Der tote Fuchs

Er ist ausgestopft. Dennoch denke ich, er schläft. Und ich möchte ihm so gerne über das Fell streicheln. Weil ich früher mal Stofftiere hatte? Oder was läuft hier falsch? Der tote Fuchs als jemand, den ich nicht mehr erreichen kann (der Lebende hätte sich vermutlich auch nicht um mich geschert). Oder ein Fuchs wie ein Pferd, das ich tot geritten habe. Die Friedlichkeit im toten Körper. Vielleicht als Hoffnung. Seine Fangzähne. Die ihm, wenn er so daliegt, etwas schelmisches verleihen (Wehe aber, er will beißen). Einfach nur so so daliegen können. Ist es das? Ein Fell haben? Eine Sehnsucht nach Lebewesen, die keine Menschen sind?

Blau im Kopf

Die Wirkung ist ähnlich – hat aber nichts mit „blau sein“ zu tun. Ich war eine Woche am Mittelmeer und habe hauptsächlich geschlafen und am Meer gesessen. Kein tolles Programm, und alle, die mit großen Augen fragen, was ich denn in der Woche gemacht habe, muss ich enttäuschen. Es ist auch nicht so, dass ich was auch immer an Gelassenheit oder Kraft aufgetankt hätte. Wahrscheinlich war die Zeit zu kurz. Aber ich habe Blau im Kopf. Und das hilft zumindest, schwarze oder schwer graue Tage im Alltag zu überstehen. Als Erinnerung: Die Welt ist auch schön.

Und wenn nichts mehr geht: London

Tatsächlich hatte ich das Wochenende zu einer Zeit gebucht, in der vom Umzug meines Vaters in meine Berliner Nachbarschaft noch nicht zu denken war. Als es soweit war, kam ich mir vor wie jemand, die sich still und heimlich von der Bühne schleicht. Nur halbwegs klar im Kopf und hier möchte ich ausdrücklich der Telefonistin der Berliner Volksbank danken, die mir, obwohl ich den entsprechenden Pin nicht wusste, mein Konto für die London-Tage freigegeben hat. Ich will mir gar nicht vorstellen, was anderenfalls gewesen wäre. Aber so kam mich mit dem Schreck davon und konnte schon am frühen Nachmittag ins British Museum gehen, in ein Lieblingsantiquariat und zum Abendessen. Nach dem ich müde und dankbar ins Bett gefallen bin.

London war die große Überraschung für mich im letzten Jahr. Ich bin halt hingefahren, weil ich die Museen auf meiner kunsthistorischen To-Do-Liste hatte. Und weil ich auch da mal eine Auszeit brauchte. Ich verliebte mich in die Stadt, doch auf dem neuerlichen Flug dorthin war ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher. Regen war angesagt und ich hatte so ziemlich gar nichts vorbereitet (dass ich die EC-Karte nicht freigeschaltet hatte, wusste ich zu dem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht). Wie erleichtert war ich, als bei der Landung zwar nicht fett die Sonne schien, es aber immerhin auch nicht goss, und ich in kürzester Zeit mein Hotel gefunden hatte.

Was mich gleich wieder froh machte, dass die Leute dort meist Lust auf ein Gespräch haben. Im Antiquariat habe ich mich dem Besitzer über Füchse unterhalten, beim Abendessen hatte ich eine Großmutter mit ihrer Enkelin am Nachbartisch, beim Frühstück im V&A saß ich mit einem Vater, seiner Tochter und ihrer Freundin am Tisch. Nicht, dass mein Englisch irgendwie flüssig wäre. Aber das stört meist niemanden. Und das gefällt mir so. Dass ich mal nix können muss, und trotzdem was geht.

Das Wetter wurde hochsommerlich. Aber die meiste Zeit war ich in Museen und habe mir die Augen ausgeschaut. Das war jetzt meine dritte Reise, bislang noch gab es jedes Mal etwas Neues. Das liegt natürlich auch daran, dass zum Herbstbeginn neue Ausstellungen starten, gefreut hatte ich mich auf die Diva-Ausstellung im V&A, aber richtig überrascht haben mit die Fotos, die Paul McCartney auf den Beatles-Touren 1963 und 1964 gemacht hat. Eine echte Sause.

Zwischendrin habe ich viel gegessen und viel geschlafen. Und als ich wieder zu Hause war, ging erst gar nichts mehr. Denn mein Kopf war voller Bilder. Und ich wusste gar nicht, womit anfangen im jäh wieder einsetzenden Alltag. Mittlerweile habe ich wieder in meine Routinen reingefunden. Und merke, wie sich die neuen Bilder zu neuen Ideen auswachsen. Und sollte von denen so gar nichts fruchten, habe ich mir einen tollen Schal mitgebracht, der mir im Herbst und Winter ganz bestimmt die Laune hebt.

