Absolute Beginners

Wenn nicht mehr viel geht: etwas Neues anfangen. Wenn ich zurück blicke, habe ich oft zu diesem Strohhalm gegriffen. Und auch, wenn ich längst kein Allroundgenie geworden bin: hier und da mal reingeschnuppert zu haben, war nie verkehrt. Seit letztem Jahr bin ich Senioren-Balerina. Nein: Spitzentanz wird nicht mehr drin sein. Aber ich lerne Haltung, wo ich in den letzten Wintermonaten lieber formlos auf dem Sofa gelegen hätte.

Jetzt aber bin ich einem alten Traum auf der Spur: Fotografieren. Ich habe immer mal wieder intensive Zeiten gehabt. Dann alles wieder schleifen lassen und von vorne. Was ich nie gemacht habe: irgendetwas zu lernen. Das war, wenn man so will, alles doch eher „freihändig“. Eben auch, weil ich den Zufall liebe. Und eben auch darauf setze. Vielleicht ist diese alte Liebe doch größer und hätte ein bisschen mehr Engagement verdient. Mal sehen. In den Fingern juckt es mich zumindest…

Was mir nicht gut tut

Zu den festen Glaubenssätzen zeitgenössischer Großstadtbewohner*innen gehört der von der permanenten Reizüberflutung. Er besagt, dass wir täglich und auch nachts von abertausenden Reizen überflutet werden, und deshalb so gestresst sind, müde, grau und unausgeglichen. Regelmäßige Ratschläge ziehlen auf Entschleunigung, auf Wellness und alles, was uns gut tut. Ganz so, wie ich heute in einer Artikel-Überschrift las: Einen klaren Kopf behalten, indem man alles ausblendet, was einem eben „nicht gut tut“.

Echt jetzt?

Wir armen überzivilisierten Wesen haben es natürlich oft nicht leicht. Alles bunt, schnell und laut. Geschenkt. Wirksamstes Gegenmittel ist oft kurz die Augen zu schließen. Geht nicht immer. Hilft aber sofort. In der nächsten Nebenstraße ist meist auch schon gleich ruhiger. Zu Fuß gehen kann helfen, auch abends zu Hause bleiben. Aber nur noch das reinlassen, was mir gut tut?

Ich halte solche Ratschläge für schlimmste Gehirnwäsche. Denn erstens weiß ich gar nicht, was mir gut tut. Ich messe meist nur die aktuelle Befindlichkeit. Und die ist schneller verflogen, als ich gucken kann. Und es gibt ja immer wieder diese plötzlichen Zusammenstöße mit unangenehmen Tatsachen, Menschen oder Dingen, die einen ebenso plötzlich Einsichten bescheren, die uns vielleicht erst im Laufe der Zeit froher, weil gegenwärtiger machen. Oder uns auf Missstände hinweisen, die wir – zumindest für einen Moment – auflösen können (und wenn wir nur Trost spenden).

Könnte es sein, dass ich, statt mich zu fragen, was mir gut tut, einfach mal überlegen sollte, was ich gutes tun kann. Nicht um auf einen Heiligenschein zu spekulieren, sondern um mich selbst ans Ruder zu lassen, statt stets nur abzuwehren, was da auf mich zukommt. Ich habe mal wieder einen langen Arbeitstag, mal sehen, ob es funktioniert.

Musik hören

Man könnte meinen, man wisse schon, wie das geht. Musik hören wir tatsächlich häufig, manchmal ungefragt, in Cafés, Geschäften oder sonst irgendwo unterwegs. Oder absichtlich zu Hause oder quasi noch absichtlicher, abends, im Konzert.

Gestern habe ich zum ersten Mal Schönbergs „Pierrot lunaire“ gehört. Eher zufällig, oder sagen wir spontan, ich kam von der Arbeit und und habe mir den Luxus eines Konzerts mitten in der Woche geleistet. Und dann ging es schon los. Und ich, ja. Huch. Wie jetzt? Ich meine, man kann ein Konzert ja nicht anhalten. Da lief es an, ich dachte immer noch „Moment mal!“ und hetzte dem, was ich hörte, hinterher. Das geht natürlich nicht besonders gut. Den Anfang hatte ich also schon mal verpasst.

Und dann? Ist mir was aufgefallen. Ich kann so oder so hören. Oder noch ganz anders. Aber gestern konnte ich plötzlich wechseln zwischen „ganze Sequenzen“ hören, oder immer nur die gerade gespielten Töne. Also so, als wenn ich die Partitur entweder horizontal oder vertikal wahrnemen würde. Und ja. Vertikal war dann einfacher, Schönbergs Musik ist in „Pierrot lunaire“ extrem verdichtet, verschachtel, da fällt es einer Nicht-Musikerin leichter, in kleinen Sequenzen zu bleiben, als große Bögen zu verfolgen. Es war anstrengend. Aber ein großer Gewinn. Ein ausdrückliches Hurra an Tabatha McFadyen, die einfach sensationell gesungen hat. Eine, wie es unter Sänger*innen heißt, eigentlich unsingbare Partitur.

