Wenn das Leben nachts aus der Gegenwart fällt…

gibt es Gelegenheit, diejenigen wieder zu sehen, die abhanden gekommen sind. Auch hier hilft kein Kompass und kein Wollen. Es scheint, als kämen sie nach eigenem Gusto, und selten, denn die Wege, die sie zurücklegen, sind endlos und weit verzweigt, wer weiß schon, wo sie unterwegs sind, auf der Erde ist immerzu Nacht. Emanuel kam heute, am frühen Morgen, ich konnte ihn nicht sehen, denn es war eigentlich nur die Nachricht, dass er kommen würde, am dritten, die mir zugetragen wurde, und dass wir das Zimmer für ihn bereiten sollten. Ich war glücklich noch beim Aufwachen.

Kaninchen sind ja auch keine unterentwickelten Hasen.

„Ich hasse es aus ganzem Herzen, eine Frau zu sein“, schreibt sie vor ihrer zweiten Reise nach Afrika im Dezember 1895. Mary Kingsley war da jedoch nicht mehr nur Frau, sondern auch Waise und unverheiratet (das hatte sie ihren Eltern abgerungen), was sie vor einem klassischen Frauenleben ihrer Zeitgenossinnen – strickend und putzend bis ans Lebensende – bewahrte. Denn ihr Vater war Leibarzt des Earl of Pembroke gewesen und hatte ihr ein ordentliches Vermögen hinterlassen. Was sie als Dreißigjährige allerlei Konventionen enthob, und sie dafür entschädigte, dass eben dieser Vater ihr früher nicht mal eine Schulbildung hatte zukommen lassen (sie war in allem Autodidaktin, zum Glück besaß der Vater eine umfangreiche Bibliothek).

Sie reist mit Handtasche, Stiefeletten, Blusen, einer gehörigen Menge Chinintabletten, Wörterbuch, Hut und Sonnenschirm. Das Britische Museum unterstützt sie großzügig, wer die erste Reise ins Malariagebiet unbeschadet überstanden hatte, kann schließlich wichtige Exponate liefern. Tatsächlich bringt sie Süßwasserfische aus dem Kongo und dem Ogowe nach England, die dort kein Wissenschaftler kennt. War sie bis zum Erreichen der Flüsse noch auf bekannten Pfaden gereist, betritt sie nun ein Europäern noch unbekanntes Land. Sie fährt – und darauf ist sie stolz – mit langem Wollrock Kanu und sieht Dinge, die es wert sind, gesehen zu werden, wie sie schreibt. Sie reist übrigens ohne Waffen, obwohl sie sich der Gefahr, schutzlos in fremdem Territorium unterwegs zu sein, bewusst ist. Mit dem kannibalischen Volk der Fang lebt sie eine Weile. Ihre Wertschätzung der indigenen afrikanischen Menschen begründet und wiederholt sie in ihren Publikationen ausdrücklich (hier kommt es auch zu dem Kaninchen-Zitat, gegen das Vorurteil, Schwarze seien unterentwickelte Weiße). Während ihrer dritten Reise stirbt sie, nicht wie von ungefragten Männern vorhergesagt an Fieber, sondern an Typhus in einem Kriegsgefangenenlager in Simonstown bei Kapstadt, wo sie als Krankenschwester aushilft. Sie hatte acht Jahre in Freiheit gelebt und Frauen ihres Landes gezeigt, dass eine Existenz auch jenseits des Putzeimers möglich ist. Herzlichen Glückwunsch, Mary Kingsley! Insekten brachte sie ebenfalls mit von ihren Expeditionen. Die auf dem Foto sind allerdings nicht aus dem British Museum, sondern aus dem Berliner Museum für Naturkunde.

