Trotzdem weitermachen

Eben – Baumkrone ab, aber weiter sprießen. Das fand ich neulich überzeugend, als ich im trüben Wetter meine Besorgungen machte. Es gibt gerade so viel, von dem ich denke, dass es schief hängt. Weggucken? Wegducken gar? Alternative Realitäten öffnen? Alkoholikerin werden? Oder am Brandenburger Tor kiffen?

Den ersten Schritt in die Luft machen. So geht ein Anfang. So unwahrscheinlich das klingt. Aber dafür braucht es Mut. Und eine gewisse Konzentration. Denn nicht überall ist Luft gleich dünn. Was kann ich tun für oder in dieser Welt, in der so viel schief zu gehen scheint? Und was mache ich mit mir? Einfach älter werden? Oder dem Versprechen nachgeben, besser und noch besser zu werden?

Wenn ich an meinen toten Vater denke, überlege ich, was seine Essenz war. Und ob er etwas daran hätte verbessern können. Ich weiß es nicht. Es gab viele Seiten an ihm, die ich schwierig fand. Aber wenn man sich Menschen insgesamt anschaut, war er sicher nicht einer der Schlechtesten. Worum geht es im Leben? Morgen ist auch noch ein Tag. So sagt man. Schauen wir mal.

Gehe zurück auf Los

So habe ich mir das eben auch nicht vorgestellt. Dass ich immer wieder von vorne anfange bei der Frage, wer ich eigentlich bin. Oder wo ich hin will.

Vermutlich gibt es ja auch sehr verschiedene Charaktere, dass es den einen so, den anderen eben anders ergeht. Aber seit mein Vater tot ist, habe ich das Gefühl, mich wieder neu zusammenstecken zu müssen. Ja. Müssen. Es passt nichts mehr zusammen. Es braucht eine neue Anordnung.

Doch finde ich den Ansatz nicht. Wenn ich mich betrachte von der Perspektive, „du hast jetzt keine Eltern mehr“, finde ich gar keine Idee. Es müsste etwas anderes sein. Vielleicht gar nicht unbedingt ein Verlust. Eher diese erleichternde Ansage „boarding completed“, nach der es dann endlich los geht.

Es muss ja auch gar nicht die Frage sein, wer ich bin. Sondern die viel spannendere: Wer ich sein will. Und dann sitze ich da, und starre Löcher in die Luft. Und dann miste ich irgendwann lieber die Schublade aus. Weil ich mich mit mir langweile.

Tja. Da braucht es wohl mal wieder GEDULD. Autsch. Ausgerechnet. Aber gut. Heute habe ich einen ganzen freien Tag. Und so ein Ostertag ist sicher nicht der schlechteste Ausgangspunkt, eine neue Perspektive zu finden.

Ein ganzes Leben

Wir Menschen gehören ja zu den Lebewesen mit großen Hirnen. Dennoch vergessen wir unablässig. Gerne auch wichtige Dinge. Mein Vater hat mich in den letzten Monaten oft gefragt, warum man geboren wird, wenn man am Ende doch nur stirbt. Ich hatte darauf keine Antwort. Jetzt, wo er tot ist, würde ich sagen: „weil mit dem Tod erst ein Leben – wenn vielleicht nicht vollendet, so doch wenigstens >fertig< ist“. Das ist wenig neu. Aber für mich gerade eine wichtige Erinnerung: Erst das Ende macht ein Leben komplett. Und wo wir bis zum letzten Tag noch viele offene Türen haben, die uns die Möglichkeit geben, noch einmal etwas anders zu machen, ist der Tod ein Abschluss.

Sogar ein plötzlicher Tod kann in diesem Sinn ein Leben komplett machen. Und uns im Leben die Gewissheit (und vielleicht auch den Trost) geben, dass wir nichts mehr erreichen müsssen. Sondern dass wir jeden Augenblick unseres Lebens schon vollständig sind. Ich kann mich erinnern, dass ich einen ähnlichen Gedanken schon vor acht Jahren hatte, als meine Mutter gestorben ist. Mal sehen, wie lange die Erkenntnis dieses Mal hält. Noch ein Elternteil habe ich ja nicht…

Die Buchmesse

Nein. Ich habe nicht ein Buch gesehen. Aber ich war auch nicht zum Stöbern angereist. Ich hatte einen Workshop vorbereitet, zuerst ging es deshalb auch für mich ins Kongresszentrum. Und als ich gestern, also Samstag, endlich in den Messehallen war, – voll ist gar kein Ausdruck!