Persönlich, nicht privat

Ich werde immer mal wieder gefragt, ob es nicht gewagt sei, private Dinge im Blog zu schreiben. Als Freiberuflerin kann es schließlich heikel werden, wenn zuviel aus dem eigenen Leben öffentlich wird. Ich erinnere mich, dass ich gerade am Anfang gar nicht so recht etwas mit der Frage anfangen konnte. Weil ich meine Blogbeiträge nicht besonders privat fand. Klar, wer aus dem Alltag schreibt, kann am ehesten aus dem Eigenen berichten. Das ist für das Thema der größte Fundus (Glück für die, die noch große Familien um sich haben und an mauen Tagen auch mal aus dem Alltag der Kinder oder der Geschwister etwas angeln können…)

Ich habe dann regelmäßig größere Strecken der Beiträge gelesen und fand jedesmal, dass es o.k. war. Natürlich habe ich gute und schlechte Tage. Es gibt Reisen, Enttäuschungen, Überraschungen. Aber nix, was mich in irgendeiner Form exponiert.

Doch das kommt nie so richtig an. So zumindest mein Eindruck. Um so mehr freue ich mich, dass ich in einem youtube-Video von „hotel matze“ (und herzlichen Dank an Elisabeth für den Tip) in einem Interview Wim Wenders folgendes habe sagen hören (und sehen), was das, was ich meine, genau auf den Punkt bringt:

„Das Persönliche ist mir nicht heilig. Das Persönliche ist das Material, mit dem ich arbeite. Da sind meine Wurzeln drin. Das kann ich offen legen und damit kann ich Geschichten erzählen. Das kann ich zu was machen. Das Private ist eher Unfug… Das Private ist a priori eigentlich uninteressant.“

Sprechen, sprechen, sprechen

Gestern, nach dem Einkaufen, lief ich mit schweren Tüten bepackt hinter einem Vater mit Tochter her. Weil wir eine Weile denselben Weg hatten, hörte ich einen Teil ihrer Unterhaltung. Es ging um Austausch, der Vater benutzte das Wort „Kommunikation“, was vielleicht das einzige Wort in der Unterhaltung war, das ich monieren würde. Aber er sagte sehr wichtiges, das so naheliegend ist und leider immer wieder vergessen wird: wir müssen sprechen, um gehört und vor allem, um verstanden zu werden.

Ich habe lange gebraucht, um diesen Zusammenhang zu begreifen. Weil ich eigentlich immer davon ausgegangen bin, dass jede und jeder mich lesen kann wie ein offenes Buch. Das geht mir oft heute noch so: ich halte mein Verhalten für so klar- und durchsichtig, dass ich gar nicht auf die Idee komme, dass ein Gegenüber mich missverstehen könnte.

Von wegen. Und, das ist vielleicht noch überraschender: Wenn ich mich dann erkläre, komme auch ich dahinter, dass ich manches gar nicht so genau sagen kann. Womit wir bei Selbstgesprächen sind, die so manches Mal so einige klären helfen. Und übrigens ein toller Motivator sind. Für mich jedenfalls.

Will sagen: Sprecht mal mehr aus. Vieles vielleicht wirklich nur für euch. Zum Beispiel auch, wie es euch jetzt gerade geht. Das kann Horizonte öffnen. Und sagt vor eurem Geburtstag, was ihr euch wünscht. Das muss ja nicht als To-Do-Liste kommuniziert (!) werden.

Ab jetzt –

Ich habe im Januar Geburtstag. Kaum sind die guten Vorsätze installiert – oder auch schon wieder vergessen – kommt die nächste Herausforderung. So zumindest empfinde ich es seit mindestens 10 Jahren, seit der Zeit, in der meine Jugend mehr und mehr in die Vergangenheit sinkt.

Ab jetzt werde ich alt. Was natürlich so nur halb stimmt. In gewisser Weise behalte ich die Hoheit über mein (gefühltes) Alter. Fast das Erste, was mir an meinem diesjährigen Geburtstag entgegen kam (das Erste war schöner Schnee auf den Bäumen) war ein Sarg. Eine Mitbewohnerin des Heims in dem auch mein Vater lebt, war in der Nacht gestorben. Ich dachte, ja, eigentlich passt es ganz gut, dass die Eltern, falls sie überhaupt noch leben, sich in der Zeit verabschieden, in der wir, die Kinder, selbst an der Schwelle des Alters stehen. So kann ich die Spanne ermessen, die mir auf der Welt noch bleibt (wenn kein Unfall oder eine schwere Krankheit dazwischen kommt), und ich kann mich mit meinem eigenen Tod schon einmal bekannt machen.

Es ist auch noch mal ein Anruf: Wenn du jetzt nicht die Dinge tust, die dir wichtig sind, wirst du sie verpassen.

