch Zeitknappheit extrem kurze – Versuch, Euch das Buch nahezulegen.

Schön, dass Sie anrufen.

Was? Wie? Nein, die Sendung (20stellige Sendungsnummer) wird heute nicht geliefert. Warum, können wir Ihnen nicht sagen. Ich werde eine Beschwerde verfassen. Haben Sie noch eine Frage?

Ordnung und Intuition

Ich bin unordentlich. Das ist eine Familienangelegenheit: mütterlicher- und väterlicherseits gab es Messies, zum Glück nicht bis zur völligen Verrottung, aber doch chaotisch genug, um das Leben in den jeweiligen Häusern oder Wohnungen zu bestimmen. Meine Wohnung ist nicht nur begehbar, sie ist im umfassenden Wortsinn wohnlich. Aber wo immer freie Flächen sind, stapelt sich Zeug. Und das, obwohl ich mittlerweile einen Keller habe.

Klar. Es gibt die Ordentlichen und die Unordentlichen. Und die oft gezogene Parallele zwischen kreativ und unordentlich geht nur in Teilen auf. Dennoch dachte ich neulich: Auf Kunst zu schauen, bedarf einer gewissen Ordnungsliebe, oder zumindest eines Wunsches oder Bedürfnisses, Strukturen zu erkennen.

Unordnung ist für mich – zumindest bis zu einem gewissen Grad – Freiheit und Abenteuer. Ich möchte mich nicht einer wie auch immer gearteten Ordnungsinstanz unterordnen. Gleichzeitig macht aber auch Unordnung nur Sinn, wenn der Rahmen die Ordnung ist. Völlig vermüllt ist für mich einfach nicht mehr schön, keine Steigerung von Freiheit oder Abenteuer, sondern nur noch einschränkend.

Könnte ich meine Unordnung als „intuitive Ordnung“ verstehen? Nicht, um mich besser zu machen, als ich nun mal bin. Sondern weil reine Unordnung meine Situation nicht richtig trifft. Denn es gibt einen großen Ordnungssinn in mir. Wehe, wenn etwas an der falschen Stelle ist. Oder, und das bringt mich, wenn ich es bemerke, jedes Mal zum Lachen: Das Bild an der Wohnzimmerwand meiner Nachbarn: Es hängt schief! So schlimm, dass ich fast schon rübergegangen wäre…

Will sagen. Meine Ordnung ist nicht ordentlich, sondern intuitiv. Sie entspricht meinen persönlichen Vorstellungen und kann deshalb mit dem Ordnungssinn anderer kollidieren. Als Gast oder im Zusammensein mit anderen bemühe ich mich daher um einen ordentlichen Ordnungsstil. „Intuitive Ordnung“ – ja klar, da können jetzt alle mal laut lachen (ich höre meine Mutter…). Dennoch habe ich den Eindruck, das mir diese Bezeichnung hilft, Vorurteile gegen mich selbst aufzugeben…

Absolute Beginner…

Tatsächlich schreibe ich gerade meinen ersten „seriösen“ Beitrag mit Hilfe der KI. Ich bin keine Freundin von Abkürzungen. Bislang war mir die Praxis künstlich generierter Texte einfach zu blöd. Ich kann schreiben, ich weiß (meistens), was ich sagen will, und wenn nicht, hilft mir eigentlich nur das Schreiben selbst, herauszufinden, was es sein könnte. Einmal, gebe ich zu, habe ich bei einem Auftrag die Schreibhilfe angenommen, es war ein völlig kunstfremdes Thema, mir fehlten – eben auch weil es vom Kunden kaum Basis-Material gab – einfach Begriffe und Zusammenhänge.

Aber natürlich geht das Leben weiter. Und die Praxis, dass Aufträge immer schneller fertiggestellt werden müssen, bringt Texterinnen und Texter an Grenzen. Manchmal geht es ganz einfach nur darum, einen Idee auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen oder einen Gedanken bis zum Ende durchzuspielen. Dann füttere ich ChatGPT mit einer Frage. Die auf eine Art gründlich und irgendwie auch possierlich beantwortet wird. Genau genug, um mir Halt zu geben, und meinen Text fortzuführen.

Das heißt, es geht in erster Linie nicht darum, dass die KI meinen Text übernimmt, sondern dass sie eine Art virtuelle Gesprächspartnerin wird, die mir hier und da ein paar kluge Hinweise steckt. Das macht sogar Spass. Und es erleichtert meine Recherche. Nein, die eigene Suche nach Ideen, das Überprüfen von Fakten oder das Entwickeln eigener Thesen steht – zumindest bei mir – nicht zur Disposition. Es ist ein gutes Gefühl. Weil es eben auch wieder meine Neugier weckt. Bis hierher bin ich erst mal sehr positiv überrascht. Mal sehen, wie es weiter geht.