Was mir gefällt: Früher waren die kostümierten Besucher*innen noch gelegentliche Hingucker. Dieses Mal waren sie – zumindest gefühlt – der Großteil des Messepublikums. Und da gab es so viel zu sehen. Aus Vorsicht, weil ich im Gewühl nicht alle fragen konnte, ob sie abgelichtet werden wollen, ist dieses Foto unscharf. Was, wie ich finde, eine ganz eigene Ästhetik hat, und der Situation vor Ort sogar gut entspricht, zumal, wenn man zum ersten Mal müde wird, und nichts sehnlicher wünscht als einen Kaffee…

Schade fand ich am Ende dann doch, dass ich nicht an die Buchstände gekommen bin. Für mich als Fazit: Nächstes Jahr werde ich nicht am Wochenende anreisen. Und vielleicht sogar selbst mal ein Kostüm wagen.

Dem Sterben zusehen

Aus dem Fernsehen sind wir einiges gewohnt. Kriegstote gehören fast schon zum täglichen Brot – zumindest in Krisenzeiten. Es ist immer ein ungutes Gefühl, das Drama im eigenen Zimmer zu haben, gleichzeitig keine – oder gefühlt unpassende – Emotionen zu spüren. Sterben wiederum ist uns fremd geworden. Selbst in Pflegeheimen bleibt das Gespräch darüber ausgespart. Man hält sich am aktuellen Zustand fest, und da ist – wenn auch nur noch wenig – Leben.

Ich habe meinen Vater in seinen letzten Monaten und Tagen begleitet. Wir hatten uns das beide anders vorgestellt: Mein Vater träumte von einem schnellen Tod im eigenen Bett, ich habe das Thema weitgehend verdrängt. Es wurde dann doch noch ein schwieriges letztes Jahr mit einer Lungenentzündung, die die ganze Lebensendzeitmaschinerie in Bewegung gesetzt hat. Krankenhaus, Heimsuche, Einzug ins Heim, enorm viele Infektionen, das langsame Wenigerwerden. Seine Angst, die einer friedlicheren Resignation wich. Die letzten Erinnerungen. Das Verstummen. Ein fünftägiges Ringen mit dem Tod. Kein Drama, eher eine körperliche Anstrengung.

Und ich war dabei. Ich hatte keine Antworten. Ich hatte eben auch kein herzliches Verhältnis zu meinem Vater. Er war mir vertraut. In dieser letzten Zeit habe ich überhaupt erst bemerkt, dass er eine schöne Stimme hatte. Manchmal habe ich versucht, mit ihm über das Sterben zu sprechen. Wenn er Angst hatte, erinnerte ich ihn an meine Mutter, und dass sie uns beiden ja tapfer vorausgegangen ist. Ich habe ihm die letzte Ölung ermöglicht, da war er noch beieinander und konnte mit dem Pfarrer sogar noch Witze machen. Und das eben auch, wir konnten hin und wieder miteinander lachen.

Jetzt denke ich, dass der eigentliche Punkt das Zusehen war. Natürlich in der Form des Daseins. Aber eben auch in der Form des Zeugnisses. Ich kann das nicht genau beschreiben. Aber es fühlt sich so an, als gehe es um das Hinschauen. Als eine Art Respekt. Vielleicht auch als ein Art, sich den eigenen Gespenstern zu stellen. Das Leben ist ein Windhauch. Was ich weiß, füllt sich mit Bildern. Die Sonne scheint. Auch das ein Windhauch nur.

Gespenster

Sie sind da. Seit mein Vater im Sterben liegt, kommen sie ganz nah. Sie umkreisten mich erst, ich wurde krank, sehr wackelig und aufnahmebereit für ihre Botschaften. Sie meinen es ernst. Jetzt kann ich einigen von ihnen ins Gesicht sehen. Sie kommen nicht oft. Die Atmosphäre um mich herum ist wie abgeriegelt. Ich höre andere Dinge. Machmal schon dachte ich, es sei ein Tinitus. Da lachen sie. Natürlich. Die Stille, die sie schicken, ist dicht wie Glas. Das Licht oft greifbar in seinen Farben. Sie sprechen manchmal gemeinsam. Aber ich verstehe sehr wenig. Ich denke dauernd, ich müsse meinen Alltag um jeden Preis fortführen. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Etwas Wichtiges im Leben richtig machen: das lässt sich nicht auf Morgen verschieben. Das muss von Minute zu Minute bedacht werden. Ich höre sie schon wieder lachen. Und dass Menschen alles immer so ernst nehmen. Ach, denke ich, es ist halt schwierig. Aber gleich werde ich mir eine Pizza bestellen. Der Tod ist ein seltener Gast. Ich werde ein Glas auf ihn heben.

