Nach dem Fieber

Eigentlich war es eine Woche Urlaub. Aber es fügte sich nun mal so, dass es eine Woche Fieber wurde.

In der Mitte der Woche hatte ich einen großen Traum vom eigenen Sterben.

Jetzt fühle ich mich wie ans Ufer geschwemmt nach einem Schiffsbruch.

„Du musst dein Leben ändern!“

Ach ja.

Gibt es etwas, was ich dieses Jahr gelernt habe?

Die Frage steht mir früher oder später in jedem Dezember vor Augen. Nix zu machen. Die kommt. Und dann schaue ich zurück, und sehen meistens nur Dinge, die ich immer wieder versemmele. Ich kann gut nicht-lernen.

Aber diesmal kam eine Antwort: Ich muss nicht.

Klingt wie eine Altersweisheit. Aber da will ich mal vorsichtig sein. Weil es eigentlich etwas ist, was man nicht früh genug verstehen kann. Natürlich gibt es Gegebenheiten. Die Schwerkraft. Verträge oder Familie. Dennoch habe ich immer die Möglichkeit, etwas anders zu versuchen. Wenn es zu schwer wird. Wenn sich etwas nicht mehr gut anfühlt. Wenn es mich auslaugt. Oder mir das Gefühl gibt, rennen zu müssen.

Ich muss nicht. Außer eine Alternative vorzuschlagen, wo ich in etwas eingebunden bin. Das ist für mich eine Wende. Denn ich verstehe, dass ich – obwohl ich grundsätzlich akzeptiere, dass nicht alles so laufen kann, wie ich mir das wünsche – Nein sagen kann. Das ist ein neuer Horizont.

Ich bekomme zum Beispiel ein Angebot. Das ist richtig toll. Aber es gibt einen Punkt, der für mich nicht passt. D.h. an diesem Punkt sind Bauchschmerzen für die nächsten 10 Jahre garantiert. Dennoch ist das Angebot toll. So, wie ich gestrickt bin, würde ich die Bauchschmerzen akzeptieren. Aber ich habe verstanden, dass ich das gar nicht kann.

Man sollte niemanden zu etwas zwingen. Auch nicht sich selbst. Das ist befreiend. Bedeutet aber auch, dass ich genau schaue, was geht und was nicht. Wer sich dauernd in Zeitnot fühlt, wird spätestens hier wieder schlechte Laune bekommen (oder Bauchschmerzen).

Wenn ich aber verstehe, dass Verhandlungen zum Leben dazugehören, ist auch die Suche nach einer Alternative keine lästige Pflicht mehr. Gleich koche ich mir einen Kaffee und überlege mal. Gar kein schlechter Move für den 2. Advent…

Das Foto zeigt eine Arbeit, die ich in einem Workshop-Raum des Museums Ludwig in Köln gemacht habe. Es gab keinen Hinweise auf die oder den Urheber/in. Ich nehme das Foto selbstverständlich sofort aus dem Blog, falls gewünscht. Noch lieber jedoch nenne ich den Namen, denn ich finde das Bild hinreißend.

Der schöne Zufall.3

Es war nicht gerade ein Zufall, und zunächst auch kein wirklich schöner, als Dirk vor gut 10 Jahren von Berlin Kreuzberg nach Ottobrunn zog. Die Arbeit, die Kinder, gute Gründe, aber eine echte Umstellung. Schön für uns, dass er es nicht beim leise Trauern um die verlorenen Großstadtfreiheiten beließ. Sondern sich um Ottobrunn bemühte. Und natürlich noch schöner, dass er die Geduld aufbrachte, neben seinem Brotjob eine kleine Hommage an seine neue Heimat zu verfassen.

So sind die „Ottobrunner Tristette“ entstanden, die seit diesem Herbst bei dem Lyrik-Verlag „Black Ink“ zu bestellen sind (und natürlich in jeder Buchhandlung). Ich denke, selbst wer noch nie in Ottobrunn war, kann sich vorstellen, wie es dort ist. Oder eigentlich, wie es ist – Ottobrunn hin oder her – , älter zu werden, sein Leben in weitgehend guter Ordnung zu wissen, aber dennoch verloren zu sein. Weil alles so kurz ist, und auch das Beste von Unerfreulichem gekreuzt wird, nicht mal von Bosheiten, sondern oft von eigenen Unzulänglichkeiten, oder Dingen, die nicht zu ignorieren sind.

