meine hängt gerade durch wie diese weiße Tulpe im Baum. Woher nehmen? Wie ein Mantra sage ich mir vor: Es ist nicht nur Alltag, es ist auch Dein Leben. Und nein. Kein Spass. Einfach nur etwas mehr Karacho. Welche Freiheit nehme ich mir? Welche unangenehme Sache kann ich angehen (ich kenne doch das tolle Gefühl, wenn das erledigt ist!)? Wem eine Freude machen? Wo meine Nase reinstecken? Erst mal was Naheliegendes machen. In der Hoffnung, dass daraus eine Startbahn für den Tag wird…
Etwas nicht (nie) können
Ich habe gestern in der ZEIT einen Artikel über eine Amerikanerin gelesen, die seit 30 Jahren ohne wesentlichen Erfolg surft. Der Sport ist ihr Hobby. Die Geschichte wäre nicht der Rede Wert, wenn – ich meine, wir kennen alle diese Hobby-Künstler*innen, Sportler*innen, Sänger*innen, Autor*innen, die im Grunde nicht aus dem Knick kommen mit ihrem Freizeitvergnügen und stoisch auf niedrigstem Niveau weitermachen. Und eben. Ich gehöre dazu. Alles, was ich je in der Freizeit gemacht habe, scheiterte. Ich bin nie wirklich gut in etwas geworden. Es blieben Misserfolge auf der ganzen Linie. Mich hat das schon öfter beschäftigt. Auch, dass mich die Misserfolge zwar unmutig gemacht haben, aber nie wirklich entmutigen konnten. Es war eher so, als habe ich hier und da meine Nase mal reingesteckt, um zu sehen, was alles geht (halt ohne mich).
In dem Artikel ging es dann tatsächlich noch um mehr, nämlich die Frage, warum wir oft denken, wir müssten gut in etwas sein. Warum wir immer etwas können sollen. Wie oft musste ich mir anhören, es liege ja nur an mir, etwas zu lernen. Und meine Einwände, dass ich nun mal nicht handarbeiten kann oder dass mir eine Fahrradreparatur zur Katastrophe wird, wurde mit dem Einwand weggewischt, dann hätte ich mich eben nicht genug angestrengt. Man könne schließlich alles lernen.
Nein, sage ich jetzt. Ich kann nicht alles lernen. Es gibt Begabungen. Nicht, dass ich mich auf Ausreden verlegen will. Ich kann nämlich auch nicht gut putzen. Aber ich weiß, dass ich dranbleiben werde.
Der entscheidende Punkt ist aber der: Ich kann etwas nicht können, und trotzdem Spass daran haben. Weil alles, was ich versuche, Horizonte öffnet. Oder mich und meine grauen Zellen in Bewegung setzt. Ich fotografiere weiter lausig, und oft mit zweifelhaften Ergebnissen (s.o.). Aber es bleibt ein Spass, den ich nicht missen möchte, vor allem jetzt, wo die Sonne lacht. Und ihr so? Habt ihr Hobbies? Doch, ja, würde mich interessieren.
Tod und Hoffnung
Im Grunde wiederholt sich diese Vorstellung jedes Jahr, wenn auch, wie es scheint, jedes Jahr ein bisschen früher: die Wiederkehr des Lebendigen nach den dunklen Wintermonaten. Früher fand ich es schön. Mittlerweile greift mich dieses neue Wachsen tiefer an. Als Trost. Und als ein Frohsein, das über mich hinausgeht. Mir steht auch Hölderlins Begeisterung für den Frühling klarer vor Augen – oder ja, eher vor dem Herzen. Diese Hoffnung auf einen Neustart. Für die Welt und auch für mich selbst. Gerade Hölderlin jedoch zeigt, wie Verzweiflung greift, wenn einem der Frühling egal wird. Dann ist Natur eben doch nur noch ein Rad, das leerläuft.
Neben allen eigenen Problemen.
