Nachts, am Fluss

Manchmal gelange ich abends an einen Fluss. Es ist ein tropischer Fluss, der vor einem hohen Wald in der Dämmerung liegt. An einer einfachen Anlegestelle sind Boote vertäut. Boote ohne Ruder, in die man einsteigt und sich hinlegt. Wer es losmacht, habe ich noch nie gesehen. Ich bekomme einen kleinen Schubs und schon treibt das Boot mit mir über das Wasser. Ich weiß nie, an welchen Abenden ich den Fluss erreiche und an welchen nicht. Es taugt nicht, am Tag darüber nachzudenken. Es taugt überhaupt nicht, sich den Abend im Boot zu wünschen.

Eine tropische Nacht ist niemals still. Beim ersten Mal hatte ich Angst, in der fremden Dunkelheit unterwegs zu sein. Jedes Boot hat eine Laterne. Sie lockt Gäste. Lebende oder Tote, die sich zu dir setzen (Gäste legen sich nie hin) zum Zwiegespräch in der Nacht. Auch sie lassen sich nicht herbeiwünschen. Viele Nächte fuhr ich alleine, bis ich dachte, zu mir würde nie jemand kommen. Manchmal sind zu viele Leute am Fluss. Dann kommt es vor, dass kein Boot mehr frei ist. Solche Nächte verbringe ich am Ufer mit den anderen Wartenden im leisen Gespräch.

Vom Hasen lernen,

heißt rasen lernen. Natürlich ist auf dem Bild ein Kaninchen zu sehen. Unter gewissen Umständen sind Kaninchen auch Hasen, s. Wikipedia etc., pp. Ihre Gabe des Rasens haben andere schon schöner gewürdigt. Zum Beispiel John Muir: „Kaninchen huschen von Dickicht zu Dickicht zwischen den Fliedersträuchern, und gelegentlich sieht man einen langohrigen Hasen anmutig über die breiten Lichtungen kantern.“ In: Die Berge Kaliforniens. Naturkunden N° 2. Berlin 2013. „Soyez rapide, même sur place“, wussten ferner die alten Hasen Gilles Deleuze + Félix Guattari. Allez hopp!

Die Ein-Stück-Sammlung

Sammeln ist nicht so meins. Dennoch habe ich einige Sammlungen. Angefangene Sammlungen, die – unfreiwillig – schon nach dem ersten Erwerb abgeschlossen blieben. Zumindest in der Realität. Im Kopf sieht es anders aus. Betrachte ich das Sammlerstück – in Sekundenschnelle nur häufen sich zum Beispiel Tüten. Wundertüten aus aller Herren Länder… (zugegeben, ich sehe gerade auch das Plastiktütendebakel in den Meeren. Und bin froh, nur eine zu haben). Die Ein-Stück-Sammlung ist in gewisser Weise perfekt für kleine Wohnungen und für Träumerinnen. Zum Repräsentieren taugen sie wenig, zum Tauschen kaum, zum feierlichen Verschenken schon gar nicht. Oh, ich sehe gerade, dass diese frühe Tüte aus meiner Sammlung noch „Tasche“ heißt. Und artig angibt, aus welchem Kunststoff sie gefertigt wurde. Sie muss aus den 1960er Jahren sein, ich werde das gleich mal recherchieren…

Wildwechsel im Schrank

Es wird Herbst, die Sommersachen müssen raus aus dem Kleiderschrank. Zeit, die verschiedenen Stücke durchzusehen. Können die vielleicht weg? Dann, plötzlich: Das würde bestimmt *** (meine persönliche Großfeindin) gut stehen. – Was!? Meine Kleider für doofe Leute? Da kann ich ja gleich… Joseph Brodsky nennt es „ein Gebot der Vorsicht“, die eigene Garderobe zu prüfen, um zu sehen, welche Kleidungsstücke einem Fremden passen würden: „Sie werden überrascht sein, wieviele Dinge, die Sie als gut und als Ihnen gehörig betrachten, ohne große Änderungen Ihrem Feind angemessen wären.“ – Soll sie doch im Winter mit meinem Sommerkleid herumlaufen! – ? – Entschuldigung. Vielleicht sollte ich meine Garderobe ändern? Nicht mehr – aus Bequemlichkeit – casual gehen, sondern wilde Kleider tragen für weniger Zustimmung? Zum Nachlesen: Joseph Brodsky, Rede zur Abschlussfeier, in: Flucht aus Byzanz.

Draußen regnet es (Berlin)

Er malte für den König – meist über Wochen, an einem Bild. Sie sagte einmal, „ich bin nicht Cézanne“. Sie trank zu viel, wie ihr Vater. Beide suchten in ihren Leben nach Kunst. Von Jean Baptiste Chardin sind ca. 200 Gemälde überliefert. Doch ist Vorsicht geboten, denn er kopierte sich gerne selbst. Joan Mitchell gilt als Vertreterin des Abstrakten Expressionismus. Beide malten die meiste Zeit in Paris. Cézanne sagte über Chardin: „Seine Malerei ist einzigartig. Er setzt die Farben nacheinander auf die Leinwand, fast ohne sie zu vermischen.“ Joan Mitchell beobachtete die Lichtverhältnisse: „Wenn es mit Tageslicht läuft“, so sagt sie in einem Interview, „dann geht alles.“ – Zu gerne würde ich einmal ihre Bilder nebeneinander sehen.

„Ich sagte: grau – gestern…“

Und ich bin längst nicht die erste, die das schreibt, denn es handelt sich (die Anführungsstriche rufen es laut aus!) tatsächlich um ein Zitat. Rainer Maria Rilke beginnt mit diesem Satz einen Brief vom 24. Oktober 1907 an seine Frau. Und es ist keineswegs das Grau des Alltags, auf das er noch einmal zurückkommt, sondern das Grau in den Bildern Cézannes, die er für einige Wochen in Paris gesehen hat, täglich, denn er konnte überhaupt nicht genug bekommen. Seine Überraschung (unter vielen): Cézanne malt kein Grau, denn da, wo es grau aussieht, ist etwas anderes: „Seinem (Cézannes) immens malerischen Blick bestand (das Grau) nicht als Farbe: er kam ihm auf den Grund und fand es dort violett oder blau oder rötlich oder grün.“ (Weiterzulesen in: Rainer Maria Rilke, Briefe an Cézanne, Insel Taschenbuch 672, Frankfurt/M. 1952). Rilke kannte sein eigenes Grau, und der Leser oder die Leserin seiner Briefe muss eine große Geduld (oder gar Freude) aufbringen ob seiner ausführlichen Beschreibungen des Regens, der in jenem Herbst auf Paris niederging.

Göteborger Vogeldame

Der Alltag, aus dem das Foto stammt, ist schon über eine Woche her und war in Wahrheit ein Ferientag. Aber was heißt das schon? Es ist eh alles eins – same, same, but different –  für eingefleischte Alltagsmenschen = ein Thema, das hier noch zu streifen wäre, aber erst mal zurück zu der Vogeldame, die da, seit Jahren schon ausgehfertig (und keineswegs „ausgefertigt“, wie der Texteditor gerne hätte) in der Vitrine steht. So hinreißend, dass ich sie sofort mit in die Oper genommen hätte. Die aber an dem Tag noch geschlossen hatte. Spielzeit ist dort erst seit diesem Montag wieder Alltag. Was ich für den Alltag mitnehme? Ein Lächeln. Und den Imperativ „Ausgehfertig“!