Lebensfreude geht auch in Ottobrunn und also überall: so lautet die unbedingt frohe Botschaft der Gedichte (damit eignen sie sich übrigens bestens fürs Weihnachtskörbchen…). Man muss nur mit gewissen Eigenheiten vertraut werden. Und es nützt gar nichts, angesichts des provinziellen Ambiente ein mäkeliges Ego zur Schau zu stellen. Denn es gilt: „wer am lagsamsten sitzt, hat gewonnen.“

Ich danke dem Black Ink-Verlag herzlich für die unkomplizierte Freigabe des Gedichts.

Der schöne Zufall.2

Heimweg

Diese riesigen Räume der Nacht werden weniger wohnlich

mit den Jahren. Du unbekümmerter Sammler

silberner Mercedessterne schlingerst ein wenig verloren

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durch diese prächtige Altbauwohnung. Immer ein Pils

und ein Korn. Floß der Medusa. Greif zu, bevor sie sich

selber trinken. Ist nirgendwo Rettung? Kein Küstenlicht?

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Kein Fingerzeig der Gestirne? Da! wie aus dem Becher

geschüttelt: Matratzen Concord! Ein Schlenker nach rechts

und du schläfst auf der helleren Seite der Nacht.

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Das Gedicht ist von Dirk Held. Morgen verrate ich, wo es zu lesen ist.

Der schöne Zufall.1

Den nämlich gibt es auch. Und tatsächlich eher, wenn ich mich nicht durch den Tag hetze. Neulich zum Beispiel am Kölner Hauptbahnhof. Bei Reisen bin ich vorsichtig. Ich komme früh zur Abfahrt, damit Unvorhergesehenes noch Platz hat. Ich bin dann immer etwas hektisch (bloß keine Durchsage verpassen!), gleichzeitig habe ich Zeit für nichts Bestimmtes. Gerne gehe ich in die Buchhandlung, um zu blättern und zu stöbern. Und da schlug ich ein neu erschienenes Buch auf. Und ja, doch, genau auf der Seite, auf der ein Gedicht von meinem Freund Dirk zu lesen ist. Glaubt es, oder nicht, es heißt auch noch „Heimweg“.

Was in diesem Moment passierte war, wie wenn plötzlich alle Linien, die parallel in die Zukunft laufen, sich auf einen bestimmten Punkt hin biegen. Als gäbe es einen – wenn auch flüchtigen – Haltepunkt, eine Art Sinn oder eine Verankerung des eigenen Lebens in der Welt. Und wer jetzt neugierig ist auf das Gedicht – das stelle ich morgen vor. Denn jetzt muss ich erst mal hurtig zum Baumarkt.

Jetzt bloß keinen Fehler machen!

Der Satz muss schon millionenfach durch meinen Kopf gegangen sein. Mal laut, mal leise, oft mehr so im Hintergrund, vielleicht kaum verständlich. Was, wenn ich mich irre? Ist seine Schwester. Aber mit Fragezeichen nicht so bohrend und drängend wie der Fehler-Satz. Heute morgen stand er mir plötzlich komplett ausbuchstabiert vor Augen. Ohne dazugehörigem Problem. Nur der Satz. Und das war ein Aha-Moment ganz besonderer Art. Denn mit einem Schlag wurde mir eine meiner wichtigsten Motivationen im Leben klar: Jetzt bloß keinen Fehler machen!

Das musste dann erst mal sacken.

Ich meine, wie soll denn so ein Leben aussehen?

Es ist klar, dass ich da schleunigst weg muss. Nicht, dass ich missverstanden werde. Es wird fortan sicher nicht meine Absicht werden, viel falsch zu machen. Das hält zu vieles auf. Und schadet möglicherweise anderen, die damit nix zu tun haben. Aber ich sollte nicht immer auf den späteren Ausgang, auf das Fehlerpotential einer Entscheidung schielen. Ich weiß es ja eh nicht. Kann eben immer auch genau anders.

Vorausdenkend handeln bedeutet nicht unbedingt, Fehler zu vermeiden. Es könnte in meinem Fall bedeuten, mehr Risiko zu wagen.

Herbst

Schon liegt Staub

Auf Deinen Lippen.