Doch, es gab auch schöne Momente: Im Heim haben mir die Bewohner*innen ein Ständchen gebracht, im Büro hatten die Kolleg*innen Zeit für Kaffee und Kuchen und dann ging es erst zu einer und dann zu einer anderen Freundin, die mit mir den Nachmittag und den Abend teilten inklusive offener Gespräche und leckerem Essen. Denn hier kam schon der Vorsatz des Nicht-Tuns zum Einsatz: einmal keinen Geburtstag feiern, sondern den Tag so kommen lassen, wie er eben kommt. War schön. Und jetzt scheint in Berlin auch endlich mal wieder die Sonne. Was mir die ersten „alten Tage“ doch sehr verzaubert.

Meine große Herausforderung

Egal, wie ich es drehe und wende. Am Ende scheint mir meine größte Aufgabe immer wieder – und gegen alle Logik und alle Bemühungen – das Nicht-Tun zu sein. Ich schreibe ausdrücklich nicht „Nichtstun“, weil es in dem, was ich meine, eher um ein Geduldspiel geht, um die Notwendigkeit, einem Impuls nicht nachzugeben und statt dessen abzuwarten. Etwas nicht zu tun, obwohl es ansteht, macht in meinem Leben eher wenig Sinn. Denn es gibt weder Heinzelmännchen noch -mädchen, die sich erbarmen, und die Sachen für mich erledigen. Was aber eine immerwährende Herausforderung ist: Nichts zu tun, obwohl nix passiert und ich den dringenden Wunsch verspüre, irgendwas zu machen, damit dieser Stillstand endet. Und es wieder Grund zur Aktion gibt.

Nichttun hat ein schlechtes Image. Es wird mit Passivität gleichgesetzt. Oder mit Fantasielosigkeit. Mit Antriebsschwäche, Faulheit, mangelnder Energie, mangeldem Ehrgeiz oder Selbstvertrauen. Dabei ist Nichttun eben auch ein Verzicht auf Kontrolle. Und Mut, etwas Unerwartetem zu begegnen.

Deleuze spricht einmal davon, dass er sich „auf die Lauer legt“. Was vermutlich auch etwas von diesem Nichttun beinhaltet. Denn Nichttun ist eben auch eine Art aufmersamem Innehaltens. Wie wenn Hunde, Katzen oder Füchse scheinbar entspannt irgendwo sitzen, aber tatsächlich die Ohren in alle Richtungen gehen und die Nasen verdächtig zucken. „Auf Empfang gehen“, „Antennen ausfahren“ – wobei ich mir nicht wirklich vorstellen kann, welche Antennen ich überhaupt zur Verfügung habe.

Egal. Ich probiere das jetzt mal. Stillsitzen und lauern. To wait and to see. Ende erst einmal offen.

Wenn das mal immer so schnell ginge!

Da habe ich mich gerade bei WordPress gemeldet, dass ich nicht mehr auf meine Seite komme. Kaum ist die Beschwerde weg, geht es schon wieder. Wie schön. Doch weil ich mir nicht sicher bin, ob das Technikwunder bis heute Abend hält, schnell einen Berlin-Tip hier aus dem Büro. Uralt, aber trotzdem aktuell wie nix:

Lunchkonzerte in der Berliner Philharmonie.

Die gibt es tatsächlich schon eine gefühlte Ewigkeit. Anders als in der Ewigkeit finden sie aber heute mittwochs statt und nicht mehr dienstags. Der Einlass ist um 12:00. Mit der Musik geht es los um 13:00. Aber obacht! Es kommen viele. Erst um 13:00 zu kommen, kann also zu spät sein.

Die Idee ist so einfach wie genial. Es gibt Musik für umme – allerdings sind Spenden erwünscht (aktuell für UNICEF). Beim Hören kann gegessen werden (viele essen aber vorher – wer kann beim Kauen schon genau hinhören???) Die Preise für die angebotenen Gerichte liegen bei 10 Euro. Kinder sind gerne gesehen, sollten es aber schaffen 40 bis 45 Minuten still zu sein. Rumlaufen ist erlaubt. Für Menschen, die nicht mehr gut stehen können, gibt es ein paar Stuhlreihen. Ansonsten wird auf dem Boden gesessen. Oder rumgelaufen (was auch mal eine irre Erfahrung ist). Stehen geht natürlich auch.

Und was ist so toll an den Konzerten? Es gibt Musik mit Tageslicht! Es gibt Musik mitten im Alltag. Es spielen viele junge Leute, die man zum ersten Mal hören kann (natürlich kommen auch alte Hasen, aber da ist es meist besonders voll). Es gibt schöne und noch schönere Programme, und gerade so, dass alles noch in die Ohren passt und einen beschwingt zur Arbeit (oder nach Hause) zurück kehren lässt. Man kann, wenn man will, neue (musikinteressierte) Leute kennenlernen. Man kann danach gleich noch rüber ins Museum gehen oder im Tiergarten spazieren.

Was soll ich sagen? Probiert es aus, wenn Ihr in Berlin seid!

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