Hej! Heute ist Zimtschneckentag!

Wir feiern Anfang Oktober die deutsche Einheit, die Schweden feiern ihre Zimtschnecke, allerdings erst seit fünfzehn Jahren: den Kanelbullens dag gibt es seit 1999. Er ist kein offizieller Feiertag, d.h. es muss gearbeitet werden… Zum Mitfeiern braucht es: 100 Gramm Butter, einen halben Liter Milch, 50 Gramm frische Hefe, einen halben Teelöffel Salz, 120 Gramm Zucker, ein Teelöffel Kardamom, 800 Gramm Mehl, noch einmal 100 Gramm Butter (diesmal zimmerwarm), noch einmal 80 Gramm Zucker, zwei Esslöffel Zimt (ganz wichtig!), 1 verschlagenes Ei, Hagelzucker zum Bestreuen. Das Zusammenrühren dieser Zutaten lässt sich bei http://www.chefkoch.de nachlesen. Aber Achtung! Das Rezept ergibt 36 Zimtschnecken! Am Besten also: Nachbarn einladen. „En till kanelbulle, tack!“ (Eine weitere Zimtschnecke, bitte!)

Es röhrt, schmatzt und gurgelt

drinnen, aber kaum jemand hört hin, denn was man sieht, nimmt einem den Atem: Seit die Therme steht, die Peter Zumthor in und für Vals von 1993 bis 96 gebaut hat, reißen die Lobeshymnen nicht ab. Zurecht. Wer auch nur ein Fitzelchen „typisch Neunziger“ erwartet, wird enttäuscht. Das Bad sieht aus, als wenn es – vielleicht nicht schon immer, aber doch – schon sehr lange da stehe (oder eher hocke, in den Hang eingebaut, aus dem die Quelle steigt). Die Kolonne der Architekturtouristen reißt ebenfalls nicht ab. Was sie und die anderen Gäste suchen, sind besondere Sinneserlebnisse, aber kaum jemand hört hin, denn wen man auch fragt (bislang) – ungläubige Blicke.

Dabei geht es nicht um den Hinweis auf einen vermeintlichen Mangel. Es ist viel mehr das Ungebändigte eines Geräusches, das – sound-gestylt – bestimmt zu verhindern gewesen wäre. Es ist die ganze Zeit da, im Hintergrund, wo es seine Kapriolen schlägt, wie Schatten an der Wand. Der Überlauf der Becken ist eine rechtwinklige Kante, über die das Wasser in einen Schacht schwappt. Es röhrt, schmatzt und gurgelt, ganz so, als wäre hier keine Wellness-Oase, sondern ein verwunschener Ort in der guten (vielleicht, aber auf jeden Fall) alten Natur. Peter Zumthor sagt, es sei ihm um den Ort gegangen, um die Millionen von Jahren, die in den Steinen und über dem Tal liegen. Das Gurgeln, Schmatzen und mitunter arg respektlose Rülpsen scheint aus diesem Blickwinkel ein Echo dieses Alters zu sein, das seinen eigenwilligen Teil am Gelingen des Baus beiträgt – wahrscheinlich auch nachts, wenn es wirklich keiner hört.

Wen die Katze ins Auge fasst,

mag sich unbeobachtet wähnen, oder sich schämen, wie Derrida, der sich einst zu Hause nackt von einer seinen Katzen überrascht fühlte. Bin ich ein Tier, und sind wir uns deshalb ähnlich? Oder ist das, was da im Körbchen hockt, etwas so anderes, dass es mich nicht mal sieht? Derrida war unbehaglich bei diesen Alternativen. Vor allem bei der für Menschen so selbstverständlichen Annahme, dass Tiere – zumindest uns gegenüber – Mängelwesen sind. „Ich spreche, also bin ich ein Mensch.“ Aber spricht nur der Mensch in mir und sagt etwas, fragte sich Derrida, während das Tier, das ich auch bin, schweigt? Ludwig Wittgenstein vermutete, dass wir den Löwen nicht verstehen könnten, würde er sprechen. Die Katze sagt nichts. Ich kann mich in ihrem Blick spiegeln, und am eigenen schweigenden Ich fremd fühlen. Wäre da nicht noch eine Frage, die Derrida sich stellte: Leben die Tiere und ich überhaupt im selben Moment?