Und die Herztür knirscht,

wenn ich Deinen Raum

darin öffne.

Groß und lebendig

Standest Du vor mir

Im Garten

Bei den Rosen

Am Zaun.

Jetzt liegst du grau

In pulsierender Erinnerung.

Papierdünn.

Dass ich kaum wage,

Dich länger anzusehen.

Guilty pleasure

Ich hatte gerade einen richtigen AHA-Moment. Also eine Tür öffnete sich, wo eben noch dicke Wand – und vor allem kein Weiterkommen war. Und jetzt ist zwar alles so wie vorher, in einem anderen Licht jedoch sieht es eben nicht nur anders, sondern viel, viel besser aus.

Es gibt nämlich Phasen, in denen ich viel You-Tube schaue. Und wirklich nur Trash. Und dann denke ich, Wow. Wie blöd ist das denn? Du vertrödelst Deine kostbare Zeit. Wie kommst Du bloß dazu.

Ein Teil meiner Trash-Begeisterung bezieht sich auf queere Formate. Ich schaue mit Begeisterung Princess Charming, früher auch Prince Charming oder Charming Boys. Und dazu die Kommentare, vor allem von Annika Zion und Silvi Carlsson. Eine andere Begeisterung habe ich für chinesische Soaps.

Annika und Silvi machen gerade ein gemeinsames Vodcast übers Fan-Sein. Und Guilty Pleasures sind im ersten Gespräch Thema. Und da ging dann für mich die Tür auf. Weil die scheinbar „verschwendete“ Zeit auch einfach nur Spass sein könnte. Klar könnte ich in der Zeit die Küche putzen, die nächsten Artikel schreiben oder „Sinnvolles“ tun. Vor allem, weil ich immer wieder meine Mutter vor Augen habe, die am Ende ihres Beruflebens eigentlich nur noch vor der Glotze hing, und von da zügig in ihre Alzheimer-Erkrankung rutschte. Das ist mir so eine schlimme Erinnerung, dass ich dauernd fürchte, da auch zu enden.

Aber es kann eben auch ganz anders sein: Mir macht etwas ziemlich banales Spass. Wobei, wenn ich Silvi und Annika zuhöre, ist es manchmal vielleicht gar nicht so banal. Sondern auch ein Blick in andere Welten, zu denen ich halt nicht gehöre. Die queeren Formate zum Beispiel machen wirklich was mit mir. Ich würde mal sagen: was positives. Und chinesische Soaps spielen in einer so anderen Welt. Ich meine, da will ich nun echt nicht hin. Aber sowas gibt es.

Ich verstehe: Mein Leben kann nicht nur aus sauber abgearbeiteten Pfichten und verdienten Vergnügungen bestehen. Das ist kein gutes Leben. Das ist eine abgearbeitete To-Do-Liste. Die komischen Sachen, die ich gar nicht genau beschreiben kann, die mir das Gefühl geben, süchtig zu sein, weil ich es mir nicht anders erklären kann, sind die Hindernisse zur garantiert blütenreinen Weste. Mit der ich nie und nimmer rumlaufen möchte. Es ist das Widerständige. Das Unsichtbare. Das mich eben auch ausmacht. Vielleicht muss das so.

Selbstwahrnehmung

Im Grunde vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine Sache falsch oder zumindest nicht richtig gemacht habe. Als Resümee ist das ziemlich niederschmetternd. Klar: Die eigenen Gedanken klingen halt sehr vertraut, müssen, wie wir seit Freud wissen, aber nicht unbedingt mit der Wahrheit einher gehen.

Überall ertappe ich mich dabei, Dinge eigentlich anders anpacken zu wollen. Vor allem schneller. Denn immer schleife ich Unerledigtes mit mir rum. Aber ist das wirklich nur falsches Zeitmanagement?

Eine Sache ist mir tatsächlich verdächtig. Wenn nämlich alles darauf hinausläuft, dass ich was falsch – oder zuminstes zu spät – mache… – !?

Wie anders wäre die Ausgangslage, wenn ich denken könnte: „Vielleicht muss es so“. Ich wäre mit einem Schlag aus dieser Selbstbeschuldigung raus. Und bräuchte gar nicht mal einen anderen Schuldigen. Dinge wären, so wie sie nun mal sind, richtig. Weil ich nicht alles um mich herum wie eine fantastische Dompteurin – sogar im Schlaf – unter Kontrolle halte.