Dass jeder immerfort darauf sinne, Nützliches mitzuteilen

wünschte schon der Romancier Chrétien de Troyes im 12. Jahrhundert, wörtlich: „que reisons est que totevoies, doit chascuns panser et antandre a bien dire et a bien aprande“, dass jeder immerfort darauf sinne und sich befleißige, Gutes zu reden und Nützliches mitzuteilen.

Denn vieles sei mehr wert, als man denke, und es sei nicht klug gehandelt, eigenes Wissen nicht weiterzugeben. Das klingt nicht nur modern, sondern auch menschenfreundlich. Wer hat sich nicht schon in der Schule über diejenigen geärgert, die niemanden unter keinen Umständen abschreiben ließen!? Ach, hätte man damals schon altfranzösische Romane gelesen! Zu dem guten Argument gegen die Mäuerchen um ihre vollgeschriebenen Hefte bauenden Streber hätte sich Wissen um das korrekte Anlegen der Turnierrüstung oder die Tugenden allgemeiner Höflichkeit gesellt. Aber Obacht! Chrétien de Troyes war eben kein Philosoph oder gar Ratgeberschreiber, sondern Romancier. Was auf seinen frommen Wunsch folgt, ist eine wilde Helden- und Liebesgeschichte zwischen Erec und Enide, nichts anderes als Sex and Crime und also hatte er sich vorab zu versichern, dass nur wer schweige, selbst über scheinbar wertlose Geschichten, sich schuldig mache… Denn wie bitte sonst hätte er den Vortrag einer solchen Räuberpistole verantworten sollen? Wer übrigens Spass an Räuber- und Abenteuergeschichten hat, dem sei dieser erste Artus-Roman ans Herz gelegt, herausgegeben u.a. – und hier zitiert nach Reclam jr., Stuttgart.

Ich bin dann mal weg…

ist keineswegs eine moderne Idee. Eine Auszeit zu nehmen, dieser Wunsch hat Tradition. Doch gehört eine große Portion Mut dazu, die längst nicht alle aufbringen. Goethe hatte genug Mumm, eine Italienreise anzutreten, zu Zeiten, in denen längere Urlaube keineswegs vorgesehen waren. Einen geordneten Rückzug aus seinem Alltag bekam er nicht hin. Er verschwand bekanntermaßen bei Nacht und Nebel. 17 Jahre vor ihm war sein Freund und Mentor Johann Gottfried Herder auf Reisen gegangen, weil er sein Hilfslehrer- und Hilfspfarrerleben in Riga, so gut es sich auch anging, nicht mehr ertrug. Anders jedoch als Goethe war dieser Abgang vorbereitet: Herder hielt seine offizielle Abschiedspredigt am 23. Mai 1769 und stach acht Tage später in See. Mit einem mulmigen Gefühl, schon vermisst er alle Freunde und Bekannten im Voraus und grämt sich über die vielen Möglichkeiten, die er in seinem bisherigen Leben ungenutzt hat verstreichen lassen. Aber als er das Schiff betritt, fühlt er sich befreit:

„Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis! Das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke, der weite unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen todten Punkt angeheftet; und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen (… in ein) Einerlei von Beschäftigungen, in welche uns Gewohnheit und Anmaßung stossen.“

Der Appell – Herder hat nach dieser Reise einen Bericht über dieselbe verfasst: „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, nachzulesen z.B. im Gutenberg-Projekt.de – der Appell geht dahin, Bücher, Schriften, Beschäftigung und die bekannten Gesichter einmal loszulassen, um die Nase in den Wind zu halten. Aber Achtung! Die Sache mit der luftigen Freiheit hat einen Haken: „…sie kostet Thränen, Reue, Herauswindung aus dem Alten, Selbstverdammung!“ Dennoch blieb er zeitlebens dabei: Packen Sie die Koffer!, „jedes Datum heißt Handlung.“