Mich vom „müssen“ verabschieden

Manche Einsichten lassen Jahre – ach was, Jahrzehnte – auf sich warten. So bin ich mit dem eisernen Gesetz „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ groß geworden. Ein strenger Leitfaden, der mich Disziplin gelehrt hat. Aber die Sache mit dem „erst mal“ etwas „müssen“, bevor ich etwas „darf“ hat auch eine Schattenseite. Denn es geht ja keineswegs immer nur darum, Vergnügen gegen Pflicht auszuspielen. Sondern auch darum, etwas Neues gegen tagtägliche Trampelpfade durchzusetzen, oder eben mal wieder nicht.

Es fällt schwer, um so mehr, als wir auch über Spatzen und Tauben sprechen, denn ein sicherer Auftrag verspricht immer ein Honorar, während neue Wege erst mal nur Möglichkeiten aufzeigen. Und es zeigt sich etwas, was ich bislang unterschätzt habe: es fällt mir viel leichter, einen Auftrag abzuarbeiten, als neue Ideen zu realisieren. Nicht, weil ich es nicht kann, sondern weil die dazu nötigen Schritte nicht immer sukzessiv und vor allem nicht immer gleich mit Arbeit in Verbindung gebracht werden können. Einen ganzen Vormittag zu telefonieren ist anstrengend, zeigt sich für mich als Freiberuflerin aber nicht als Plus auf dem Konto. Schon gar nicht sofort.

Und dann gibt es Situationen, die alles ändern. Seit mein Vater ein Pflegefall ist, führe ich ein anderes Leben. Neue Pflichten gelten und lassen sich mit den alten nicht immer unter einen Hut bringen. Und da gibt es diese erneute Erfahrung, dass das Leben endlich ist. Wenn ich jetzt keine Weichen neu stelle, könnte es beruflich zu spät werden. Dieser Unvermeidlichkeit nicht mit noch mehr Disziplin zu begegnen, sondern mit Loslassen, hat sogar etwas Beglückendes. Zumindest in der Theorie. Ob das bis in den Alltag reicht, wird sich zeigen.

Mehr als eine Couch

Eigentlich ein genialer Schachzug – Patient*innen einzuladen, sich auf eine Couch zu legen. Denn wenn es „ums Eingemachte“ geht, ist nichts kontraproduktiver, als ein Kopf on top, oder der Verstand im Anschlag. Nichts gegen Verstand. Aber Gefühle oder Stimmungen lassen sich fürs Erste nicht verstehen. Sie sind flüchtig wie Wolken. Und es geht zunächst darum, sie überhaupt erst mal zu bemerken. Nö. Die Aufgabe ist gar nicht so einfach. Mir selbst geht es bei der alltäglichen Frage, wie es mir geht fast immer so, dass ich es nicht weiß. Wäre ich ehrlich, würde ich knapp antworten „Autopilot“, was auf rheinländisch so viel heißt wie „normal“. Was dann keine Lüge wäre. Aber auch keine Antwort. Denn wie es mir geht, erfahre ich morgens oft nur auf der Yogamatte, der kleinen Schwester der Couch für noch kleinere Wohnungen. Und für die Yogamatte nehme ich mir eher selten Zeit.Ich bereite gerade ein Interview mit einem Psychoanalytiker vor und bin deshalb schon mal in die Welt der Analyse eingetaucht. Ich denke auch viel über indigene Traumsichtungen oder -deutungen nach. Denn es scheint, dass Träumen stets die Fähigkeit zugesprochen wurde, den einzelnen Menschen mit der Welt oder gar dem Universum zu verbinden. Träumen und Liegen nicht als „Freizeit“ oder gar „Nichtstun“ zu verstehen, sondern als eine andere Art zu denken. Und wer dann als ältere Frau auch noch die Beine hochlegt oder mit den Zehen wackelt, hat gleich noch was für die Gesundheit getan. Eigentlich toll, oder?

Lang machen

Der Hase im Viktoriapark ist so groß wie anderer Leute Schäferhund. Aber er ist viel kuscheliger und immer noch niedlich, auch wenn die Größe im ersten Moment wirklich erschreckt (mich zumindest…). Gestern auf dem Weg ins Büro habe ich ihn gesehen, und mich gefreut. Denn auch wenn ich einige Stapel auf dem Schreibtisch habe, ist Entspannung möglich (so für mich der Hase – und guckt er nicht auch richtig verschmitzt?). Euch allen ein schönes Wochenende!