Absolute Beginners
Wenn nicht mehr viel geht: etwas Neues anfangen. Wenn ich zurück blicke, habe ich oft zu diesem Strohhalm gegriffen. Und auch, wenn ich längst kein Allroundgenie geworden bin: hier und da mal reingeschnuppert zu haben, war nie verkehrt. Seit letztem Jahr bin ich Senioren-Balerina. Nein: Spitzentanz wird nicht mehr drin sein. Aber ich lerne Haltung, wo ich in den letzten Wintermonaten lieber formlos auf dem Sofa gelegen hätte.
Jetzt aber bin ich einem alten Traum auf der Spur: Fotografieren. Ich habe immer mal wieder intensive Zeiten gehabt. Dann alles wieder schleifen lassen und von vorne. Was ich nie gemacht habe: irgendetwas zu lernen. Das war, wenn man so will, alles doch eher „freihändig“. Eben auch, weil ich den Zufall liebe. Und eben auch darauf setze. Vielleicht ist diese alte Liebe doch größer und hätte ein bisschen mehr Engagement verdient. Mal sehen. In den Fingern juckt es mich zumindest…
Was mir nicht gut tut
Zu den festen Glaubenssätzen zeitgenössischer Großstadtbewohner*innen gehört der von der permanenten Reizüberflutung. Er besagt, dass wir täglich und auch nachts von abertausenden Reizen überflutet werden, und deshalb so gestresst sind, müde, grau und unausgeglichen. Regelmäßige Ratschläge ziehlen auf Entschleunigung, auf Wellness und alles, was uns gut tut. Ganz so, wie ich heute in einer Artikel-Überschrift las: Einen klaren Kopf behalten, indem man alles ausblendet, was einem eben „nicht gut tut“.
Echt jetzt?
Wir armen überzivilisierten Wesen haben es natürlich oft nicht leicht. Alles bunt, schnell und laut. Geschenkt. Wirksamstes Gegenmittel ist oft kurz die Augen zu schließen. Geht nicht immer. Hilft aber sofort. In der nächsten Nebenstraße ist meist auch schon gleich ruhiger. Zu Fuß gehen kann helfen, auch abends zu Hause bleiben. Aber nur noch das reinlassen, was mir gut tut?
Ich halte solche Ratschläge für schlimmste Gehirnwäsche. Denn erstens weiß ich gar nicht, was mir gut tut. Ich messe meist nur die aktuelle Befindlichkeit. Und die ist schneller verflogen, als ich gucken kann. Und es gibt ja immer wieder diese plötzlichen Zusammenstöße mit unangenehmen Tatsachen, Menschen oder Dingen, die einen ebenso plötzlich Einsichten bescheren, die uns vielleicht erst im Laufe der Zeit froher, weil gegenwärtiger machen. Oder uns auf Missstände hinweisen, die wir – zumindest für einen Moment – auflösen können (und wenn wir nur Trost spenden).
Könnte es sein, dass ich, statt mich zu fragen, was mir gut tut, einfach mal überlegen sollte, was ich gutes tun kann. Nicht um auf einen Heiligenschein zu spekulieren, sondern um mich selbst ans Ruder zu lassen, statt stets nur abzuwehren, was da auf mich zukommt. Ich habe mal wieder einen langen Arbeitstag, mal sehen, ob es funktioniert.
Wie hält man eine Freundschaft am Laufen?
Indem man sich viel zumutet.
Musik hören
Man könnte meinen, man wisse schon, wie das geht. Musik hören wir tatsächlich häufig, manchmal ungefragt, in Cafés, Geschäften oder sonst irgendwo unterwegs. Oder absichtlich zu Hause oder quasi noch absichtlicher, abends, im Konzert.
Gestern habe ich zum ersten Mal Schönbergs „Pierrot lunaire“ gehört. Eher zufällig, oder sagen wir spontan, ich kam von der Arbeit und und habe mir den Luxus eines Konzerts mitten in der Woche geleistet. Und dann ging es schon los. Und ich, ja. Huch. Wie jetzt? Ich meine, man kann ein Konzert ja nicht anhalten. Da lief es an, ich dachte immer noch „Moment mal!“ und hetzte dem, was ich hörte, hinterher. Das geht natürlich nicht besonders gut. Den Anfang hatte ich also schon mal verpasst.