Ob Fische gerne sprechen würden,

werden wir wohl nie erfahren, denn sie würden die Frage – wenn ich Herrn Dr. Bartsch vom Berliner Museum für Naturkunde richtig verstanden habe – so schnell wie möglich vergessen oder verdrängen. Nachdenken ist nämlich nicht so ihr Ding. Wir unsererseits sind übrigens gar nicht so viel weiter als mancher Fisch, was die Herkunft angeht (Nachdenken ist zwar auch nicht jedermanns Ding, aber zumindest möglich): Es gibt längst wesentlich aktuellere Modelle als den Menschen, den Kugelfisch zum Beispiel, der sowohl in Süß- wie auch in Meeresgewässern sein Wesen treibt, propellernd, plusternd (der Kugelfisch nämlich macht sich gerne größer als er ist – was wiederum viele Menschen nur zu gut verstehen) und an Schnecken und anderen kleinen Lebewesen knuspernd. Der Mensch dagegen, und das erkennt der Fischexperte sofort, ist auf die wesentlich urtümlicheren Knorpelfische zurückzuführen: klar daran zu erkennen, wie weit Arme und Beine (Bauch- und Rückenflossen) voneinander entfernt sind. Knorpelfische? Genau, Haie zum Beispiel! Und jetzt wundern Sie sich, wo Ihre spitze Rückenflosse geblieben ist? Ein schönes Wochenende!

Heiraten – nicht heiraten

„Einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler“ mag denken, wer die Notizen des jungen Darwin zu dieser Frage liest. Wenn er nicht heirate, könne er nach Abschluss seiner Arbeiten reisen oder den großen Text über die Vererbung der Arten angehen. Wenn er heirate, seien dagegen die Mittel beschränkt und er käme sofort in die miesliche Lage, für Geld arbeiten zu müssen. Als Single könne er sich dagegen ein kleines Haus am Regent Park leisten, sogar Pferde halten und auf Sommerexkursionen (wenn schon nicht auf Reisen) gehen. Als Ehemann hätte er dagegen ständige Gesellschaft, möglicherweise Kinder: „besser als ein Hund“ – ! Und: „stell dir vor, den ganzen Tag allein in rauchigem schmutzigem Londoner Haus zu leben“ – Der Zeitverlust? Dafür eine nette sanfte Frau auf dem Sofa, ein gutes Feuer im Kamin, die Annehmlichkeiten von Musik und weiblichem Geplauder…

Ein Jahr nach diesem peniblen Für-und-Wider heiratete Darwin seine Cousine Emma Wedgewood. Gemeinsam hatten sie genug Vermögen, um Darwin ein Leben als Privatier zu sichern. An Stelle des Hundes leisteten sie sich (wenn ich richtig gezählt habe) zehn Kinder. Das Buch über die Vererbung der Arten hat Darwin am Ende doch noch geschrieben, dafür aber nicht mehr lange in London gelebt. Ein gutes Leben. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Peter und Lisa!

AGB, die zweite

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ – Diesen ersten Satz habe ich gestern von meinen Erledigungen mit nach Hause gebracht. Zusammen mit den Himbeeren, dem Brokkoli und den übrigen dazugehörigen Sätzen, denn auch das ist neu in der AGB, dass man dort für zwei Euro für zwei Wochen Neuerscheinungen ausleihen kann. Und der letzte Satz? „Macht einem manchmal Angst: Die Natur“ – er steht allerdings im Nachspann und bezeichnet das Titelbild des Buchs. Wolfgang Herrndorf, Bilder deiner großen Liebe, Berlin 2014.