Verschwundene Orte

Zunächst bemerkt man sie nicht: Orte, die man fortan nicht mehr betritt, weil man aus ihnen herausgewachsen ist oder weil das Leben die Richtung wechselt. Die meisten verschwundenen Orte sind weder verschüttet, abgerissen oder untergegangen. Es gibt sie noch. Aber wir betreten sie nicht mehr. Natürlich kann ich an der Wohnungstür klingeln, die einmal meine Wohnungstür war. Doch auch wenn mir jemand öffnet und so freundlich ist, meiner Neugier entgegen zu kommen – es ist längst nicht mehr meine Wohnung, die ich da betrete. Im Gegenteil – neu eingerichtet mag sie mir wie ein Alp meiner damaligen Selbstverständlichkeit erscheinen. Selbst wenn diese neue Einrichtung meiner an Eleganz oder Pfiffigkeit überlegen ist.

Ein früher verschwundener Ort ist für die meisten der Kindergarten oder das Klassenzimmer der Grundschule. Ungezählte Vormittage hat man dort verbracht, die Räume waren vertraut wie das eigene Kinderzimmer. Und dann hat man sie nach den letzten Sommerferien nie mehr betreten. Im Laufe des Lebens häufen sich die verschwundenen Orte – allein die Ferienwohnungen oder Hotelzimmer, die man bewohnt und bald wieder verlassen hat. Der Garten der Großeltern, das Lieblingscafé aus der Studienzeit, die Kirche, in der ich als Kind im Chor gesungen habe, das eigene Elternhaus. Doch bevor sie ganz verschwinden, lagern sie noch eine Weile in der Erinnerung. Und beginnen dort, ein Eigenleben zu führen, das aus Vergessen und sich Vergegenwärtigen ganz neue Orte schafft. Jedem sein eigener Mythos Atlantis.

Beim Lesen Pilze sammeln,

oder vielleicht gleich mal nach Marbach am Neckar reisen, ins Literaturarchiv, wo gedruckte Buchstaben und Wörter noch so aufbewahrt werden, wie sie einst erdacht waren: auf Papier. Handschriften sind natürlich auch zu sehen, solche, die ein Lesen unmöglich machen und die Schrift zu dem, was sie uns meist nicht ist: pure Graphik. Ulrich Raulff, Direktor des Archivs, hat gerade ein eigenes Buch veröffentlicht, „Wiedersehen mit den Siebzigern“, ein – wenn man den Rezensenten glauben darf – wilder Ritt durch die Lektüren seiner Jugend, vor allem in Paris, wo er damals studierte. Lesen, so sein Credo, ist nicht unbedingt verstehen. Wer wild liest (und auch das ist eine seiner Glaubensbekenntnisse), mag sich vor allem verirren. Wenn er dann plötzlich auf Bekanntes stoße, sei das, wie Raulff es beschreibt, wie Inseln im Meer des Unbekannten, oder eben Pilze, die plötzlich vor einem aus dem Waldboden wachsen. In diesem Sinne: Es ist Herbst, sammeln Sie Pilze!

Grau, Fortsetzung

Die Alte Nationalgalerie in Berlin besitzt drei Gemälde von Paul Cézanne, von denen zwei zur Zeit in der öffentlichen Sammlung zu sehen sind. Zwei Stillleben, ein frühes (aktuell links in der Ausstellung), das Cézanne als jungen Wilden zeigt (allein wie die Schatten dort ihr Eigenleben pflegen!), ein späteres (von Experten auf 1880/1890 datiert, das Cézanne also zwischen vierzig und fünfzig gemalt haben mag – Ende des Schattentheaters).

Cézanne malte, wie man im sehr guten Katalogbeitrag von Claude Keisch nachlesen kann, hauptsächlich Stillleben. 200 sind überliefert, Klunker des Alltags, die sich die Käufer in die gute Stube gehängt hätten, wären sie je fertig geworden. Tatsächlich blieben sie meist im Atelier, mit dem „Gesicht“ zur Wand, oder irgendwo nachlässig angetackert, wie eine Fotografie für das linke Bild belegt.

Und jetzt kommt die Malerin Mathilde Vollmoeller zu Wort, eine Freundin von Rainer Maria Rilke. Ihr hatte der Dichter im Pariser Salon d’Automne seine Beobachtungen zu Cézannes Grautönen vorgetragen und sie hatte – widersprochen! Denn als er die Bemerkung macht, nichts eigentlich Graues sei in Cézannes Bildern, ein Eindruck, den er beim Betrachten der Details gewonnen hatte, stürzt sie nicht geradezu vor die Leinwände, sondern bleibt auf einige Entfernung stehen und sagt etwas ebenso Wahres: „wie sehr doch, wenn man mitten unter ihnen (steht), ein weiches und mildes Grau als Atmosphäre von ihnen (ausgeht…)“ Die Wand hinter den Berliner Bildern ist übrigens auch nicht grau, sondern zart violett. Es ist wie immer: Wer es sehen will, muss hingehen.