Und dann? Ist mir was aufgefallen. Ich kann so oder so hören. Oder noch ganz anders. Aber gestern konnte ich plötzlich wechseln zwischen „ganze Sequenzen“ hören, oder immer nur die gerade gespielten Töne. Also so, als wenn ich die Partitur entweder horizontal oder vertikal wahrnemen würde. Und ja. Vertikal war dann einfacher, Schönbergs Musik ist in „Pierrot lunaire“ extrem verdichtet, verschachtel, da fällt es einer Nicht-Musikerin leichter, in kleinen Sequenzen zu bleiben, als große Bögen zu verfolgen. Es war anstrengend. Aber ein großer Gewinn. Ein ausdrückliches Hurra an Tabatha McFadyen, die einfach sensationell gesungen hat. Eine, wie es unter Sänger*innen heißt, eigentlich unsingbare Partitur.
Persönlich, nicht privat
Ich werde immer mal wieder gefragt, ob es nicht gewagt sei, private Dinge im Blog zu schreiben. Als Freiberuflerin kann es schließlich heikel werden, wenn zuviel aus dem eigenen Leben öffentlich wird. Ich erinnere mich, dass ich gerade am Anfang gar nicht so recht etwas mit der Frage anfangen konnte. Weil ich meine Blogbeiträge nicht besonders privat fand. Klar, wer aus dem Alltag schreibt, kann am ehesten aus dem Eigenen berichten. Das ist für das Thema der größte Fundus (Glück für die, die noch große Familien um sich haben und an mauen Tagen auch mal aus dem Alltag der Kinder oder der Geschwister etwas angeln können…)
Ich habe dann regelmäßig größere Strecken der Beiträge gelesen und fand jedesmal, dass es o.k. war. Natürlich habe ich gute und schlechte Tage. Es gibt Reisen, Enttäuschungen, Überraschungen. Aber nix, was mich in irgendeiner Form exponiert.
Doch das kommt nie so richtig an. So zumindest mein Eindruck. Um so mehr freue ich mich, dass ich in einem youtube-Video von „hotel matze“ (und herzlichen Dank an Elisabeth für den Tip) in einem Interview Wim Wenders folgendes habe sagen hören (und sehen), was das, was ich meine, genau auf den Punkt bringt:
„Das Persönliche ist mir nicht heilig. Das Persönliche ist das Material, mit dem ich arbeite. Da sind meine Wurzeln drin. Das kann ich offen legen und damit kann ich Geschichten erzählen. Das kann ich zu was machen. Das Private ist eher Unfug… Das Private ist a priori eigentlich uninteressant.“
Sprechen, sprechen, sprechen
Gestern, nach dem Einkaufen, lief ich mit schweren Tüten bepackt hinter einem Vater mit Tochter her. Weil wir eine Weile denselben Weg hatten, hörte ich einen Teil ihrer Unterhaltung. Es ging um Austausch, der Vater benutzte das Wort „Kommunikation“, was vielleicht das einzige Wort in der Unterhaltung war, das ich monieren würde. Aber er sagte sehr wichtiges, das so naheliegend ist und leider immer wieder vergessen wird: wir müssen sprechen, um gehört und vor allem, um verstanden zu werden.
Ich habe lange gebraucht, um diesen Zusammenhang zu begreifen. Weil ich eigentlich immer davon ausgegangen bin, dass jede und jeder mich lesen kann wie ein offenes Buch. Das geht mir oft heute noch so: ich halte mein Verhalten für so klar- und durchsichtig, dass ich gar nicht auf die Idee komme, dass ein Gegenüber mich missverstehen könnte.
Von wegen. Und, das ist vielleicht noch überraschender: Wenn ich mich dann erkläre, komme auch ich dahinter, dass ich manches gar nicht so genau sagen kann. Womit wir bei Selbstgesprächen sind, die so manches Mal so einige klären helfen. Und übrigens ein toller Motivator sind. Für mich jedenfalls.
Will sagen: Sprecht mal mehr aus. Vieles vielleicht wirklich nur für euch. Zum Beispiel auch, wie es euch jetzt gerade geht. Das kann Horizonte öffnen. Und sagt vor eurem Geburtstag, was ihr euch wünscht. Das muss ja nicht als To-Do-Liste kommuniziert (!) werden.