Das Foto ist letztes Jahr auf der Hohe Straße in Köln entstanden. Macht einem auch manchmal Angst, das Gehetze in deutschen Einkaufszentren…

Nudeln, Himbeeren, Brokkoli, Vanilleeis, AGB

Sie ist ein Geschenk des Himmels, auch wenn es in den Annalen und nicht zuletzt in ihrem Namen – durchaus korrekt – anders notiert ist. Heute steht sie auf meinem Einkaufs- und Erledigungszettel, wie an vielen anderen Tagen auch: Die Amerika-Gedenkbibliothek eine Lieblingsbibliothek zu nennen, greift viel zu kurz. Sie ist Ankerpunkt an trüben Tagen, Schatzkammer, kürzester Weg zur Fachliteratur (natürlich nicht immer), Treffpunkt, Café (seit neustem), Überraschungsei. Hier ist gut durchatmen, auch wenn es muffig ist, vor allem im Winter, wenn alle mit ihren nassen Schuhen über den Teppichboden laufen (der ist allerdings seit kurzem wegrenoviert, das wird also besser werden). Dass der damalige US-amerikanische Außenminister Dean Acheson zur Einweihung kam, zeigt, wie hoch das Haus  und seine Bedeutung für die Stadt von Anfang an eingeschätzt wurde: Eine Bibliothek, die für Freiheit steht, eine unaufgeregte, kleine persönliche Freiheit, die sich jeder auf seinen Erledigungszettel schreiben kann, jederzeit: „die Freiheit zu lernen, zu studieren, die Wahrheit zu suchen“, wie es Acheson – wesentlich anspruchsvoller – zur Grundsteinlegung formulierte.

Nein, es schneit noch nicht in Berlin. Das ist ein Foto vom letzten Winter, wo es noch müffelte drinnen – außerdem haben wir ja gerade fast Vollmond: heute sind, wenn keine Wolken, 97% vom Mondgesicht sichtbar!

Guten Morgen, Montag!

Der Alltag hat uns wieder, nach einem langen Feiertagswochenende. Noch ein Montag, der die Tür öffnet für einen Haufen von Alltagen, die, im schlimmen Fall gleichförmig verstreichen, einer wie der andere. Erst die Historiker des 20. Jahrhunderts entdeckten den Alltag als Forschungsgebiet. Hier klingt der Befund anders. Golo Mann schreibt begeistert von dem „wirklichen Leben, in der Breite, so wie es sich selbst darstellt“, von dem „bunten“ Leben wie von einem unversiegbaren Füllhorn für die Wissenschaftler. Wer am Fuße eines Montags steht, mag die dem Alltag symptomatische (oder zumindest zugesprochene) Abwesenheit des Besonderen fürchten. Alltagshistoriker wendeten die Perspektive. Für sie ist jeder einzelne Mensch Subjekt. Schon die Romantiker wollten vom „langweiligen Alltagsgewäsch“ nichts hören. Friedrich Schlegel ging – so jedenfalls ist es überliefert – als Schüler morgens auf Umwegen zur Schule, auf der Suche nach dem Besonderen im Alltäglichen. „Nichtsahnend ging ich aus dem Haus, als plötzlich…“ Einen guten Start in die Woche!

Herzlichen Glückwunsch, Denis!

6.000 Artikel schrieb das heutige Geburtstagskind für die Encyclopédie, deren Herausgeber er war. Darunter auch das Lemma Tier, das mit der Frage beginnt: „Was ist ein Tier?“ und der Zuordnung des Begriffs unter gleich mehrere Kategorien: Verstand, Vernunft, Philosophie oder Wissenschaft, Naturwissenschaft, Zoologie. Auch bei anderen Begriffen kam er auf das Verhältnis von Tier und Mensch zurück, wie bei dem Artikel zum Intellekt:

„(…) Der Intellekt ist dem Menschen & dem Tier gemeinsam; der Wille ebenfalls. Der Intellekt des Tieres ist beschränkt, der des Menschen dagegen nicht. Der Wille des Tieres ist nicht frei; der Wille des Menschen ist frei. Der Mensch ist vernünftiger, das Tier empfindlicher. Wenn der Mensch nicht empfindet, kann er nachdenken; wenn das Tier nicht empfindet, kann es nicht nachdenken, sondern schläft.“ Diderot (aus: Die Welt der Encyclopédie. Frankfurt/M. 2001. S. 180.)