Motivation

meine hängt gerade durch wie diese weiße Tulpe im Baum. Woher nehmen? Wie ein Mantra sage ich mir vor: Es ist nicht nur Alltag, es ist auch Dein Leben. Und nein. Kein Spass. Einfach nur etwas mehr Karacho. Welche Freiheit nehme ich mir? Welche unangenehme Sache kann ich angehen (ich kenne doch das tolle Gefühl, wenn das erledigt ist!)? Wem eine Freude machen? Wo meine Nase reinstecken? Erst mal was Naheliegendes machen. In der Hoffnung, dass daraus eine Startbahn für den Tag wird…

Etwas nicht (nie) können

Ich habe gestern in der ZEIT einen Artikel über eine Amerikanerin gelesen, die seit 30 Jahren ohne wesentlichen Erfolg surft. Der Sport ist ihr Hobby. Die Geschichte wäre nicht der Rede Wert, wenn – ich meine, wir kennen alle diese Hobby-Künstler*innen, Sportler*innen, Sänger*innen, Autor*innen, die im Grunde nicht aus dem Knick kommen mit ihrem Freizeitvergnügen und stoisch auf niedrigstem Niveau weitermachen. Und eben. Ich gehöre dazu. Alles, was ich je in der Freizeit gemacht habe, scheiterte. Ich bin nie wirklich gut in etwas geworden. Es blieben Misserfolge auf der ganzen Linie. Mich hat das schon öfter beschäftigt. Auch, dass mich die Misserfolge zwar unmutig gemacht haben, aber nie wirklich entmutigen konnten. Es war eher so, als habe ich hier und da meine Nase mal reingesteckt, um zu sehen, was alles geht (halt ohne mich).

In dem Artikel ging es dann tatsächlich noch um mehr, nämlich die Frage, warum wir oft denken, wir müssten gut in etwas sein. Warum wir immer etwas können sollen. Wie oft musste ich mir anhören, es liege ja nur an mir, etwas zu lernen. Und meine Einwände, dass ich nun mal nicht handarbeiten kann oder dass mir eine Fahrradreparatur zur Katastrophe wird, wurde mit dem Einwand weggewischt, dann hätte ich mich eben nicht genug angestrengt. Man könne schließlich alles lernen.

Nein, sage ich jetzt. Ich kann nicht alles lernen. Es gibt Begabungen. Nicht, dass ich mich auf Ausreden verlegen will. Ich kann nämlich auch nicht gut putzen. Aber ich weiß, dass ich dranbleiben werde.

Der entscheidende Punkt ist aber der: Ich kann etwas nicht können, und trotzdem Spass daran haben. Weil alles, was ich versuche, Horizonte öffnet. Oder mich und meine grauen Zellen in Bewegung setzt. Ich fotografiere weiter lausig, und oft mit zweifelhaften Ergebnissen (s.o.). Aber es bleibt ein Spass, den ich nicht missen möchte, vor allem jetzt, wo die Sonne lacht. Und ihr so? Habt ihr Hobbies? Doch, ja, würde mich interessieren.

Tod und Hoffnung

Im Grunde wiederholt sich diese Vorstellung jedes Jahr, wenn auch, wie es scheint, jedes Jahr ein bisschen früher: die Wiederkehr des Lebendigen nach den dunklen Wintermonaten. Früher fand ich es schön. Mittlerweile greift mich dieses neue Wachsen tiefer an. Als Trost. Und als ein Frohsein, das über mich hinausgeht. Mir steht auch Hölderlins Begeisterung für den Frühling klarer vor Augen – oder ja, eher vor dem Herzen. Diese Hoffnung auf einen Neustart. Für die Welt und auch für mich selbst. Gerade Hölderlin jedoch zeigt, wie Verzweiflung greift, wenn einem der Frühling egal wird. Dann ist Natur eben doch nur noch ein Rad, das leerläuft.