Es geht um den Erhalt der „öffentlichen Wohnzimmer“

So zumindest sieht es laut Spiegel online Ingrid Hartges, die Verbandschefin für Hotels und Gastronomie. Es steht eine Erhöhung der Mehrwertsteuer im Raum. Das könnte zu einer neuerlichen Pleitewelle im Restaurantbetrieb führen.

Soweit ja. Ich bin für Restaurants. Aber ich störe mich an dem Begriff „öffentliche Wohnzimmer“, den sie wählt. Seit wann ist „öffentlich“ mit Eintritt verbunden? Wer wenig Geld hat, weiß, wie wenig willkommen man in der gastronomischen Öffentlichkeit ist, wenn man versucht, an einem regnerischen Abend einen Kaffee in einem Speiselokal zu ordern. Oder auch nur ein Glas Leitungswasser zum bestellten Essen zu verlangen. Die Restaurant-Öffentlichkeit strahlt tatsächlich Gastlichkeit aus und viele Straßen Berlins profitieren von den Lokalen. Aber das eigentliche Problem ist ein anderes: Es gibt in der Stadt viel zu wenig „öffentliche Wohnzimmer“. Also Orte, an denen wirklich jede*r willkommen ist. Im Sommer mögen es Parks sein und Badeseen. Aber lasst mal den Winter kommen. Oder Eimerweise Sommerregen.

Für mich als Kunsthistorikerinnen stehen ja immer wieder die Museen zur Diskussion. Weitgehend eintrittsfreie Häuser wie das sensationelle V&A in London (überhaupt die großen Londoner Museen) sind für mich die Bestätigung dafür, dass das geht. In Göttingen gibt es übrigens mittlerweile auch ein Haus, das es mit der Öffentlichkeit Ernst nimmt, und Obdachlose nicht sofort rausschmeisst: das Museum der Universität verändert sein Selbstverständnis hin zu einem solchen wirklich öffentlichen Ort. Also hingehen. Wer will bekommt im Museumscafé natürlich auch einen Kaffee mit Kuchen, Pommes oder sonst was. Gegen Geld. Wie üblich…

Neustart

Oder: wenn sich das Leben revidiert. Ich bin Anfang der 1990er Jahre nach Berlin gekommen. Nicht nur, um hier zu studieren. Sondern auch – und vielleicht vor allem – um meinen Eltern so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Ich bin ein Einzelkind und hatte das Pech, in der Beziehung meiner Eltern die Schuldige für alles zu sein. Ein Mädchen auch noch, das ein Junge hätte sein sollen. Ein eher hässliches Kind. In der Pubertät haben wir uns endgültig entzweit. Versuche, danach wieder ins Gespräch zu kommen, fanden nicht einmal einen Anknüpfungspunkt.

Berlin lag mir anfangs so gar nicht. Mittlerweile kann ich mir kaum eine andere Heimatstadt vorstellen. Und jetzt wohnt mein Vater fünfhundert Meter von meiner Wohnung in einem Pflegeheim.

Er kann nicht mehr laufen. Insofern bleibt mir ein gewisser Schutz. Das Heim ist für mich fast „extraterrestial“ – wenn ich rein gehe, ist es für mich eine Zone außerhalb meiner Welt. Aber meine Träume sprechen eine andere Sprache. Ich bin in die Falle gegangen und liege im eigenen Blut.

Ja. Die Theatralik eigener Träume ist kaum zu überholen. Im Wachzustand versuche ich eine Überschreibung. Denn ich will nicht zurück in mein altes Leben als Tochter. Und sehe mich gerade vor einer neuen Aufstellung meines Alltags/Lebens. Ich sage mir, dass es hier auch Chancen geben wird. Und dass ich die Augen offen halten soll. Vielleicht gibt es für mich eine klarere Grenze der eigenen Belastung. Das zum Beispiel wäre ein Gewinn. Denn ohne familiäre Anbindung hatte ich oft kein Maß für meine Erschöpfung. Mit der aber muss ich jetzt anders haushalten. Wir werden sehen. Gestern dachte ich sogar kurz an einen Hund. Als wäre der zusammen mit einem Vater im Heim jetzt viel näher als ohne Vater im Heim. Schauen wir mal.

Um es nicht ganz zu vergessen:

Es ist Sommer. Und auch wer nicht viel Zeit hat, oder Ruhe: rausgehen, Freund*innen treffen, und ja: Regenspaziergänge sind auch toll. Lieblingsklamotte anziehen (und nicht im Schrank vergessen), Beeren gibt es gerade in Hülle und Fülle. Die sind auch einfach so lecker. Da muss kein aufwändiges Beiwerk drumrum. Kurz: Lasst es Euch gut gehen.