Die Terminarbeit, die ich als Freiberuflerin leiste, hat mir über die Jahrzehnte vermutlich den Blick auf eine „vernünftige“ Zeiteinteilung verstellt. Die zum Beispiel auch mit Strategien wie Abwarten, Passiviät oder dem Vorziehen anderer Aufgaben operiert.

Außerdem: „Schnell, schnell“ kann im Unbewussten auch zu einer Bockigkeit führen, mit der ich erst recht alles Mögliche vergesse, übersehe und also gar nicht mache. Bis es (fast) knallt: „Lebe schnell und gefährlich“ – ein billiger Ersatz für Fast-Rentner_innen. Im banalsten und damit schlimmsten Fall.

„Vielleicht muss es so.“ Ich erlaube mir diesen Satz ab heute. Wer weiß.

Wie heißt der überhaupt

Also ich das letzte Mal hier geschrieben habe, dass es auch Bücher gibt, die ich mag, obwohl mir die Erzählstimmen nicht so dringend sympathisch sind, wusste ich zwar, dass das stimmt, aber mir fiel kein Beispiel ein. Jetzt liegt aber gerade eins vor, bzw. neben mir, ein Buch das mir eine Freundin geschenkt hat, sie besaß kurz zwei davon, weil sie in einer schweizerischen Jury sitzt, wo das Buch gerade im Favoritenkreis gelandet ist: „Es sind nur wir“ von Martin Peichl. Das zweite ist jetzt meins.

Am Anfang hat mich eigentlich nur der Fuchs auf dem Cover interessiert. Da schaue ich doch mal rein, und ja der Fuchs, der sich als Füchsin entpuppte, kam auch gleich im ersten Satz zur Sprache. Schön, also mal weiter. Und dann hat es schon angefangen, mir zu gefallen, obwohl ich beim Lesen leicht fröstele, da schaue ich in ein Leben, das doch sehr aus den Fugen gerät. Sowas macht mir schnell Angst, denn ich halte mein eigenes Leben oft nur ganz knapp in den Fugen, da fürchte ich mich halt, wenn ich merke, wie dünn überall Wände und Dächer über Köpfen sind. Oder wie schnell sich Freundschaften verlieren können oder Liebe einfach nur zerbröselt.

Ich lese immer noch drin, obwohl der Erzähler – ich weiß wirklich nicht, wie er heißt, und ob ich unaufmersam war oder es tatsächlich noch nirgends stand – so komisch durchs Leben schlittert oder vielleicht schon in so einer Abwärtsspirale hängt, weil er vielleicht eine tödlich endende Krankheit in sich trägt oder irgendeine äußere Gefahr lauert, da spitzt sich was zu, pöbelnde Männer erst in der Straße, später mit Pferden bewaffnet im Wald, aber ganz klar ist mir nicht, ob das Träume sind oder Realität. Gut gefällt mir, dass es zwei Text-Kategorien gibt, einmal die Geschichte, wie sie so weiter erzählt wird, und dann immer wieder Einschübe mit allen Möglichen Ausgriffen auf Details, die in der Geschichte und also im Leben des Protagonisten so vorkommen.

Die Sprache gefällt mir, weil sie präzise ist, aber schlicht wie das geschilderte Alltagsleben, das, von den Schieflagen einmal abgesehen, die mir zusetzten, auch mein Leben sein könnte. Was ich da lese, kenne ich gut. Das mag ich. Das ist, wie eine Freund_in treffen. Schön einfach. Obwohl es natürlich gleichzeitig enorm vielschichtig und kompliziert ist. Ich stelle mir auch viele Fragen. Zum Beispiel, warum ich immer noch so viel so wichtig nehme. Weil in dem Buch so genau der unerschütterlich simple Alltag beschrieben ist, aus dem Leben nun mal gewebt sind. Und weil mir das doch auch so gefällt und ich das Andere, wonach ich mich oft sehne, schon beim Sehnen irgendwie zu groß finde.

Ich denke, ich werde das Buch bis zu Ende lesen. Mal sehen, ob ich es dann auch noch mag. Gerade bin ich nur froh, dass ich wieder zum Lesen komme. Ohne Bücher fühle ich mich doch manchmal sehr alleine.