Wer hören will,

vielleicht sogar fühlen, wie diese Notation klingt, hat Gelegenheit dazu heute ab 20:00 in der Boxhagener Straße 16, Remise im 3. Hinterhof. Dort spielt Tomas Bächli aus Anlass des 300. Geburtstages von Carl Philipp Emanuel Bach folgende Sonaten:

C.P.E. Bach: Sonate in e (H 287), in C (H 284), 6. Probesonate (H 75)

Jean Barraqué: Sonate pour piano (1952).

Gründe zur Annahme, dasz Würmer etwas Intelligenz entfalten

Sich als bärtigen Affen in einer Zeitschrift karikiert zu sehen, gehörte zu den fast noch schmeichelhaften Sticheleien, die er im Alter über sich ergehen ließ. Charles Darwin hatte fast 15 Jahre gezögert, seine Evolutionstheorie zu veröffentlichen. Doch dann ertrug er mit – zumindest scheinbar – stoischer Gleichmut die Anfeindungen seiner Kollegen und der Öffentlichkeit. Schließlich hatte er mit seinen Ideen die Welt auf den Kopf gestellt. Davon jedoch ließ er nicht ab. Er blieb bis zum Schluss dabei, das Unterste nach oben zu kehren, und es seinem neugierigen Blick auszusetzen. Zum Beispiel Regenwürmer.

Gegen Ende seines Lebens hatte sich Darwin aufs Botanisieren verlegt. Vielleicht war ihm der bärtige Affe doch auf die Nerven gegangen. Vielleicht aber spielten auch praktische Erwägungen eine Rolle: Mit Pflanzen jedenfalls ließ sich gut zu Hause experimentieren. Doch statt sich auf seine Experimente zu konzentrieren, sah er ebenso neugierig in die Blumentöpfe: „Da ich veranlaszt war, während vieler Monate in meinem Arbeitszimmer Würmer in mit Erde gefüllten Töpfen zu halten, so fieng ich an, mich für sie zu interessiren und wünschte zu erfahren, in wie weit sie bewuszt handelten und wie viel geistiges Vermögen sie entfalteten.“ (zeitgen. Übersetzung von J. Victor Carus, komplett zu lesen unter: http://www.regenwurm.de) Sein Buch „Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer“ erschien 1881, wenige Monate vor seinem Tod. Damit stellte er vielleicht nicht die Welt auf den Kopf, ein Affront war das Buch allemal, galten doch Regenwürmer zu Darwins Zeit als ausgemachte Schädlinge von Pflanzen aller Art.

Auf dem Foto ist der Ausschnitt eines Briefes von Darwin zu sehen, der im Berliner Naturkundemuseum aufbewahrt wird. Er ist an Christian Gottfried Ehrenberg adressiert, der ihm eine Reihe von Staubproben zur Ansicht geschickt hatte. Ehrenbergs Staubproben gehören heute zu den wertvollsten Exponaten der Berliner Sammlung.

Happy Birthday, Mark Rothko!

Auf dem Zenit seiner Bekanntheit (und Beliebtheit) strahlten seine Bilder. Mark Rothko, in Lettland geboren (dort – in Dünaburg damals noch russisch – schon am 12. September 1903, nach dem julianischen Kalender), kam mit 10 Jahren nach Amerika. Das Studium an der Yale Universität brach er nach zwei Jahren ab, seine erste Einzelausstellung hatte er mit 30 Jahren. “When I was a younger man, art was a lonely thing. No galleries, no collectors, no critics, no money. Yet, it was a golden age, for we all had nothing to lose and a vision to gain. Today it is not quite the same. It is a time of tons of verbiage, activity, consumption. Which condition is better for the world at large I shall not venture to discuss. But I do know, that many of those who are driven to this life are desperately searching for those pockets of silence where we can root and grow. We must all hope we find them.” Der Schatten der Verzweiflung lag schwer auf dem späteren Leben von Rothko. Vielleicht war er auf der Suche nach einem „pocket of silence“, als er sich am 25. Februar 1970 die Pulsader aufschnitt. “Silence is so accurate.”